# taz.de -- Stück „Die Brücke vom Goldenen Horn“: Starkes Stakkato aus Angst und Hoffnung
       
       > Tanju Girişkens Inszenierung von Emine Sevgi Özdamars Roman am Theater
       > Osnabrück erzählt vom Transit zwischen zwei Welten. Die Taktung ist hoch.
       
 (IMG) Bild: Rückt bedrückend nahe: Ein Feld gestaltloser Hüllen aus Kleidung
       
       Irgendwann, kurz vor dem Ende, krachen zwei Kampfstiefel aus dem Dunkel der
       Bühnendecke zu Boden. Es ist wie ein Peitschenschlag. Staub wolkt hoch,
       breitet sich um sie aus. Beklemmende Stille folgt, Regungslosigkeit. Das
       Licht ist kalt, hart, fahl.
       
       Die Stiefel stehen für die türkische Militärjunta. Dass sie kurz darauf in
       ein Verlies versenkt werden, eine Metallplatte krachend über ihnen zufällt,
       ist ein starkes Zeichen gegen jeden Machtmissbrauch, jedes
       Repressaliensystem. Regisseur Tanju Girişken gelingt in dieser
       Symbolhandlung am Emma-Theater Osnabrück einer der eindrucksvollsten
       Momente seiner Inszenierung des so autobiografischen wie autofiktionalen
       Romans „Die Brücke vom Goldenen Horn“ von [1][Emine Sevgi Özdamar].
       
       Es geht um Deutschland und die Türkei, um Gegensätze und Gemeinsamkeiten
       zweier Welten, um Wandel und Beharren, um Identität und Transkulturalität,
       um Sprachlosig- und Sprachmächtigkeit, Gewalt und Aufbegehren, Freiheit und
       Diktatur. Um einen Brückenschlag, der nicht nur einem Meeresarm bei
       Istanbul gilt, nicht nur Orient und Okzident.
       
       Girişken und Özdamar, im Alltag und in der Theaterarbeit beider Länder
       verwurzelt, erzählen die Geschichte eines Erwachsenwerdens, eines auch
       links-politischen Erwachens. Es ist eine Geschichte zwischen Bitterkeit und
       Zartheit, Ernst und Komödiantik, Tradition und Moderne, verzweiflungsvoller
       Düsternis und hoffnungsvoller Helle. Leere und Angst treten uns entgegen.
       Das Leben wechselt zwischen mehreren Heimaten, geografisch, sozial,
       weltanschaulich.
       
       Die Mittel, mit denen Girişken diese Ich-Findung in Szene setzt, mit dem
       Subtext, dass aus [2][Diversität] Heilung und Kraft erwachsen, sind Augen
       öffnend: Dem realen Publikum sitzt ein imaginäres gegenüber, auf
       tribünenhaften Stuhlreihen, die von Zeit zu Zeit verstörend nahe rücken.
       Kleidung ist über die Lehnen gehängt, und die drei DarstellerInnen bedienen
       sich ihrer, um die Figurenfülle zu erweitern. Am Ende liegen so Dutzende
       von Menschen zu unseren Füßen, ein Feld der Toten, gestaltleerer Hüllen,
       und der Versuch, sie aus dem Staub zu heben, ist fast vergeblich. Stark ist
       das.
       
       Die Handlung startet mit Özdamars Zeit als Fabrik-Gastarbeiterin in
       Deutschland, in den 1960ern, schildert anfängliche Nichtzugehörigkeit und
       zunehmende Selbstbestimmung, Sozialismusnähe, Hinwendung zum Theater. Der
       Rückkehr in die Türkei, dem dortigen Kampf gegen den Folter-Faschismus,
       folgt eine Rückkehr von dieser Rückkehr. So unverkennbar das alles Züge von
       Özdamars Leben trägt, so konsequent zielt es auf Stilisierung und
       Abstraktion, auf Allgemeingültigkeit.
       
       Der Text, zuweilen bilingual, ist oft poetisch verdichtet, wirkt teils
       rhythmisiert, teils in kakophonischer Wirrnis gesprochen. Das verstärkt die
       symbolhafte Wirkung. Denn was hier verhandelt wird, ist überindividuell.
       
       Der Abend beginnt mit einer Befragung des Publikums, das, beim Antworten
       gefilmt, zum Darsteller wird: Wer noch eine andere Sprache als Deutsch
       spreche? Wer gerade eine Sprache lerne? Die Fragen sind zahlreich,
       insistierend. Das Publikum antwortet offen, bereitwillig. Und als der Abend
       in eine zweite Befragungsrunde mündet, antwortet auch eine bislang
       verborgene, vierte Darstellerin, die später als Sängerin auf der Bühne
       steht. Auch das ein Brückenschlag.
       
       Es geht um öde Wohnheime und entfremdende Arbeit zum Takt der Start- und
       Schlusssirene. Es geht um Einsamkeit, Träume, deutschen wie türkischen
       Staatsterror, die Bizarrerie des KünstlerInnenlebens. Es geht um den
       Zusammenbruch von Klischees, um sexuelle Experimente, um die
       rechtsextremen, [3][nationalistischen Grauen Wölfe], um die westdeutsche
       [4][1968er-Bewegung].
       
       Der Abend will viel. Und es gelingt ihm viel. Die Textvorlage ist mutig,
       die Regie griffig, die Darstellung feinnervig, das Bühnenbild sinnbildhaft.
       Aber die Taktung ist hoch. Viele Szenen sind sekundenkurz. Ein Stakkato,
       das Lua Mariell Barros Heckmanns, Sascha Maria Icks und William Hauf nur
       wenig Raum zu darstellerischer Entfaltung bietet.
       
       Hinzu kommt, dass Girişken geschichtliche Kerndaten einflicht, auch als
       Textbotschaften, projiziert auf den Vorhang, der zuweilen das reale vom
       imaginären Publikum trennt, dazu Fotografien von Özdamar selbst.
       Gehaltvoller wird sein Stück durch diese Ebenenfülle nicht.
       
       Aber das lässt sich verschmerzen. Das Theater Osnabrück, jüngst durch seine
       undurchsichtige Absage der Produktion „Ödipus Exzellenz“ im Verdacht zu
       großer Nähe zur örtlichen Katholischen Kirche geraten, gibt hier explizit
       linken Positionen Raum. Das macht Hoffnung.
       
       20 Sep 2025
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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