# taz.de -- Aufgenommene Afghanin: Endlich durchatmen
       
       > Nach 3 Jahren Bangen ist die Frauenrechtlerin Shokria S. in Deutschland
       > angekommen: Sie ist eine der Afghan:innen, die in Pakistan ausharrten.
       
 (IMG) Bild: Geflüchtete Afghaninnen suchen Zuflucht in einem öffentlichen Park, Islamabad, Pakistan, 10.8. 2025
       
       Göttingen taz | Die letzten Meter rennt Shokria S. ihrer Freundin Nooria Y.
       entgegen. Eine lange Umarmung, Wangenküsse, Tränen. „Sie ist wie Familie
       für mich“, sagt S. Mehr als vier Jahre haben sie sich nicht gesehen. Beide
       flohen vor den islamistischen Taliban aus Afghanistan. Doch während Y.
       schon seit 2022 in Deutschland lebt, kam S. erst am Montag nach Hannover,
       [1][gemeinsam mit 46 weiteren Afghan:innen.] Drei Jahre musste die
       Frauenrechtsaktivistin warten, ein Jahr davon in Pakistan. Ihr Recht auf
       Schutz musste sie sich schließlich vor Gericht erkämpfen – gegen den
       erbitterten Widerstand der aktuellen Bundesregierung.
       
       Jetzt lebt sie zunächst im Verteilungslager Friedland bei Göttingen. Mit
       Willkommensschildern, Blumen und Süßigkeiten begrüßten auch Andreas Linder
       und Idrees Ahmadazai sie hier am Mittwoch. Beide arbeiten beim Tübinger
       Verein Move on, Linder als Leiter, Ahmadazai als Berater. Move on begleitet
       Geflüchtete und war auch eine Meldestelle für das Bundesaufnahmeprogramm
       (BAP), über das nun auch S. gekommen ist. Seit drei Jahren betreut der
       Verein ihren Fall.
       
       Um zu verstehen, was da so lange gedauert hat, muss man verstehen, was das
       Bundesaufnahmeprogramm ist. Nach dem Fall Kabuls an die Islamisten im
       Sommer 2021 waren die deutschen Stellen zunächst völlig überfordert. In den
       Ministerien hatte kaum jemand darüber nachgedacht, was die Ereignisse für
       die ehemaligen Helfer:innen der Bundeswehr und die Entwicklungshilfe
       bedeuten würde.
       
       Stück für Stück begannen aber Evakuierungen dieser besonders gefährdeten
       Personen. Im Sommer 2022 beschloss die Ampelkoalition dann zusätzlich das
       Bundesaufnahmeprogramm, das sich an einen anderen Personenkreis richtete:
       Menschenrechtsaktivist:innen, Journalist:innen, Frauen, queere Personen.
       Doch wirklich funktioniert hat es nie. Statt der angepeilten 1.000
       Aufnahmezusagen pro Monat wurden es bis Ende des Programms 2024 nur rund
       3.000 insgesamt. Und die saßen fast alle noch in Pakistan fest, wo sie sich
       für die Rettung hatten registrieren müssen. Rund 2.300 Menschen warten dort
       bis heute. S. war eine von ihnen.
       
       ## Frauenbildung
       
       Die 31-Jährige wuchs im Westen Afghanistans auf und studierte Rechts- und
       Politikwissenschaften. Jahrelang kämpfte sie dafür, dass Frauen und Mädchen
       Zugang zu Bildung erhielten, organisierte Unterricht oder brachte Frauen
       aus Regionen, in denen die Taliban präsent waren, an sichere Orte zum
       Lernen. Als Mitglied der Taliban-kritischen Partei Rawande Sabz
       organisierte sie zusammen mit Y. regelmäßig öffentliche Demonstrationen.
       „Ich bin stolz auf mich, dass ich für Frauen dort gearbeitet habe“, sagt S.
       
       Mit der Machtübernahme änderte sich alles. Obwohl sie die Einzige in ihrer
       Familie war, die ein Einkommen hatte, musste sie ihre Arbeit aufgeben. Ihr
       Engagement machte sie zur Zielscheibe, sie begann sich zu verstecken. „Ich
       suchte einen Weg aus Afghanistan“, sagt S.
       
       Im August 2022 stellte der Verein den Antrag, S. in das
       Bundesaufnahmeprogramm aufzunehmen. 13 Monate später entschied die
       Auswahlkommission schließlich zu ihren Gunsten. Doch bis zur offiziellen
       Aufnahmezusage verging erneut ein halbes Jahr, erst im April 2024 erhielt
       sie die Bestätigung. Jetzt konnte sie nach Pakistan reisen
       
       Doch auch die Ausreise war voller Hürden: S. brauchte einen Reisepass und
       ein teures Visum, Unterstützung durch deutsche Behörden gab es laut
       Vereinsleiter Linder keine. Erschwerend kam hinzu: Ohne einen „Mahram“,
       einen männlichen Verwandten, dürfen Frauen in Afghanistan das Haus nicht
       verlassen. Über Ahmadzai fand S. eine Familie, mit der sie die Grenze nach
       Pakistan überquerte. „Ich hatte das Gesicht hinter einer Maske verborgen,
       damit die Taliban mich nicht erkannten“, erzählt sie.
       
       „Am Anfang dachte ich, ich bleibe nur zwei Monate in Pakistan“, sagt S. Die
       Gästehäuser der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit
       (GIZ) sollten nur eine Zwischenstation sein. In Pakistan stauten sich dann
       die Fälle. „Wir konnten nur warten, warten, warten“, erzählt S. Sie fühlte
       sich allein, ihre Stimmung damals vergleicht sie mit einer Depression,
       ständig musste sie ihre Abschiebung fürchten. Denn die pakistanischen Visa
       sind nur kurz gültig, auch die Verlängerungen sind teuer und kompliziert.
       
       Anfang 2025 drängte Move on bei der deutschen Botschaft, endlich S.
       Sicherheitsinterviews durchzuführen. Schon damals forderten NGOs, die
       Bundesregierung von SPD, Grünen und FDP müsse mehr tun, um die Menschen aus
       Pakistan zu holen. Doch in einem Wahlkampf, in dem die Migrationsdebatte
       dominierte, passte die Aufnahme von Geflüchteten nicht ins Bild. „Wir
       konnten ab Ende 2024 keine neuen Fälle mehr eingeben“, sagt Linder. Die
       Ampelregierung hatte auch schon zuvor das Programm mehrfach unterbrochen.
       
       ## Absage durch Schwarz-Rot
       
       Erst im April fand S. Sicherheitsinterview statt. Doch dann kam die neue
       Bundesregierung von Union und SPD ins Amt. [2][Und die stoppte das
       Aufnahmeprogramm ganz offiziell.] Unionspolitiker:innen sagten immer
       wieder ganz offen, dass sie die Aufnahmezusagen zurücknehmen wollten. Keine
       der Personen aus Afghanistan, denen Deutschland Schutz versprochen hatte,
       sollte noch kommen dürfen. Nur war zunächst nicht klar, ob das juristisch
       überhaupt möglich ist.
       
       Gleichzeitig verschärfte Pakistan den Druck auf afghanische Geflüchtete.
       Immer wieder setzten die Behörden Fristen, bis wann die Bundesregierung die
       Menschen nach Deutschland bringen sollte, doch Berlin ließ sie
       verstreichen. Im Juli begannen die ersten Verhaftungen durch die
       pakistanischen Behörden. Damals konnten deutsche Stellen Abschiebungen nach
       Afghanistan noch verhindern. Doch bei den Razzien im August gelang das
       nicht mehr. Nach Angaben der Bundesregierung wurden mehr als 400 Menschen
       festgenommen, [3][210 von ihnen abgeschoben.]
       
       Auch in S. Unterkunft kam es zu Razzien. Zusammen mit zwei anderen Frauen
       floh sie ins Freie, verbrachte die Tage in Parks und auf öffentlichen
       Plätzen, zum Schlafen kehrte sie nicht ins Haus zurück. In dieser Zeit
       schrieb sie mehrfach E-Mails an den Verein. „Der Albtraum mit der Polizei
       hat mir den Schlaf geraubt. Mein Körper schmerzt vor Müdigkeit. Mein Magen
       tut weh. Mein Kopf schmerzt und ich weine.“ Sie berichtete von ihrer
       Verfassung, die mental, emotional und körperlich am Limit war. „Kann eine
       Person diesen Stress allein ertragen? Ich möchte nur, dass endlich über
       mein Schicksal entschieden wird. Ich halte das nicht mehr aus.“
       
       Einige Tage später kehrte sie zwar in die Unterkunft zurück, doch die
       Albträume blieben so lange, bis sie Pakistan verlassen konnte. „Immer, wenn
       ich die Augen schloss, sah ich die Polizei.“ Auch heute, erzählt S., leide
       sie noch unter Magenproblemen. Nachdem sie das erzählt hat, braucht sie
       eine Pause, verdeckt mit der Hand ihr Gesicht und ringt um Fassung.
       
       Für viele Geflüchtete blieb nur ein Ausweg: Sie mussten ihr Recht auf
       Aufnahme vor Gericht einklagen. Auch S. gehörte zur zweiten Welle von
       Fällen, die am Verwaltungsgericht Berlin verhandelt wurden. Unterstützt
       wurde sie dabei vom Verein und der Rechtsanwältin Maria Kalin aus dem
       Deutschen Anwaltverein. Gemeinsam erstritten sie schließlich das notwendige
       Visum. Die Aufnahmezusage durch das BAP ist bindend, so das Gericht.
       
       Nachdem das Bundesinnenministerium alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft
       hatte, sich gegen solche Entscheide zu wehren, gab es schließlich zumindest
       in einigen Fällen nach. Am vergangenen Freitag kam endlich die erlösende
       Nachricht für S. und die 46 anderen: Reisepass, elektronisches Flugticket
       und ein Visum. Ein Foto, das der taz vorliegt, zeigt, dass S. Visum bereits
       im April ausgestellt worden war.
       
       In der Nacht von Sonntag wurde S. abgeholt und zum Flughafen gebracht, der
       Abflug war für sechs Uhr morgens angesetzt. Nach der Landung in Hannover
       erwartete sie eine Menge Journalist:innen, die die Ankunft begleiteten.
       Erst als das vorbei war, konnte S. tief durchatmen. Auf die Frage nach
       ihrem ersten Eindruck von Deutschland kam ihre Antwort ohne Zögern:
       „Freiheit!“
       
       ## Berufswunsch Kosmetikerin
       
       Rund zwei Wochen wird S. noch in Friedland bleiben. Danach hofft sie, in
       die Nähe von Lübeck ziehen zu können. Dort lebt ihr Bruder, den sie seit
       zehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Außerdem möchte sie ihre
       Deutschkenntnisse vertiefen. „In Pakistan habe ich immer andere Frauen
       geschminkt. Das möchte ich auch hier gern beruflich machen“, sagt S. Es ist
       einer der wenigen Momente, in denen sie lächelt, während sie über die Zeit
       in Pakistan spricht.
       
       Obwohl S. schon einiges auf Deutsch versteht, übersetzt Ahmadzai das
       Gespräch. Am Mittwochnachmittag muss er jedoch immer wieder unterbrechen.
       Sein Handy leuchtet ständig auf. Neue Nachrichten und Anrufe aus Pakistan
       von denen, die immer noch auf die Rettung warten müssen.
       
       Der Verein betreut noch sieben weitere Fälle im Rahmen des BAP. Einer der
       Betroffenen wurde bereits im August nach Afghanistan abgeschoben. „Hallo,
       wir müssen das Haus verlassen. Die Polizei ist da“, lautet jetzt eine
       Nachricht, die auf Ahmadzai Handy eingeht. Die Razzien haben wieder
       begonnen. Wieder heißt es, sich auf den Straßen Islamabads zu verstecken.
       
       Das steht im Widerspruch zu den Zusicherungen von Außenminister Johann
       Wadephul, es werde bis Ende des Jahres keine Razzien mehr geben. „Pakistan
       hält sich nicht an die Absprachen mit Wadephul. Die Menschen müssen so
       schnell wie möglich nach Deutschland geholt werden“, fordert Linder. Laut
       Angaben der Organisation Kabul Luftbrücke wurden am Dienstag und Mittwoch
       22 Personen verhaftet, 8 von ihnen seien bereits wieder in Afghanistan.
       Zurück bei den Taliban, die ihr Leben bedrohen.
       
       Aktualisiert am 5.09.2025. Der Nachname der Protagonistin wurde aus
       Sicherheitsgründen anonymisiert. d. R.
       
       5 Sep 2025
       
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