# taz.de -- Digitale Souveränität: Die digitale Abhängigkeit jetzt durchbrechen
       
       > Irgendwer muss irgendwo mal anfangen. Mit einer internationalen Allianz,
       > Open Source und klaren Regeln für US-Konzerne könnte sich Europa von
       > BigTech lösen.
       
 (IMG) Bild: Bundeskanzler Friedrich Merz (l, CDU) und der französische Präsident Emmanuel Macron auf dem Gipfel zur europäischen digitalen Souveränität, 18.11.2025
       
       Deutschland hat seine digitale Souveränität in die Hände von Donald Trump
       und seiner Freunde der großen Tech-Unternehmen gelegt. In US-amerikanischen
       Clouds liegen gigantische 70 Prozent unserer Daten; bei der künstlichen
       Intelligenz sind US-Chat-Agenten hier ohne Konkurrenz; die sozialen Medien
       werden von US-Konzernen dominiert und vergiftet; die meisten Rechner laufen
       mit amerikanischer Software. Sollte Big Tech irgendwann keine Updates mehr
       liefern, aus politischen oder ökonomischen Gründen, weil der Präsident es
       so will, wäre das, als schaltete man Deutschland oder Europa mit der
       Fernbedienung ab. Man nennt das einen Kill Switch. Risiko: Totalausfall.
       
       So fahrlässig es ist, sich in der neuen transatlantischen Realität wie
       ehedem auf die Waffen des übermächtigen Nato-Partners USA zu verlassen, so
       unverantwortlich ist das naiv blinde Fortschreiben der [1][digitalen
       Abhängigkeit von Big Tech], hinter denen mitunter lupenreine Faschisten wie
       Elon Musk oder Peter Thiel stehen. Allein: Der Mut, schmerzhafte Schnitte
       zu ziehen, ist in Europa immer noch nicht ausreichend vorhanden. Dabei kann
       der Zyklus der digitalen Abhängigkeit durchbrochen werden. Dafür braucht es
       neben Mut natürlich Geld. Das hat die Bundesregierung, jedenfalls für
       Sicherheitsausgaben. Fehlt nur der Mut.
       
       Wenn Bundeskanzler Friedrich Merz diese Woche beim Gipfel zur digitalen
       Souveränität davon sprach, man dürfe eine Digitalabgabe für große
       Tech-Konzerne nicht zu stürmisch vorantreiben, dann ist das vor allem eins:
       verzagt. Man müsse aufpassen, so Merz, „ob das nicht Reaktionen auslöst in
       den USA“. Eine Politik, die Reaktionen auslösen könnte! Was für ein
       Maßstab! Man spürt die politische Mutlosigkeit, wenn die deutsche Regierung
       gerade die Milliardeninvestition von Google in ein Rechenzentrum in Hessen
       feiert. Wenn deutsche Behörden die Sicherheitssoftware Palantir von Peter
       Thiel einkaufen. Oder wenn deutsche Behörden Jahr für Jahr Milliarden an
       Microsoft überweisen, wo es inzwischen eine Open-Source-Entwicklung beim
       bundeseigenen Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) gibt, die nicht
       nur sicherer, sondern auch billiger wäre.
       
       Zumindest eines haben Friedrich Merz und der französische Präsident
       Emmanuel Macron diese Woche mit ihrer gemeinsamen Gipfel-Einladung
       erreicht: Sie haben das Thema [2][auf die Ebene der europäischen
       Spitzenpolitik] gehoben. Dass diese sehr reale digitale Bedrohung jetzt für
       eine große Öffentlichkeit sichtbar geworden ist, ist ein Erfolg des
       Gipfels. Und mit jeder neuen Unverfrorenheit aus dem Weißen Haus, jeder
       Chipkrise und angesichts der rasanten Durchsetzung künstlicher Intelligenz
       in allen Bereichen steigt der Druck. Es bestünde die Chance, dass jetzt
       wirklich etwas passiert. Die gesellschaftliche Bereitschaft zum Einstieg in
       den Ausstieg war noch nie so groß wie heute.
       
       ## Es geht ja
       
       Andere wie der Internationale Strafgerichtshof zeigen, wie es geht: Nachdem
       Microsoft das E-Mail-Konto des Chefanklägers gesperrt hatte (ein Schelm,
       wer an eine politische Vergeltung für den israelkritischen Kurs des
       Gerichts denkt), will der Gerichtshof von Microsoft zu Open Desk von ZenDiS
       wechseln. Schleswig-Holstein skizziert in seiner Open-Source-Strategie den
       Umstieg auf das Linux-Betriebssystem. Selbst beim Spitzentreffen der
       deutschen Sicherheit, der BKA-Tagung in Wiesbaden, war die digitale
       Souveränität diese Woche großes Thema. Die Sicherheitsbehörden prüfen jetzt
       immerhin, wie abhängig sie sich von Palantir machen wollen. Wenn sich
       Europa ernsthaft digital lösen wollte, müsste es deshalb vor allem genau
       dieses: [3][wirklich wollen].
       
       Und wenn Europa schon dabei ist, sich zu entfesseln, dann sollte es auch
       darauf verzichten, kommerzielle Software einzusetzen, bei der niemand außer
       den Tech-Firmen selbst weiß, was in ihrem Inneren, dem Quellcode,
       eigentlich geschieht. Längst gibt es internationale Open-Source-Lösungen,
       also Programme mit offenem Code, die gemeinsam entwickelt und verbessert
       werden können. Hier sollten die europäischen Staaten massiv investieren,
       auch dann, wenn es ein paar Jahre dauert, bis gläserne Software die gleiche
       Qualität erreicht wie die aus dem Silicon Valley.
       
       Um sich ernsthaft von den Vereinigten Staaten frei zu machen, braucht
       Europa eine wuchtig finanzierte Open-Source-Entwicklung, eine kluge,
       nachhaltige Energieversorgung für Rechenzentren, eine internationale
       Allianz und die Entschlossenheit, den US-Konzernen klare Regeln
       aufzuerlegen, wenn sie weiterhin in Europa Geschäfte machen wollen.
       Irgendwer wird irgendwann den Zyklus der digitalen Abhängigkeit
       durchbrechen müssen. Der Moment dafür ist jetzt.
       
       21 Nov 2025
       
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