# taz.de -- Ex-Grüner zum Austritt wegen Asylpolitik: „Ich kann das nicht mittragen“
       
       > Der Aktivist Tareq Alaows ist mit anderen Geflüchteten bei den Grünen
       > ausgetreten. Sie wollen die Reform des EU-Asylsystems GEAS nicht
       > mittragen.
       
 (IMG) Bild: Tareq Alaows bei einer Bundespressekonferenz zur Seenotrettung im September 2019
       
       taz: Herr Alaows, Sie haben mit einer Gruppe anderer Geflüchteter, die
       Funktionen in der Grünen Partei hatten, am Freitag ihren Austritt erklärt.
       Warum? 
       
       Tareq Alaows: Der Grund sind die Entwicklungen der letzten Tage: Die Grünen
       haben die Reform des EU-Asylsystems GEAS und das
       Rückführungsverbesserungsgesetz der Ampel nicht nur mitgetragen, sondern
       auch verteidigt und versucht das als menschenrechtliche Entscheidung
       darzustellen. Dabei wissen alle, dass [1][dies nur zur Aushöhlung des
       Rechts Schutzsuchender] und zu mehr Verletzungen von Grundrechten führen
       wird.
       
       Wären Sie drin geblieben, wenn die Partei zugestimmt, dies aber kritisch
       reflektiert hätte? 
       
       Dass sie es mitgetragen haben, war für mich schon ein ausreichender Grund
       auszutreten. Ich finde es aber nochmal etwas anderes, das so zu
       verteidigen, wenn es so offensichtlich zu systematischen
       Menschenrechtsverletzungen führt.
       
       Was hat sie seinerzeit bewogen, den Grünen beizutreten? 
       
       Ich bin der Partei 2020 wegen ihrer Asylpolitik beigetreten. Ich habe mich
       da zuhause gefühlt. Und durch die letzten Entscheidungen habe ich mich von
       diesem Zuhause weggestoßen gefühlt. Die Grünen standen klar für
       Menschenrechte, waren auf einer Linie mit zivilgesellschaftlichen
       Bewegungen, haben mit diesen zusammengearbeitet und entsprechende
       Forderungen an die damalige Bundesregierung gerichtet. Sie haben sich unter
       anderem klar für Seenotrettung im Mittelmeer eingesetzt. Das sind alles
       Positionen, die in der DNA der Grünen stecken. Ich sehe das auch ganz klar
       bei vielen Parteimitgliedern. Aber leider lehnt die Führungsspitze der
       Partei diese DNA ab.
       
       Wen meinen Sie konkret? 
       
       Annalena Baerbock, Omid Nouripour, Robert Habeck und den ganzen
       Bundesvorstand.
       
       Unter anderem [2][Omid Nouripour hat die Zustimmung zum GEAS] mit der
       Behauptung verteidigt, so lasse sich ein verbindlicher Verteilmechanismus
       in der EU durchsetzen, der aber während der Verhandlungen nie vorgesehen
       war. Außerdem hatte die Grünen-Spitze zugesichert, Ausnahmen für
       Minderjährige durchsetzen zu wollen. Am Ende stimmte Deutschland aber zu,
       obwohl es diese Ausnahmen nicht gibt. Wie empfanden Sie diese Art der
       Kommunikation? 
       
       Sie war überhaupt nicht ehrlich. Sie haben versucht, ihre Zustimmung zu
       verteidigen und waren dabei nicht faktenbasiert. Diese Art gehört zu den
       Dingen, die mich abgestoßen haben.
       
       Auch vonseiten der Grünen hat es geheißen, wenn es nun keine Einigung beim
       GEAS gebe, würde die extreme Rechte bei der EU-Wahl im Juni 2024 noch
       stärker und könnte das Asylrecht in Europa dann womöglich noch stärker
       beschneiden oder ganz abschaffen.
       
       Ich glaube nicht, dass der Beschluss der GEAS-Reform dieses Risiko
       verringert. Wenn die Rechten die Mehrheit kriegen könnten und das Asylrecht
       abschaffen wollen, ist es umso wichtiger, für ein faires Asylrecht
       einzutreten und nicht in diese Diskursverschiebung einzusteigen. Die
       Rechten werden nicht weniger extrem, wenn man selbst solche Verschärfungen
       beschließt. Sie fühlen sich, im Gegenteil, nur bestätigt, wenn
       demokratische Parteien das mittragen. Wir müssen deshalb am Recht
       festhalten, statt es selber abzuschaffen.
       
       [3][Die Basis und auch die EU-Fraktion waren gegen die Reformen]. Hat das
       für Sie keine Rolle gespielt? 
       
       Ja, die EU-Fraktion war gegen die GEAS-Reform. Wir haben aber gesehen, dass
       sich bei den Entscheidungen letztlich die Bundesregierung durchgesetzt hat.
       Und am Ende zählen die Ergebnisse. Dazu kommt aber auch die Rolle der
       Grünen in der Debatte insgesamt: Die sind voll in die rechtspopulistische
       Diskursverschiebung eingestiegen, sie reden nur von Abschiebungen und
       Verschärfungen, statt auch argumentativ dagegen zu halten und für ihre
       Grundsätze einzustehen, was gerade in der jetzigen Zeit sehr notwendig
       gewesen wäre.
       
       Wenn alle Menschen, die so denken wie Sie, aus der Partei austreten, kann
       niemand mehr in diesem Sinne Einfluss auf deren Regierungspolitik nehmen. 
       
       Mein Austritt soll ein politisches Signal sein: Ich kann das nicht
       mittragen. Aber es sind ja weiterhin viele andere in der Partei, die für
       eine menschenrechtszentrierte Politik kämpfen. Denen wünsche ich viel
       Kraft. Ich hoffe, dass die Partei ihren Kompass wiederfindet.
       
       Treten Sie nun in die Linke ein?
       
       Für die jetzige Zeit kann ich sagen, dass ich die Stelle ändere, an der ich
       mich für Menschenrechte einsetze. Ich kehre zur zivilgesellschaftlichen
       Arbeit zurück.
       
       22 Dec 2023
       
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 (DIR) Christian Jakob
       
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