# taz.de -- Ökonom über die USA unter Trump: „Das System ist gekippt“
> Um die autokratische Ordnung zu stürzen, reicht es nicht aus, die Macht
> der Milliardäre anzugreifen, sagt der Ökonom William Lazonick. Es müsse
> umverteilt werden.
(IMG) Bild: Geld regiert seine Welt: Donald Trump Anfang Januar vor dem Weißen Haus
Die Komplizenschaft von Geld und Macht ist ein wesentliches Merkmal der
autokratischen Regierung von Donald Trump. Finanzielle Interessen bestimmen
selbst den [1][US-Überfall auf Venezuela] und den [2][politischen Druck auf
Grönland]. Die Liste der Milliardäre auf entscheidenden Posten ist lang:
Howard Lutnick (Handelsminister und Finanzkapitalist), Scott Bessent
(Finanzminister, Hedgefonds-Manager) oder Linda McMahon
(Bildungsministerin, World Wrestling Entertainment) und Steve Witkoff
(Sondergesandter Naher Osten und Ukraine-Verhandler, Immobilien-Entwickler)
gehören dazu. Andere haben als Berater im Weißen Haus Zugang zu Trump. Dazu
zählen Tech-Pioniere wie Marc Andreessen und Ben Horowitz (Venture Capital
Investoren) oder Peter Thiel (Palantir- und Paypal-Mitgründer). Und
natürlich Elon Musk.
Im November 2024 haben die meisten Wähler und auch Wählerinnen ohne
Collegeabschluss für Trump und nicht für die demokratische Kandidatin
Kamala Harris gestimmt, obwohl das wichtigste Thema dieser Menschen die
wirtschaftliche Lage war. Jetzt kann man beobachten, wie Oligarchen und
Investmentmilliardäre den Staat zulasten der Bevölkerung plündern. Der
parteilose progressive Senator Bernie Sanders formulierte das auf seiner
„Fighting Oligarchie“-Tour so: „Noch nie zuvor in unserer Geschichte hatten
so wenige so viel Reichtum, während so viele Amerikaner zu kämpfen hatten.
Noch nie haben so wenige so viel politische Macht in ihren Händen
gehalten.“
taz: Herr Lazonick, steuern die USA angesichts des Einflusses von
Milliardären im Weißen Haus auf eine postöffentliche Welt zu, in der die
Regierung lediglich ein Werkzeug ist, das für private Interessen genutzt
werden kann?
William Lazonick: Ja, genau das beobachten wir. Aber das System ist schon
lange vor Trump gekippt.
taz: Was genau kippte vor Trump?
Lazonick: Das Sozialmodell, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen
Ländern entwickelt hat, sah vor, dass Unternehmen die Gewinne aus dem von
ihnen geschaffenen Wert mit den Menschen teilen, die diesen Wert schaffen –
also ihren Mitarbeitern. Obwohl es immer viel Kritik an Unternehmen gab,
wurde ein hoher Lebensstandard für die Mittelschicht geschaffen, selbst in
den USA, die unter den kapitalistischen Volkswirtschaften die extremste
Einkommensungleichheit aufweisen. Seit den 1980er Jahren ist die
Beteiligung der Beschäftigten an den Gewinnen aus der Produktivität und
Rentabilität der Unternehmen verschwunden. Die Reichen haben die
Unternehmen geplündert. Die progressiven Kräfte in den Vereinigten Staaten
sollten die Aufmerksamkeit auf die Plünderung der Unternehmen lenken, aber
sie tun dies nicht.
taz: Die [3][Progressiven und die Demokraten] prangern immer wieder
lautstark an, wie die neuen Oligarchen den Staat ausnehmen. Aber Sie sagen,
das eigentliche Kernproblem sei die Plünderung der Unternehmen?
Lazonick: Ja. Und das sollte als eine wichtige Form der Korruption
angesehen werden. Aktionäre sind die unwichtigsten Personen in großen
Unternehmen, da sie lediglich Aktien kaufen und verkaufen. Selbst
Großaktionäre sind Personen oder Institutionen, die Aktien des Unternehmens
auf dem Markt kaufen, ohne dass etwas an das Unternehmen geht. In den
1980er Jahren begannen Unternehmen, für diese Aktionäre, die keinen Beitrag
leisten, „Wert zu schaffen“. Nicht nur durch die Zahlung von Dividenden,
sondern auch durch den Rückkauf ihrer Aktien, um die Aktienkurse zu
manipulieren. Die Gewinner sind Unternehmensinsider und Hedgefonds-Manager,
die durch den zeitlich gut abgestimmten Kauf und Verkauf von Aktien Gewinne
erzielen. Diese Plünderung der Unternehmen, die ich als „räuberische
Wertabschöpfung“ bezeichne, ist das Kernproblem der sozioökonomischen
Ungleichheit in den Vereinigten Staaten.
taz: Warum ist es ein Problem, wenn Unternehmen ihre eigenen Aktien
zurückkaufen? Selbst Trump hat kürzlich gewarnt, dass das System der
Aktienrückkäufe beendet werden muss. Er hört also eindeutig die
Unzufriedenheit der weniger wohlhabenden Teile seiner Wählerschaft.
Lazonick: Aktienrückkäufe sind ein integraler Bestandteil des
Shareholder-Value-Modells, das Unternehmen und Gesellschaft dominiert, und
wonach Unternehmen in erster Linie den Interessen ihrer Aktionäre dienen
sollen. Auch Führungskräfte wurden durch aktienbasierte Vergütungen dazu
gebracht, sich an der „Wertschöpfung“ für die Aktionäre zu orientieren. Und
so zittern die Top-Führungskräfte in Unternehmen vor Angst, dass die
Hedgefonds-Aktivisten sie aus ihren mächtigen und lukrativen Positionen
verdrängen könnten. Sie sitzen an der Spitze dieser dominierenden
Unternehmen, und jemand anderes, der nichts mit dem Unternehmen zu tun hat,
außer Aktien auf dem Markt zu kaufen, kann ihnen sagen, was sie zu tun
haben.
taz: … Aktienrückkäufe erhöhen den Marktwert der knapperen Aktien, was
wiederum den Aktionären zugute kommt. Natürlich erhalten sie auch höhere
Dividenden auf die Aktien …
Lazonick: Im Laufe der Jahrzehnte wurden Milliarden und Abermilliarden
Dollar für Aktienrückkäufe verschwendet, um die Aktienkurse zu
manipulieren, anstatt in die Unternehmen selbst zu investieren und den
Arbeitnehmern höhere Löhne und mehr Arbeitsplatzsicherheit zu bieten.
Gleichzeitig fordern die Unternehmen niedrigere Steuern, obwohl sie von
staatlichen Investitionen in die Wissensbasis und die physische
Infrastruktur des Staats abhängig sind. Die Gesamtsumme der Rückkäufe
beläuft sich allein bei den großen Unternehmen im Aktienindex S&P 500 auf
fast 1 Billion Dollar pro Jahr. Die innovativsten und mächtigsten
Unternehmen tätigen die meisten Rückkäufe. Apple ist ein Extremfall mit
etwa 817 Milliarden US-Dollar – 91 Prozent des Nettogewinns – in den
letzten 13 Jahren, darunter 95 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 und 91
Milliarden US-Dollar 2025. Das ist eine Wirtschaft, in der im Grunde
genommen Menschen mit Geld Geld verdienen.
taz: Sie beschreiben die Umverteilung von Reichtum: Aktienrückkäufe kommen
vor allem den größten Aktionären, Investoren, Hedgefonds und
Führungskräften zugute. Warum sollte Bernie Sanders das nicht verstehen, wo
er doch durch das ganze Land reist und die Oligarchen anprangert?
Lazonick: Bernie Sanders geht von der Existenz von Milliardären aus. Er
fragt aber nicht, wie sie zu Milliardären geworden sind. Er hat keine
Berater, die sagen: „Lasst uns kritisieren, wie Milliardäre zu Milliardären
werden.“ Es ist einfacher zu sagen: „Lasst die Milliardäre ihren ‚gerechten
Anteil‘ an Steuern zahlen“, als den Menschen zu erklären, wie die
Milliardäre überhaupt so reich geworden sind. Es reicht nicht, zu sagen,
dass sie höher besteuert werden müssen. Wir müssen sie davon abhalten,
diese Unternehmen zu plündern. Wenn man das nicht versteht, versteht man
auch nicht die wirtschaftliche und politische Macht der obersten 0,1
Prozent. Diese Leute werden immer mächtiger, fühlen sich immer mehr
berechtigt und nutzen den Staat, um ihre Macht zu vergrößern. Das ist
übrigens kein republikanisches Phänomen. Unter Bill Clinton gewannen
Hedgefonds und Private Equity enorme Macht. Barack Obama hat sich ihnen in
keiner Weise widersetzt. Biden war sich des Problems bewusst, aber als er
Präsident wurde, hat er es einfach ignoriert.
taz: Wenn es nicht ausreicht, die Macht der Milliardäre in Trumps Regierung
anzugreifen, wenn man sagt, wir müssen zu den Wurzeln des Milliardärismus
zurückkehren – wie geht das?
Lazonick: Das würde im Grunde genommen eine Reform der
Corporate-Governance-Vorschriften bedeuten. Wenn man beim Aufbau eines
Unternehmens führend ist, muss man zumindest die Gewinne mit seinen
Mitarbeitern teilen. Man muss die Art und Weise ändern, wie Unternehmen
geführt werden. Deutschland hat viel zu sagen, wenn es um die Beteiligung
der Arbeitnehmer an der Unternehmensführung geht.
taz: Zum Beispiel?
Lazonick: Wer ist in den Aufsichtsräten vertreten? Es ist lächerlich, dass
Aufsichtsräte die Aktionäre vertreten. Wer trägt tatsächlich zur
Wertschöpfung bei? Es sind die Mitarbeiter, die jeden Tag zur Arbeit gehen.
In einem innovativen Unternehmen, das durch hochwertigere und
kostengünstigere Produkte den Lebensstandard erhöht, will man keine Leute,
die nur zur Arbeit kommen und ihre Arbeitszeit absitzen. Man will Menschen,
die härter und intelligenter arbeiten und sich engagieren. Wofür engagieren
sie sich? Man will erwarten können, dass sie, wenn sie zum Erfolg des
Unternehmens beitragen, auch nächsten Monat, nächstes Jahr, in ein paar
Jahren noch einen Job in diesem Unternehmen haben.
taz: Wer sollte noch in die Unternehmensführung einbezogen werden?
Lazonick: Die Steuerzahler. Jeder wichtige Sektor, den es in den
Vereinigten Staaten gibt, existiert, weil Steuergelder für den Aufbau von
Infrastrukturwissen verwendet wurden. Als Steuerzahler sollte ich daher in
den Aufsichtsräten vertreten sein, die dieses Wissen und diese
Infrastruktur nutzen. Nichts davon gibt es. Es gibt unabhängige Mitglieder,
aber wenn sie beispielsweise Mitglied des Aufsichtsrats von Tesla werden,
ist das für sie Hunderte Millionen Dollar wert.
taz: Erklärt das, was Sie als „Unternehmensplünderung“ bezeichnen, das
Streben von Musk und seinen Oligarchenfreunden nach Macht?
Lazonick: Ja. Die psychologische Dimension dabei ist das Gefühl, ein
Anrecht auf diese Macht zu haben. Da die Gesellschaft die Vorstellung, dass
es die Aktionäre sind, die Wert schaffen, nicht kritisiert, können die
Milliardäre sagen, dass der Erfolg des Unternehmens allein von ihnen
abhängt.
taz: Was würden Sie den Trump-Wählern aus der Arbeiterklasse sagen?
Lazonick: Es heißt doch, dass die einfachen Leute jeden Tag über den Tisch
gezogen werden. Das muss man ihnen sagen: Hier liegt der Grund, warum sie
über den Tisch gezogen werden. Sie werden durch diese räuberische
Wertabschöpfung über den Tisch gezogen.
taz: Würde dies einen politischen Wandel gegen Trump und [4][seine
milliardenschweren Freunde] provozieren, die sich mal für ein paar Tage
Venedig kaufen, keine Steuern zahlen und die Regierung an sich gerissen
haben?
Lazonick: Der Wandel findet bereits statt, weil die Korruption – und
Grausamkeit – der von Milliardären unterstützten Trump-Regierung so
offensichtlich ist. Allerdings hat Trump bei den Wahlen 2024 77 Millionen
Stimmen erhalten. Ich finde es schwer zu glauben, dass jemand mit
moralischem Kompass für ihn stimmen würde. Aber ich glaube nicht, dass die
meisten Menschen unmoralisch sind. Sie sind nur schlecht informiert.
17 Jan 2026
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