# taz.de -- Gewebte Kanzler-Kommunikation: Die Macht am Hals
       
       > Viele kleine Landeswappen: Beim Antrittsbesuch in Niedersachsen trug
       > Bundeskanzler Friedrich Merz eine Pferdekrawatte. Was kann uns das sagen?
       
 (IMG) Bild: Sind so kleine Pferde: Kanzler-Krawatte (l.) am Dienstag in Hannover
       
       Bemerkt hat es auch die Nachrichtenagentur: Bei seinem Antrittsbesuch in
       Niedersachsen habe Bundeskanzler [1][Friedrich Merz] (CDU) am Dienstag auf
       „ein klares Zeichen“ gesetzt, so meldete es die dpa, „eine gemeinsame
       Sprache“, und zwar „die des Miteinander“. Dass es besonderen Tauwetters
       bedürfte zwischen Brilon, äh, Berlin und Hannover, das hatten wir, ehrlich
       gesagt, nicht mitbekommen. Aber vielleicht stand diese Staatskrise auch
       einfach im tiefdunklen Schatten der grellen, heute so gerne bejammerten
       „Polarisierung“ der Gesellschaft?
       
       Miteinander: Diese ihm offenbar wichtige Botschaft brachte Merz nicht nur
       auf Papier mit, als Redemanuskript also. Nein, auch ganz wortlos, vorbei am
       so leicht vom Wesen der Dinge ablenkenden, dem geradezu betrügerischen
       Intellekt direkt hinein in die wunden Herzen seiner erdverwachsenen
       Gastgeber:innen zielte – [2][seine Pferdekrawatte]. Was nämlich weiße
       Punkte zu sein schienen, oder ein abstraktes Muster vielleicht, das waren
       tatsächlich galoppierende Pferde auf rotem Grund: das vervielfachte
       Sachsenross [3][aus dem Landeswappen].
       
       Die Sache hat ihre Vorgeschichte, eine, in der wird der so gerne als
       provinziell und sachbearbeiterartig dargestellte Merz zu einem echten Ass
       der politischen Kommunikation. Und das, eben, immer wieder unter virtuosem
       Spiel mit seinem favorisierten Instrument: „Friedrich Merz (CDU) liebt
       Krawatten mit Tieren darauf“, [4][das wusste im Juni eine
       „Bezirksreporterin“ der Berliner Morgenpost]. Da war er gerade nach
       Washington geflogen, [5][einen anderen bekannten Krawattenträger] treffen,
       US-Präsident Donald Trump.
       
       Und was baumelte um den Hals des Sauerländers? Ein Selbstbinder mit
       Pinguinen drauf und mit Eisbären. Was natürlich mindestens so sehr auf
       frostige Verhältnisse hinweisen könnte, wie nun die weißen Pferde – der
       tatsächlich den transatlantischen Haussegen angeknackst habende
       Kanzler-Amtsvorgänger Gerd Schröder hätte so was aber [6][nie und nimmer
       kombiniert mit seinen italienischen Neureichen-Anzügen], darauf legen wir
       uns fest.
       
       Im Bundestag wiederum hatte Merz’ Halsbekleidung während seiner ersten
       Regierungserklärung es – laut einem großen deutschen Boulevardmedium –
       [7][zum „Tuschelthema“ gebracht]: Wieder entpuppten sich die weißen Punkte,
       diesmal auf edlerem Dunkelblau, bei hinreichender Nähe zum mächtigen Mann
       als Getier, nämlich: kleine Schildkröten in Hellblau und Weiß.
       
       Dass die CDU ja nur ähnlich langsam sich vorwärts bewegt, wie es das
       Sprichwort dem sympathischen Wohnmobil unter den Landtieren nachsagt, das
       ist so banal, dass Bild damals gleich selbst drauf kam: und den
       Regierungssprecher allen Ernstes fragte, ob kommende Reformen nun im
       Schildkrötentempo usw.
       
       Das mit dem Miteinander meinte der Christdemokrat jetzt in Hannover
       übrigens auf die Zusammenarbeit bezogen zwischen Bund, Ländern und
       Kommunen: Es habe doch keinen Sinn, immer gegeneinander zu arbeiten. Nun
       war er aber bei einem sozialdemokratischen Landesvater auf Antrittsbesuch,
       da gäbe es ja noch ganz andere Miteinander zu beschwören, auch solche, um
       die es nicht so gut steht.
       
       Als Frau zählt Frauke Brosius-Gersdorf die Krawatte traditionell nicht zu
       ihrer Garderobe. Tut sie es doch, dann ist das bei Frauen, modehistorisch
       gesehen, eigentlich immer eine Anmaßung gewesen, ein Ausfallschritt in
       männliche Refugien, ein Anspruch auch auf deren Privilegien. Genau das
       also, was so richtig hoch im Kurs steht im deutschen Konservatismus, nun,
       da Angela Merkel den Laden den nassforschen Jungens überlassen hat (und
       weit genug weg ist, dass die den Mund aufzumachen sich überhaupt trauen).
       
       Andererseits: Welches mag das Lieblingstier der CDU-verhinderten
       Verfassungsrichterin sein? Und gibt’s das auch zum Umbinden? Wir warten
       gespannt auf Friedrich Merz’ nächste Garderoben-Entscheidung.
       
       22 Jul 2025
       
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