# taz.de -- Politik mit Migrationshintergrund: Ein exklusives Angebot fürs Abgeordnetenhaus
       
       > Enad Altaweel floh vor neun Jahren nach Berlin, nun bewirbt er sich als
       > Kandidat fürs Landesparlament. Dafür kriegt er Hass ab, aber auch
       > Ermutigung.
       
 (IMG) Bild: Seit 2017 ist er bei den Grünen, nun möchte der Informatiker Enad Altaweel auch als Parlamentsmitglied Berlin gestalten
       
       BERLIN taz | „2016 habe ich in Deutschland Zuflucht gefunden. Und 2026 will
       ich ins Berliner Abgeordnetenhaus, um Geflüchteten und Menschen, die sonst
       nicht gehört werden, eine Stimme zu geben“, sagt Enad Altaweel. Er sagt es
       in einem Video, mit dem er sich als Kandidat für die Abgeordnetenhauswahl
       2026 ins Gespräch bringen möchte. Altaweel strebt eine Direktkandidatur in
       einem Wahlkreis in Friedrichshain-Kreuzberg an. Am 8. November wollen
       [1][die Grünen ihre Wahlkreiskandidat*innen für
       Friedrichshain-Kreuzberg] nominieren.
       
       Altaweel rechnet sich Chancen aus. „Es gibt allerdings mehr
       Bewerber*innen als Plätze,“, sagt er und erzählt, dass er bereits 2017,
       ein Jahr nach seiner Ankunft in Berlin, [2][bei den Grünen eingetreten sei.
       Er übernahm einen Posten] im Kreisvorstand, seit vier Jahren ist er im
       Landesvorstand.
       
       Vor gut einem Jahr habe er die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten und
       damit auch das aktive Wahlrecht. Sollte seine Partei ihn aufstellen und
       sollte er 2026 tatsächlich gewählt werden, dann wäre er „der erste“, sagt
       er: Denn er könnte die erste in ein deutsches Parlament gewählte Person
       sein aus der Gruppe der Menschen, die um 2015 herum nach Deutschland
       geflohen sind.
       
       Das Video, mit dem Altaweel seine Kandidatur verkündet, ist seit rund einer
       Woche online. Altaweel ist 29 Jahre alt und arbeitet in Berlin als
       Informatiker. In seinem Bewerbungsvideo erzählt er von [3][seinem
       ehrenamtlichen politischen Engagement für Menschenrechte und für ein
       Wahlrecht für alle]. „Ich kandidiere, weil ich überzeugt bin: Berlin kann
       zeigen, wie es geht, eine weltoffene, klima- und sozialgerechte Metropole
       zu sein, mit Lösungen für alle und Partizipation ab dem ersten Tag“, sagt
       er darin.
       
       Als Informatiker liegt ihm auch die Digitalisierung in Berlin am Herzen,
       sagt er. Und dass er sich dafür einsetzen will, dass Berlin seine
       Landesaufnahmeprogramme für Flüchtlinge weiterführt. Eben weil er in einer
       brutalen Diktatur und im Krieg in Syrien aufgewachsen sei, wolle er mit
       aller Kraft für die Demokratie kämpfen, gegen die AfD und ihre
       Steigbügelhalter, und gegen Hass, Rechtsextremismus und Ungerechtigkeit,
       sagt er.
       
       Mit Hass hat Altaweel nun früher zu tun, als er es sich vielleicht
       ausgemalt hat. Wenige Tage nachdem er das Video veröffentlicht hatte,
       teilten es rechte Influencer, unter andrem im Netzwerk X. Ihren Repost
       versahen sie mit Hasskommentaren. Es sei „essenziell, alles dafür zu tun“,
       damit „diese indoktrinierten Jungerwachsenen nicht in die Nähe von
       politischer Gestaltungsmacht kommen“, schreibt etwa ein nur wenige Jahre
       älterer Mitarbeiter des rechten Portals Nius. Das meine er „komplett
       ernst“, fügt er drohend an.
       
       ## Schon die Kandidatur triggert
       
       Ein anderer Account mit großer Reichweite stört sich offensichtlich
       besonders an Altaweels Positionierung gegen die AfD und fordert kaum
       verklausuliert, ihn abzuschieben. Die Reposts sind inzwischen tausendfach
       geteilt und gelikt. Darunter tummeln sich Kommentare in ähnliche
       Richtungen, die ihm das Recht absprechen, sich politisch einzubringen, und
       sich daran stören, dass er sich für Geflüchtete einsetzen will. Auch mit
       Abschiebung drohen einige. Manche wenige halten auch dagegen und
       kritisieren die herabsetzenden Reposts.
       
       Altaweel sagt, dass er auf Gegenwind vorbereitet war. „Dass es die Rechten
       so sehr triggert, dass ich nur meinen Kandidatur anbiete, das habt mich
       aber schon überrascht“, sagt er. „Ich bin ja bisher weder aufgestellt noch
       gewählt, und sie greifen mich nicht mal wegen meiner Inhalte an.“ Für ihn
       zeigen die vielen Kommentare, dass die Bedingungen für ihn, sich politisch
       einzubringen, noch nicht gleichberechtigt sind. „Parteikolleg*innen, die
       auch ihre Kandidatur mit einem Video bei Instagram bekannt gegeben haben,
       haben nicht diese Reaktionen bekommen“, sagt Altaweel der taz.
       
       Und er erzählt, dass sich ein mulmiges Gefühl aus dem Online-Umfeld in
       seinen Alltag übertrage. „Ich merke, dass mein Gesicht bekannt geworden
       ist“, sagt er. Letztens habe ihn in der U-Bahn eine Passantin feindselig
       angestarrt und er habe sich gefragt, ob sie ihn wohl aus seinem inzwischen
       zehntausendfach angeklickten Video wiedererkannt habe. „Online kann ich das
       ganz gut wegschieben und mich schützen“, sagt er, mit Hilfe seiner Partei
       würden sie auch vieles nun bei Hate Aid melden. „Aber diese Situation in
       der U-Bahn hat mir schon Sorgen gemacht.“
       
       Altaweel hat dabei auch einen ehemaligen Parteikollegen im Hinterkopf.
       [4][Tareq Alaows, flüchtlingspolitischer Sprecher von Pro Asyl, war von den
       Grünen 2021 als Bundestagskandidat] für einen Wahlkreis in
       Nordrhein-Westfalen aufgestellt worden. Auch er war 2015 aus Syrien
       geflohen. Im März 2021 allerdings zog Alaows seine Kandidatur zurück, nach
       massiven Drohungen gegen ihn, aber auch gegen seine Familie.
       
       ## Für neu nach Berlin kommende Menschen
       
       „So schlimm ist es bei mir zum Glück noch nicht“, sagt Altaweel. „Ich bin
       überzeugt, dass es wichtig ist, dass ich mich einbringe“, er sehe einen
       großen Bedarf und könne mit seiner Perspektive entscheidend dazu beitragen,
       die Situation von neu nach Berlin kommenden Menschen zu verbessern. Es
       brauche etwa Sprachkurse von Anfang an und für alle, ein klares Einstehen
       gegen Alltagsrassismus und schnellere Anerkennungen von im Ausland
       erworbenen Qualifikationen.
       
       „Ich bin deutscher Staatsbürger. Wenn die Rechten weiter Aufwind bekommen,
       wird es nicht nur für mich schlimm, sondern noch mehr für die, die
       ungeschützter sind. Und für alle, die selbst gar nicht wählen dürfen“, sagt
       Altaweel.
       
       Mut machen ihm all die positiven Reaktionen, die sich auf seinem eigenen
       Account unter dem Video finden. „Eine inspirierende Geschichte und ein
       Mega-Angebot“, schreibt etwa eine Kommentatorin. „So jemand wie dich würde
       ich mir auch für Hamburg wünschen“, schreibt eine andere. „In meinem
       Lieblingsrestaurant letztens hat mich der Besitzer auf das Video
       angesprochen und mir Erfolg gewünscht. Das hat mich sehr gefreut“, sagt
       Altaweel. „Diese Offenheit und Unterstützung ist es doch, was Deutschland
       ausmacht.“
       
       25 Sep 2025
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uta Schleiermacher
       
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