# taz.de -- Diffamierung des Malers Max Beckmann: Subtile Symbolik war nicht die Sache der Nazis
       
       > „Entartete“ Künstler wurden von den Nazis diffamiert, nicht verfolgt,
       > anders als verbotene Autoren. Die Ausgrenzung des Malers Max Beckmann
       > verdeutlicht das.
       
 (IMG) Bild: Das Gemälde „Perseus“, hier im Van-Gogh-Museum in der Ausstellung „Max Beckmann in Amsterdam“ im April 2007
       
       In seinem Roman „Die Wohlgesinnten“ (2006) schildert der
       französisch-amerikanische [1][Schriftsteller Jonathan Littell] ein Gespräch
       zwischen dem Protagonisten der Erzählung, dem SS-Offizier Dr. Max Aue, und
       dem Komponisten Baron Berndt von Üxküll, der Aues Schwager ist. Es geht um
       Musik. Und Üxküll betont – die Unterhaltung findet im Jahr 1942 oder 1943
       statt –, dass es für ihn lediglich zwei deutsche Komponisten von Rang gebe:
       Bach und Schönberg. Zweitgenanntem sehe er, Üxküll, sich künstlerisch
       verpflichtet. Nationalsozialistisch geschult widerspricht SS-Mann Aue
       umgehend; den geflüchteten Juden Schönberg könne man unmöglich in eine
       deutsche Tradition stellen. Darauf mischt sich die Ehefrau Üxkülls, Aues
       Schwester, in das Gespräch ein. Glücklicherweise sei ihr Mann Musiker und
       kein Schriftsteller, ansonsten wäre er heute „entweder mit Schönberg und
       den Manns in den Vereinigten Staaten oder in Sachsenhausen“.
       
       Die literarische Anekdote ist fiktiv, doch zeugt sie von historischer
       Hellsichtigkeit. Was Littell, der für sein Buch in Frankreich mit dem Prix
       Goncourt ausgezeichnet wurde, der Ehefrau Üxkülls in den Mund legt, lässt
       sich auf die Vertreterinnen und Vertreter der bildenden Künste während des
       Nationalsozialismus übertragen: Existenziell bedrohlich wurde es für sie
       nur, wenn sie in eine der wahnhaften Vernichtungskategorien der Nazis
       fielen oder sich aktiv gegen das System stellten.
       
       Beispiele sind die [2][jüdischen Maler Otto Freundlich] und [3][Felix
       Nussbaum,] die 1943 beziehungsweise 1944 ermordet wurden, der 1943
       erschossene Kommunist Otto Rischbieter, der Widerständler Ernst Hampel,
       hingerichtet 1945, oder die als „unheilbar geisteskrank“ im Zuge der
       Euthanasieaktion T4 [4][von den Nazis getötete expressionistische Malerin
       Elfriede Lohse-Wächtler].
       
       Der Historiker Wolfgang Benz hat in seiner kürzlich erschienenen
       Gesamtdarstellung des Exils („Exil. Geschichte einer Vertreibung 1933–1945,
       C. H. Beck 2025) darauf hingewiesen, dass das Erkennen subtiler Symbolik
       nicht die Sache der Nazis gewesen sei; sie verließen sich „auf das
       Vordergründige“.
       
       ## Aus öffentlichen Ämtern entfernt
       
       Das galt auch für die bildende Kunst. Im Gegensatz zu antinazistischen
       Schriften erkannten die Nationalsozialisten in ihr keine nennenswerte
       politische Bedrohung. Auch wenn sie die Werke etwa des Expressionismus
       ideologisch scharf ablehnten, verunglimpften und Künstler wie Otto Dix oder
       Max Beckmann aus ihren öffentlichen Ämtern entfernten, kam es nicht zu
       systematischen Verfolgungen, die das Leben der Betroffenen unmittelbar
       bedrohten.
       
       Darin unterschied sich der Umgang der Nationalsozialisten mit „entarteten“
       Künstlerinnen und Künstlern grundsätzlich von jenem mit verbotenen
       Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Autoren wie Heinrich Mann, Annette
       Kolbe oder Kurt Tucholsky waren mit der Regierungsübernahme der Nazis in
       Lebensgefahr. Sie hätten, wären sie nicht rechtzeitig aus Deutschland
       geflohen, kaum Aussicht auf ein Überleben gehabt.
       
       „Ich gebe keinen Heller mehr für unser Leben“, schrieb Joseph Roth Mitte
       Februar 1933 an seinen Kollegen Stefan Zweig. Roth vermochte es, sich
       rechtzeitig nach Paris abzusetzen. Weniger Glück hatte hingegen der
       Publizist und [5][Weltbühne-Herausgeber Carl von Ossietzky], der Ende
       Februar 1933 von den Nazis in einem Konzentrationslager interniert und
       später ermordet wurde.
       
       Ein vergleichbares Schicksal drohte den modernen Künstlerinnen und
       Künstlern nicht. Selbst Käthe Kollwitz, die aufgrund ihrer Werke und ihres
       Pazifismus den Nazis früh ein Dorn im Auge war, konnte während der gesamten
       Zeit des „Dritten Reichs“ weitgehend unbehelligt in Deutschland leben und
       arbeiten. Und das, obwohl sie nur wenige Monate vor dem Regierungsantritt
       der Nationalsozialisten, zusammen mit 18 weiteren Künstlern, darunter auch
       Heinrich Mann, einen dringenden Appell veröffentlicht hatte, in dem sie zum
       Abwehrkampf gegen den drohenden Faschismus aufrief.
       
       Oder [6][Otto Dix, in den Augen der Nazis das Paradebeispiel eines
       „entarteten Künstlers“] schlechthin. Nach seiner Entlassung als Professor
       an der Kunstakademie Dresden 1933 zog er sich nach Süddeutschland zurück,
       wo er außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung sein Werk fortsetzte.
       
       ## Im Einflussbereich der Nazis
       
       Und es gilt auch für den Maler [7][Max Beckmann]. Der wird von der
       Kunstgeschichte und Ausstellungsmachern meist pauschal – wenngleich nur
       teilweise zutreffend – dem Kreis der Exilanten zugerechnet. Denn bei
       genauer Betrachtung lebte Beckmann acht der zwölf NS-Jahre im direkten
       Einflussbereich der Nazis: 1933 bis 1937 in Berlin und ab Frühjahr 1940 im
       von den Deutschen besetzten Amsterdam.
       
       Beckmann verließ Deutschland ins niederländische Exil anlässlich der am 19.
       Juli 1937 startenden Münchner [8][Diffamierungsausstellung „Entartete
       Kunst“]. Spätestens jetzt dürfte ihm und seiner Frau Quappi klargeworden
       sein, dass ihnen die materielle Grundlage für ein Leben im NS-Staat immer
       weiter entzogen wurde. Was nicht daran lag, dass man Beckmanns Werke in
       Deutschland nicht mehr erwerben konnte oder durfte, sondern dass kaum noch
       jemand sie kaufen wollte.
       
       Beckmanns Exilzeit endete knapp drei Jahre später mit der deutschen
       Besetzung der Niederlande. Von Mai 1940 bis Kriegsende lebten er und seine
       Frau wieder unter dem direkten Zugriff der Nationalsozialisten. Wo Beckmann
       in Amsterdam wohnte und arbeitete, war den NS-Besatzern bekannt. Zweimal
       wurde er zur militärischen Musterung vorgeladen und für untauglich
       befunden.
       
       Sein Freund Erhard Göpel, der sich im Auftrag des NS-Staates um die
       „Kunstakquise“ in den von Deutschland besetzten Gebieten kümmerte, stand
       ihm zur Seite. Weiterhin befand er sich im Austausch mit Personen und
       Geschäftspartnern, neben Göpel etwa Hildebrand Gurlitt, die ihrerseits
       Verbindungen zum NS-Regime unterhielten. Am 20. Oktober 1943 notierte
       Beckmann in seinem Tagebuch, wie man in der kürzlich veröffentlichten
       Gesamtedition der Beckmann-Tagebücher durch das Münchner
       „Max-Beckmann-Archiv“ erstmalig nachlesen kann, einen erfolgreichen
       Geschäftsabschluss mit Gurlitt und Göpel, der ihm 3.000 Reichsmark
       einbrachte.
       
       Das war weit entfernt von den finanziellen Erfolgen der 1920er Jahre, aber
       dennoch eine stattliche Summe: Das deutsche Jahresdurchschnittseinkommen
       lag 1943 bei 2.200 Reichsmark. Das alles war nicht verwerflich. Es gibt
       zudem keine Hinweise, dass sich Beckmann zwischen 1933 und 1945 dem
       NS-Staat angedient oder anderweitig kompromittiert hätte. Ein Verfolgter,
       der um sein Leben bangen musste, war er aber nicht; vielmehr ein zur Seite
       Gedrängter, ein Ignorierter! Was man auch daran erkennen kann, dass sein
       50. Geburtstag 1934 in deutschen Medien praktisch keine Erwähnung mehr
       fand.
       
       [9][Warum hält sich die Darstellung Max Beckmanns als ein von den Nazis
       verfolgter Künstler dennoch so hartnäckig?] Wissenschaftliche und
       publizistische Arbeiten zu Beckmann entstammen überwiegend der Feder von
       Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern. Sie konzentrieren sich auf das
       Werk. Der biografische Rahmen ist dabei eher Nebenschauplatz, häufig aus
       Darstellungen übernommen, die entweder direkt von Familienmitgliedern,
       Freunden und Bewunderern Beckmanns verfasst worden waren oder aber
       ihrerseits auf diese zurückgriffen. Eine überzeugende Biografie des
       Jahrhundertkünstlers steht bis heute aus.
       
       ## Eigendynamik eines Narrativs
       
       Symptomatisch dafür sind die bereits erwähnten Beckmann-Tagebücher: Die
       bislang vorliegende Fassung, herausgegeben 1955 vom Beckmann-Freund Göpel,
       war von Quappi Beckmann vor der Veröffentlichung grundlegend überarbeitet
       worden. Allein für den Zeitraum 1940 bis 1950 lassen sich über 800
       redigierende Eingriffe nachweisen. Hinzu kommt die bis heute anhaltende
       Wirkkraft der Ausstellung „Entartete Kunst“ von 1937 – und der
       weitverbreitete Glaube, die dort diffamierten Künstlerinnen und Künstler
       seien zwangsläufig Verfolgte des NS-Regimes gewesen. Das Narrativ des von
       den Nationalsozialisten verfolgten und mit dem Tode bedrohten Künstlers
       entwickelte nach dem Zweiten Weltkrieg eine Eigendynamik.
       
       Nicht zuletzt dürfte sich das auch positiv auf den Marktwert ausgewirkt
       haben. Bis heute: Für den Rekordpreis von über 20 Millionen Euro wurde Ende
       2022 Beckmanns „Selbstbildnis gelb-rosa“ verkauft.
       
       Dabei war die Realität eine andere: Während die Bücherverbrennungen ab 1933
       den physischen Vernichtungswillen der Nazis gegenüber unliebsamen
       Autorinnen und Autoren vorwegnahmen und es bereits im Vorfeld oftmals zu
       gewalttätigen Übergriffen gegen sie gekommen war, unterblieb ein
       vergleichbares Vorgehen gegen unliebsame bildende Künstlerinnen und
       Künstler.
       
       Sie wurden zwar, wie Max Beckmann oder Otto Dix, ihrer Ämter enthoben, aus
       dem öffentlichen Leben verdrängt und mussten schmerzliche materielle
       Einschränkungen hinnehmen. Doch handelte es sich bei der diffamierenden
       öffentlichen Darstellung ihrer Werke sowie dem Aus-dem-Verkehr-Ziehen
       „entarteter“ Kunst – privat durften die Werke der allermeisten Künstler
       weiterhin gehandelt werden – in erster Linie um einen symbolischen Akt der
       Ausgrenzung, wenngleich zweifellos um einen besonders perfiden.
       
       7 Oct 2025
       
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