# taz.de -- Die Kunst der Woche: Hinter dem Glanz
       
       > John Boskovich dekonstruierte in seinen Objekten die Chiffren Hollywoods.
       > Tracey Snelling blickt hinter die Botschaften der Architektur.
       
 (IMG) Bild: John Boskovich „Rude Awakening Series: If It Works Don't Fix It (TV Shots)“, 1993
       
       John Boskovichs Kunst hat was von der Besenkammer in einer Villa aus Los
       Angeles, von dem einsamen, unbelichteten Abstellort hinter dem Glanz. Man
       kennt doch die Interieurs dieser Neunzigerjahre-Pomphäuser aus dem
       Fernsehen: Spiegel im goldenen Rocaille-Rahmen, zum Versinken tiefe
       Polstermöbel, riesige TV-Geräte in Einbauschränken aus Marmor, darauf ein
       Pseudo-Altar mit Buddha-Figur. In solch einem glitzernd eklektischen
       Setting für die Reichen der Westküste kann man John Boskovich auch auf
       einer Videoaufnahme von 1994 finden, wo die TV-Moderatorin Joan Quinn ihn
       ausfragt über seine konzeptuelle Kunst, die „alles sein darf, nur nicht
       emotional“, über eine Fotografie von einer Honigtube in Bärchenform etwa.
       
       Schon ein paar Mal benutzt und etwas verklebt hat Boskovich das
       Plastikbärchen vor dramatisch fallenden Schatten abgelichtet. Das habe
       etwas von der kühlen Monumentalität der deutschen Fotografie, von Bernd und
       Hilla Becher, sagt Boskovich, damals Ende dreißig. Und man muss innerlich
       schmunzeln ob der Ironie, mit der er seine eigene Kunst verortet.
       
       Eine traurige Ironie gleichwohl, wie sie auch bei einem anderen
       L.A.-Künstler Mike Kelley anzutreffen war, etwa bei seiner berühmten
       Fotoserie weggeworfener Kuscheltiere. Mit Mike Kelley oder Cindy Sherman
       stellte John Boskovich in den neunziger Jahren auch aus. Wie sie
       demaskierte Boskovich die Objekte und Requisiten eines US-amerikanischen
       Alltags, den Konsum, der einen letztendlich ziemlich einsam werden lässt,
       psychisch in die dunkle Besenkammer drückt.
       
       Boskovichs Ruhm war kurz, 2006 verstarb er an einem Herzleiden. Da hatte er
       sich schon viele Jahre in seine Wohnung in West-Hollywood zurückgezogen und
       ein Museum für seine eigene, klaustrophobische Kunst eingerichtet, zu dem
       nur manche Zugang hatten. Das macht es noch etwas besonderer, dass seine
       ziemlich in Vergessenheit geratene Arbeit nun im Projektraum Scherben zu
       sehen ist. Die Projektraumbetreiber Lorenz Liebig, Sven Schmittbüttner und
       Tarik Kentouche haben gemeinsam mit Boskovichs Cousine zahlreiche
       Utensilien aus seinem Nachlass nach Berlin gebracht.
       
       Man sieht dann etwa den Rosenkranz, den Boskovich auch im Interview mit
       Joan Quinn trägt. Die Perlen sind aus Tabletten nachgeformt, aus den
       Antidepressiva und Schmerzmitteln, die er selbst zuweilen einnahm. Man
       findet seine Polaroidaufnahmen vom Fernsehbildschirm, als er mitten in der
       Nacht durchs TV-Programm zappte. Verschwommene Köpfe sind darauf zu sehen,
       Yoda aus „Krieg der Sterne“ etwa. Yoda ist eine von vielen Figuren aus der
       US-amerikanischen Pop- und Subkultur, die in seinen Filmen, Zeichnungen und
       Installationen wie ein Phantom immer wieder auftauchen.
       
       Auch zu sehen sind drei Bongs in der Form eines Piece-Zeichens. Das
       kalifornische Hippie-Friedenssymbol, das zu Boskovichs Lebzeichen nur zu
       einem hohlen Kommerzzeichen verkommen war. Boskovich stellte die
       Wasserpfeifen in eine Vitrine, das Glas versehen mit einem Zitat Rodney
       Kings. Der Schwarze US-Bürger King war einmal brutal von Polizisten
       verprügelt worden. Als man die Täter jedoch vor Gericht von der Schuld
       freisprach, brachen in Los Angeles 1992 Unruhen aus. Sie gingen als L.A.
       Riots in die US-amerikanischen Annalen ein, 53 Personen starben. Jetzt
       erinnern daran die musealisierten Bongs, als wären sie das
       Beruhigungsmittel für eine konfliktgeladene, rassistische US-Gesellschaft.
       
       Ein gewisses Brodeln ist hingegen in der Ausstellung von Tracey Snelling im
       Haus am Lützowplatz nicht zu dämpfen. Leuchtreklame und Bildschirme
       flackern dort überall, ein dickes „Fuck“ blinkt auf Neonröhren. Die
       US-amerikanische Künstlerin hat hier jede Menge Architekturmodelle
       aufgestellt, aus den USA, aus China und Japan, auch aus Berlin – der
       brutalistische Mäusebunker ist dabei. Wie wollen wir leben, fragt sie.
       Gemeinschaftlich, offen, sicher, aber nicht verschlossen in der
       gesellschaftlichen Besenkammer, scheint es aus den vielen Videos und
       Interviews zu antworten.
       
       4 Oct 2024
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sophie Jung
       
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