# taz.de -- Kuratorin der Thessaloniki-Biennale: „Respekt ist nicht das richtige Wort“
       
       > Katerina Gregos über dereguliertes Denken, fragwürdige Souveränität, die
       > Verantwortung der Griechen und die Rolle der Kunst in historischen
       > Krisen.
       
 (IMG) Bild: Teil der Thessaloniki-Biennale: „Europa in Trouble“ von Pavel Pepperstein (2013).
       
       taz: Frau Gregos, Optimismus des Willens, Pessimismus des Intellekts – ist
       der Titel Ihrer Ausstellung für die 5. Thessaloniki-Biennale ein Wunsch an
       die griechische Regierung, an Europa oder an die Kunst? 
       
       Katerina Gregos: Zuallererst ist es ein Wunsch für die Gesellschaft. Für
       die griechische, aber auch für alle Gesellschaften, die eine Krise
       durchlaufen. Immer sind sie zerrissen zwischen ihren Wünschen und der
       Realität. In Griechenland gab es diesen Optimismus bei dem jüngsten
       Regierungswechsel. Vierzig Jahre sind wir von unfähigen, korrupten und
       nepotistischen Regierungen regiert worden, ob sie nun konservativ oder
       sozialistisch waren. Sechs Monate später bin ich deutlich weniger
       optimistisch. Für die Kunst gilt das nicht. Da sind der Optimismus des
       Willens und die radikale Imagination fast immer schon am Werk.
       
       Haben Sie Angst vor dem Bankrott Griechenlands? 
       
       Davor hat jeder Angst. Aber er wird nicht stattfinden. Ich bin keine
       Politikerin oder Ökonomin, ich bin Kunsthistorikerin. Aber das Defizit ist
       derart groß, dass Europa Griechenland nicht erlauben wird, pleitezugehen.
       Da würden zu viele Leute zu viel Geld verlieren.
       
       Halten Sie die sogenannte griechische Krise auch für den „Irakkrieg der
       Finanzwelt?“ 
       
       Die Formel zielt wohl auf den kolonialistischen Unterton der Verhandlungen.
       Natürlich spielt ein gehöriges Maß Interventionismus eine Rolle. Auch das
       Prinzip Souveränität wird fragwürdig, obwohl die Regierung Tsipras ein
       demokratisches Mandat hat. Lassen Sie es mich so sagen: Wir erleben jetzt
       den Antagonismus zwischen Leihgebern und Gläubigern. Das ist eine paradoxe
       Situation. Zumal mit dieser Praktikumsregierung in Athen. Und niemand
       findet in dieser Situation eine Sprache des Kompromisses. Die wäre aber
       notwendig, weil die Krise eine humanitäre und nicht nur eine ökonomische
       ist. Das vergessen wir oft, wenn wir von den Milliarden und dem Defizit
       reden. 30 Prozent der griechischen Bevölkerung lebt unterhalb der
       Armutsgrenze. Das Erziehungs- und das Gesundheitswesen sind zerstört, die
       soziale Öffentlichkeit fällt auseinander.
       
       Und daran ist nur die EU schuld? 
       
       Wir müssen auch von der Verantwortlichkeit der Griechen reden, die
       jahrelange für diese Leute stimmten, weil sie einen Job im öffentlichen
       Sektor haben wollten. Es wäre der historische Moment für Alexis Tsipras,
       den jetzt umzubauen. Ich sehe aber nicht, dass er es tut. Ich bin bestimmt
       nicht auf der Seite des IWF, der EZB und der Troika. Aber wenn Sie sich
       Geld leihen, müssen Sie es auch zurückzahlen. Andererseits: Mich erinnert
       die ganze Situation doch sehr an die Subprime-Krise ab 2007 in den USA. Die
       Banken liehen Geld an Leute, von denen sie wussten, dass sie auf Risiko
       spielten.
       
       Sie sind Griechin und leben in Brüssel. Das bringt eine besondere
       Perspektive mit sich. Behandelt die EU Griechenland mit Respekt? 
       
       Respekt ist nicht das richtige Wort, wenn es um harte Fakten geht. Ich
       würde das Wort „harshness“ benutzen: Europa zeigt Härte, wo man Solidarität
       erwarten würde. Genau damit wurde Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg
       aufgebaut. Nicht nur mit dem Marshallplan. Da herrscht eine historische
       Amnesie. Deutschland hatte auch Kriegsschulden, die nie abbezahlt wurden.
       
       Sollen wir die griechischen Schulden einfach vergessen? 
       
       Mich stört, dass wir nur von Geld reden. In ganz Europa ist etwas falsch
       mit der Ökonomie, wenn wir derart von Schulden abhängig sind. Das ganze
       neoliberale Modell hat Europa infiziert. Jetzt müssen wir erleben, wie die
       Errungenschaften, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut worden sind,
       abgebaut werden: der europäische Sozialstaat. Es gibt keine perfekte
       Utopie. Aber Europa hat das beste Modell einer Gesellschaft hervorgebracht,
       das auf sozialen Zusammenhalt basiert. Und das wird jetzt zerstört. Um wie
       zu werden? Amerika? China?
       
       Was ist in Europa größer – das ökonomische oder das demokratische Defizit? 
       
       Beide sind gleich groß. Die Leute wählen nur noch aus ökonomischen Gründen:
       Sie wollen nur noch mehr Geld und weniger Steuern. Niemand fragt mehr nach
       besserer Erziehung oder einem besseren Gesundheitswesen.
       
       Im letzten Jahr haben Sie in Brüssel eine Schau mit dem Titel „No Country
       for young men“ kuratiert, die die schlechten Perspektiven in Ihrer Heimat
       thematisiert. Hat sich die Lage verbessert, seit die Syriza-Regierung im
       Amt ist? 
       
       Nein. Wir hatten alle die Erwartung auf einen radikalen Wechsel. Ich bin
       nicht sehr beeindruckt von dem, was ich nun sehe. Und ich gehöre zu
       denjenigen, die glücklich über den Wahlausgang waren. Ich sehe eine
       Wiederholung derselben müden politischen Formeln. Es sieht nicht so aus,
       als ob sie einen ökonomischen Plan hätten. Und ich sehe nicht, dass sie den
       bürokratischen Staat anfassen.
       
       Kann man unter diesen Umständen überhaupt eine Kunstausstellung machen, die
       sich nicht mit der konkreten politischen Situation befasst? 
       
       Ich könnte so eine Ausstellung nicht machen. Die Krise ist so groß und
       durchdringt unser ganzes Leben, dass eine formale Kunstausstellung, sagen
       wir zur Zukunft der Skulptur, keinen Sinn machen würde. Mich interessiert
       Kunst im Zusammenhang mit der Gesellschaft.
       
       Sie gelten als politische Ausstellungsmacherin. Was ist die Rolle von Kunst
       in einer so außerordentlichen Situation? 
       
       Für mich ist Kunst die letzte Bastion der Freiheit des Ausdrucks. Kunst ist
       vielleicht der letzte Ort nicht regulierten Denkens und Handelns in einer
       Zeit, wo alles kontrolliert und überwacht wird. Ich bevorzuge politische
       Kunst, die Ungleichheit beleuchtet, problematisches Handeln herausfordert,
       sich als Korrektur versteht. Die Frage ist: Wer setzt den dominierenden
       Master-Narrativen der Macht etwas entgegen? Kunst muss eine Art Gewissen
       der Gesellschaft sein und uns das zeigen, von dem andere nicht wollen, dass
       wir es sehen. Kunst ist aber auch ein Akt der Großzügigkeit, der
       Kommunikation und des Teilens. Sie bringt Menschen zusammen, schafft eine
       Atmosphäre des Zusammenhalts: All das, was gerade nicht passiert.
       
       Antonio Gramsci fungiert als Titelgeber ihrer Schau. Warum ist er so
       wichtig? 
       
       Ich habe mich immer für Denker interessiert, die von der linken Seite des
       politischen Spektrums kommen. Gramsci hat die Kommunistische Partei und den
       Eurokommunismus mit begründet. Mich hat aber immer seine humanistische
       Seite, sein Altruismus, inspiriert. Diese Tugend vermisse ich bei vielen
       MarxistInnen und bei der praktischen politischen Umsetzung ihrer Theorien.
       Ihn müssen wir uns in einer Situation neu aneignen, in der Politik extrem
       bürokratisch und technokratisch geworden ist.
       
       Versuchen Sie deswegen, den Besucher der Biennale-Ausstellung von Anfang an
       in eine Art Gramsci-Zustand zu versetzen? 
       
       Die Ausstellung ist kein Tribut an Gramsci. Aber Gramscis Zitat vom
       Optimismus des Willens und dem Pessimismus des Intellekts bezeichnet sehr
       präzise die Sackgasse, in der wir uns gerade befinden. Sie betreten die
       Ausstellung durch eine Arbeit des österreichischen Künstlers Peter Friedl:
       ein langer Tunnel, der den Tunnelblick simuliert, den viele Griechen oder
       die Politiker in Brüssel haben. An sein Ende hat Friedl ein anderes Zitat
       als Leuchtschrift gesetzt, in der es um die Rolle der Fantasie in der
       Politik geht: die Idee des Lichts am Ende des Tunnels.
       
       Nennen Sie uns ein Kunstwerk aus der Ausstellung, das für Gramscis
       „Optimismus des Willens“ steht? 
       
       Die Arbeit „Unearthing Disaster“ von Angela Anderson und Angela
       Melitopoulos. Sie haben eine Videorecherche über eine große Goldmine in den
       Skouries-Bergen auf der wunderschönen Halbinsel Halkidiki gemacht, hier
       ganz in der Nähe von Thessaloniki. Da beginnen sie zu verstehen, dass es
       sich lohnt, gegen den Desaster-Kapitalismus zu kämpfen.
       
       In Ihrem kuratorischen Statement sprechen Sie von der Notwendigkeit des
       „dreaming forward“ auch und gerade in einer Krisensituation. Was ist Ihr
       persönliches „Vorwärts-Träumen“? 
       
       Ich muss mir eben immer wieder einen Horizont vorstellen, der besser ist
       als der, den wir jetzt haben.
       
       1 Jul 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ingo Arend
       
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