# taz.de -- Kunstfestival „Steirischer Herbst“ Graz: Kultur, Polizei und alte Geister
       
       > Der „Steirische Herbst“ beginnt kurz vor den österreichischen
       > Parlamentswahlen. Sein Motto „Horror Patriae“ wendet sich gegen
       > Volkstümelei.
       
 (IMG) Bild: Horror Patriae: Blick in die Neue Galerie mit Bruegel'scher „Weinleise“ (1946) von Reinhold Ludwig Krassnig
       
       Dass das deutsche Popduo Modern Talking den inoffiziellen Soundtrack zur
       Perestroika lieferte, weiß man vielleicht. Aber auch, dass ihr donnernder
       Synthieschlager die Lieblingsmusik von Kim Jung Un ist, dem Diktator
       Nordkoreas? Teilnahmslos stimmt der Sänger und Künstler Augustin Maurs auf
       der Bühne im Grazer Orpheum den Hit [1][„Brother Louie“] an, nicht zu
       gefühlig darf er sein, kein Pathos, während er musikalisch in die Seele des
       despotischen Diktators vordringt.
       
       Der Pianist haut derweil rabiat in die Tasten, um dem Trash von Modern
       Talking noch ein bisschen mehr Stumpfheit abzuringen. Jörg Haider, der
       sportliche, Tracht-tragende Faschist und daher auch als „Feschist“
       bezeichnete FPÖ-Politiker, sang noch kurz vor seinem Tod 2008 „Pfiat Gott,
       liabe Alm“.
       
       Auch das ist an diesem seltsamen Chansonabend zu hören. Haiders einstiger
       Vertrauter Herbert Kickl tritt nun bei den Nationalratswahlen als
       FPÖ-Kanzlerkandidat an. Maurs lässt jedoch den Refrain des Volkslieds ganz
       schnell wieder abklingen, als sei es nur ein Phantom.
       
       ## Wie eine Oase mitten in der Wüste
       
       Der brüchige Liederabend ist wie ein Sinnbild für das kürzlich eröffnete
       Grazer Kunstfestival Steirischer Herbst. Der Widerspruch zwischen seinem
       oft gesellschaftskritischen Programm und dem konservativen bis rechten
       Umfeld ist seit seiner Debütausgabe 1968 charakteristisch. Und die jetzige
       Intendantin Ekaterina Degot, Kunsthistorikerin aus Russland und
       Putinkritikerin, [2][zündelt immer wieder an seinen Grenzen].
       
       Am Vorabend der Eröffnung musste sogar die Polizei einschreiten, weil der
       in Wien lebende Künstler Yoshinori Niwa (geboren 1982) in Degots Auftrag
       ein großes Fake-Wahlplakat direkt am Ausgang der Stadtbrücke installiert
       hatte.
       
       Fratzenartige, KI-generierte Wohlstandsmenschen schwingen darauf vor
       Alpenpanorama eine Käsekrainer-Wurst und werben mit der verdrehten
       Nazi-Sentenz „Jedem das Unsere“ für die „Ehrlichste Partei Österreichs“,
       kurz EPÖ. Die verballhornte FPÖ forderte sogleich eine Kürzung der
       Fördermittel für das Festival. Auch Graz ist im Wahlkampfmodus.
       
       ## Täuschend echte Slogans
       
       An jedem barocken Platz werben die Parteien mit ihren Giveways. Die Poster
       des Steirischen Herbsts in den Geschäftsvitrinen scheinen in den Chor von
       Logos und Slogans aller Wahlkampfparteien einzustimmen, würde ihre Message
       nicht so arg mit ihnen disharmonieren: „Horror Patriae“ ist das Motto der
       diesjährigen Ausgabe.
       
       Erschreckendes Vaterland bedeutet der Titel in etwa. Erschreckend ist das
       vielleicht auch für die politisch Rechtsextremen, für deren Verständnis
       Kultur stets heimatbejahend sein sollte. Doch noch bleiben etwaige
       Drohungen der FPÖ leer, dem Festival die finanzielle Förderung zu
       entziehen, speist sich doch der Steirische Herbst aus Mitteln der Stadt
       Graz [3][mit seiner kommunistischen Oberbürgermeisterin], dem konservativ
       geführten Kulturressort der Steiermark und dem Bundeskulturministerium.
       
       Ihm steht zumindest bis zur anstehenden Nationalratswahl am Sonntag mit
       Werner Kogler ein Grüner vor. Ein politisch recht gemischtes
       Förderkonglomerat, das macht dieses Festival wenigstens ein bißchen immun
       gegen einen drohenden Rechtsruck in Österreich. Anders als in der
       benachbarten Slowakei, wo sich Ministerin Martina Šimkovičová mehr
       Volkstümlichkeit in der Kultur wünscht [4][und dafür rabiat gegen eine
       progressive Kunstszene vorgeht].
       
       ## Lokalpatriot Johann
       
       In Graz rückt Intendantin Ekaterina Degot derweil tief in die museale
       Geschichte der Stadt vor, macht sie zu einem Fallbeispiel dafür, wie sich
       die fixe Idee einer „Heimat“ über Jahrhunderte in ihr einschreiben konnte.
       Die Kunstausstellung findet in der Neuen Galerie statt, einem Teil des von
       Erzherzog Johann einst gegründetem Universalmuseums Joanneum. Johann
       (1782–1859), der Habsburger, der eine Bürgerliche ehelichte und noch heute
       als steirischer Lokalpatriot gefeiert wird.
       
       In den nur dunkel ausgeleuchteten Ausstellungskabinetten des neobarocken
       Museumsbaus begegnen einem die alten Geister der Sammlung, etwa eine
       Kassette mit Napoleonporträt, die noch um 1900 einen Personenkult um den
       europäischen Herrscher bezeugt, ein heute recht kurioses, [5][um 1910 wohl
       eher typisches Freizeitfoto von Sigmund Freuds Söhnen in steirischer
       Tracht].
       
       Ein Druck vom Avantgardisten Fernand Léger mit römischer Frauenbüste und
       Kaktustopf – Léger sollte wohl nach 1945 damit beauftragt werden, den
       Grazer Hauptbahnhof mit einer Wandmalerei auszustatten und damit die
       NS-Vergangenheit der Stadt mit einer fröhlichen Moderne zu übertönen, doch
       daraus wurde nichts.
       
       ## Verdrängte Ideologien
       
       Die Ideologien der Geschichte und ihre Verdrängung wiegen schwer auf diesen
       Objekten. So schwer, dass die Kurator:innen zwei riesige Gemäldeschinken
       derart schräg von der Wand hängen lassen, sie drohen einen glatt zu
       erschlagen. Eines davon zeigt eine Weinlese in Bruegel’scher
       Orgienhaftigkeit. Sein Urheber, der Maler Reinhold Ludwig Krassnig, war
       während des Zweiten Weltkriegs aus Mallorca in die Steiermark
       zurückgekehrt, um sie nach 1946 sofort wieder zu verlassen.
       
       Das macht seine groteske Landidylle noch etwas rätselhafter. Die
       historischen Artefakte sind in der Ausstellung wie Triggerpunkte in die
       Gegenwart. Hinter Krassnigs Orgie flimmern Jakub Jansas (geboren 1989)
       comichafte Kürbiskreaturen auf Bildschirmen. In einer Art Fernsehtalkshow
       behaupten sie je von sich, doch ein traditionelles Gemüse zu sein. Aber
       wessen Tradition beanspruchen sie?
       
       Eine Landkarte von 1681 zeigt die Steiermark in der Form des Kriegsgottes
       Mars – die Steiermark als Bollwerk gegen den islamischen Osten. Das
       Narrativ nahmen die Nazis wieder auf und auch jetzt schimmert es
       erschreckend durch die Asyldebatte im Wahlkampf durch. Nur wenige Meter
       entfernt läuft der Film „Noreia“ von Jan Peter Hammer (geboren 1970).
       
       ## Umstrittene Geschichte
       
       In dokumentarischen Bildern erzählt er, wie der Landesarchäologe der
       Steiermark zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine vorgefundene keltische
       Siedlung mit einer germanischen Schlacht aus vorchristlicher Zeit
       ideologisch verwoben hat. Bis heute hadern Dorfbewohner:innen damit,
       dass ihre vermeintlich stolze Lokalgeschichte wissenschaftlich längst
       umstritten ist.
       
       Woanders lässt sich die ukrainische Künstlerin Alina Kleytman (geboren
       1991) auf einem Bildschirm eine riesige Zunge aus dem Schlund wachsen. Der
       russische Angriffskrieg in der Ukraine, er ist auch Kampf gegen Kultur und
       Sprache, man droht an seiner eigenen Sprache zu ersticken.
       
       Die Ausstellung des Steirischen Herbsts ist eine sehr kuratierte Schau,
       jedes Objekt hat hier seinen Platz. Man wird umschlungen von den Ideologien
       der Vergangenheit, um sie sogleich durch den Blick der Gegenwartskunst
       wieder dekonstruiert zu sehen. Mit welcher Erkenntnis kommt man da wieder
       raus? Dass „Heimat“ nur Erzeugnis von den manchmal selbst widersprüchlichen
       Protagonisten der Geschichte ist, so vage wie wandelbar – und deswegen so
       gefährlich. Stimmt: Horror Partriae.
       
       Recherchen zu diesem Artikel wurden vom steirischen herbst ’ 24
       unterstützt.
       
       26 Sep 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=Lp2qcCrdBLA
 (DIR) [2] /Ueberraschung-beim-steirischen-herbst/!5804746
 (DIR) [3] /Erfolgsrezept-fuer-linke-Parteien/!6033226
 (DIR) [4] /Kulturkampf-in-der-Slowakei/!6035074
 (DIR) [5] /Kunst-und-Freud/!6025132
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sophie Jung
       
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