# taz.de -- Debütalbum des Elektronikduos Rezzett: Reizvolle Monster
       
       > Die Produzenten Lukid und Tapes veröffentlichen als Rezzett ihr
       > Debütalbum. Der euphorische Sound löst spätpubertäre Ekstase aus.
       
 (IMG) Bild: Ausschnitt des Covergemäldes: Große Kunst von Rezzett
       
       Eigenwillige Akkorde sind mutige Akkorde: Sie sagen ja, ja und nochmals ja.
       Affirmation galore. Erreicht wird sie durch Es-Dur, Es-Dur Sept, dann
       plötzlich c-Moll, und dieser Ton wird ewig gehalten, bis ungefähr zum
       Höllenschlund. Eine Akkordfolge, die zur schlafwandlerischen, scheinbar von
       sich selbst gelangweilten Melodie wird und vor lauter Übersteuerung stiften
       zu gehen droht. Es braucht dann schon einen Beat, um sie mit fröhlichem
       Rauschen ins Leben zurückzuholen. Seine Low-Fidelity-Reanimation hört sich
       an, als würden 40.000 Kellerasseln am Gitter unter dem Eingang vom Postamt
       mit den Füßchen scharren.
       
       [1][„Hala“] heißt der Track. So wie „Hala“ lösen alle acht Tracks [2][auf
       dem Debütalbum] der beiden britischen Produzenten Rezzett spätpubertäre
       Ekstase aus. Jeder [3][Track] bleibt gerade durch seine Unschärfe reizvoll,
       damit wird Unbill auf Abstand gehalten und suggeriert, dass man sich der
       Freude am Dasein verschreiben kann, gerade wegen der Arschlöcher, die einem
       diese Freude so gerne verleiden wollen.
       
       Gezielt nutzen der Londoner Lukid (Luke Blair) und der Amsterdamer Tapes
       (Jackson Bailey) zum ungestörten Arbeiten die Informationsverweigerung. Von
       beiden gibt es bis dato keinerlei Aussagen zum Sinn von Rezzett. Bis
       überhaupt öffentlich wurde, wer hinter dem Projekt Rezzett steckt,
       existierte das Gerücht, die Musik entstehe in Istanbul. Gefüttert durch
       Titel in türkischer Sprache („Hala“, türkisch für „noch immer“).
       
       ## Neues Game, neues Glück
       
       Ihr Projektname Rezzett betont lautmalerisch das Substantiv Reset,
       Neustart. Und einen Neustart symbolisiert der Sound von Rezzett insofern,
       als er die Errungenschaften von 30 Jahren Dancefloor-Kultur wie unter einem
       Brennglas kondensiert, bis zur Fratze verzerrt und mit einer gewaltigen
       Energieleistung vorwärts schleudert. Im Endergebnis klingt ihr Sound viel
       weniger insular als es ihre Inspiratoren bisweilen noch waren. Rezzett
       zapfen sich die Zutaten für ihre Tracks von überall her ab, Tribal-House
       mag noch naheliegend sein, aber das leiernde Rupfen alter Videotapes oder
       das sausenden Rollen einer Roulette-Kugel sind es nicht.
       
       Wichtig ist, was Rezzett daraus machen und wie sie damit aus den
       Nachtleben-Sackgassen hinausgefunden haben: Ihr Sound klingt tough und
       bisweilen schmutzig, aber er wirkt nie kitschig hart und postindustriell
       vergeistigt. Und so führt ihre Rekombination zu Geniestreichen, wie dem
       plötzlich einsetzenden Half-Time-Beat aus der Drum-’n’-Bass-Ära, den
       Rezzett im Finale „Worst Ever Contender“ aus dem Keller holen und auf eine
       klopfende Synth-Hookline setzen.
       
       Damit stellen Lukid und Tapes eine Verbindung zur Vergangenheit her und
       machen klar, dass in diesem Beat mindestens so viel kulturelles Gedächtnis
       steckt, wie in einem sozialkritischen Songtext. Stimmen tauchen auf,
       gelegentlich streuen Rezzett Wortfetzen, Satzanfänge und Ähs ein. Gerade
       wegen seines instrumentalen Charakter gewährt der Sound von Rezzett
       grandiose Illusionen, kramt Erinnerungen hervor, appelliert an bestimmte
       Gefühle genauso wie an unaussprechbare Triebe.
       
       Konsequent verzichten Rezzett auf einen Albumtitel, nicht mal ein
       Schriftzug findet sich auf dem Cover, nur die nachkolorierte Zeichnung
       eines einäugigen Zottelviechs, das aus einem Gestrüpp strauchelt.
       Hallöchen. Track Nummer drei heißt [4][„Sexzzy Creep“], Track Nummer sieben
       heißt [5][„Gremlinz“] und die dazugehörige Musik trägt dem Unheimlichen
       Rechnung: Monster haben ihren ganz eigenen Reiz.
       
       5 Apr 2018
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=wrzQz3H2Ykw
 (DIR) [2] https://rezzett.bandcamp.com/
 (DIR) [3] https://rezzett.bandcamp.com/
 (DIR) [4] https://www.youtube.com/watch?v=krkwLWkheWo
 (DIR) [5] https://www.youtube.com/watch?v=RSBtwYqSTJs
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Julian Weber
       
       ## TAGS
       
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