# taz.de -- Stalin-Renaissance unter Putin: Die Rückkehr des Despoten
> Während die Aggression gegen die Ukraine brutaler wird, gewinnt der
> einstige sowjetische Diktator Josef Stalin an Popularität unter den
> Russen. Denkmäler werden ihm errichtet.
(IMG) Bild: Laut einer Umfrage vom Juni 2025 ist Stalin für die Russen die weltweit herausragendste Persönlichkeit aller Zeiten
Sotschi hat eine. Nowosibirsk hat eine. Vielleicht nicht ganz überraschend
hat Moskau gleich mehrere. Statuen und Büsten zu Ehren Josef Stalins
tauchen heutzutage überall in Russland auf, trotz der fast unvorstellbaren
Verbrechen, die der damalige Diktator der Sowjetunion auf dem Gewissen hat.
Im September 2025 gab es laut dem Medium „[1][Re: Russia“] 176 Denkmäler
des Despoten. Zwei Jahre zuvor hatte eine von [2][Radio Svoboda] zitierte
Studie 110 registriert. Mit Ausnahme von 15 wurden sie alle in dem
Vierteljahrhundert eingeweiht, in dem Präsident Wladimir Putin an der Macht
ist, schreibt Radio Svoboda.
Stalin fing wieder an, sein Gesicht zu zeigen, insbesondere nachdem
Russland 2014 den Krieg gegen die Ukraine begonnen und die Krim besetzt
hatte. Seit der Vollinvasion in die Ukraine am 24. Februar 2022 hat sich
diese Entwicklung fortgesetzt, wie beide Untersuchungen zeigen. Russland
erhielt in den ersten sieben Monaten des Jahres 2025 laut „Re: Russia“ 18
neue Monumente zu Ehren Stalins. [3][Zuletzt weihte die Stadt Smolensk am
18. Dezember ein Denkmal ein, um ihn zu würdigen].
## Verdrängung seiner Verbrechen
Es gibt einen Zusammenhang zwischen Russlands Angriffskrieg gegen die
Ukraine und dem Aufkommen zahlreicher neuer Denkmäler zu Ehren Stalins. Das
meint der amerikanische Historiker und Journalist David Satter, Autor des
2011 erschienenen Buches „It Was a Long Time Ago, and It Never Happened
Anyway“.
„Die Invasion in die Ukraine nährt den Traum von einem Imperium, und
niemand hat ein größeres Imperium für Russland geschaffen als Stalin“, sagt
der Autor, dessen Buch sich mit der Verdrängung der Verbrechen der
Stalin-Ära in der russischen Gesellschaft befasst.
Die Errichtung der vielen Denkmäler geht Hand in Hand mit Stalins
wachsender Beliebtheit in der russischen Bevölkerung. Zwei Jahre vor
Russlands Angriff auf die Ukraine in 2014 hatten nur 28 Prozent der Russen
eine positive Meinung von Stalin. Im Jahr 2023 war diese Zahl auf 63
Prozent gestiegen. [4][Das zeigen Umfragen des Levada-Zentrums]. Laut einer
Umfrage vom Juni 2025 ist Stalin für die Russen die weltweit
herausragendste Persönlichkeit aller Zeiten. Dies meinen [5][42 Prozent]
der Bevölkerung.
Für den russischen Schriftsteller [6][Sergei Lebedew], der im Exil in
Berlin lebt, ist die Rückkehr des sowjetischen Despoten eine Verhöhnung der
Opfer des stalinistischen Staatsterrors. Darunter Millionen Ukrainer, die
dabei ums Leben kamen – insbesondere während der künstlich herbeigeführten
Hungersnot Holodomor in den Jahren 1932 und 1933. Wie die Verbrechen der
Sowjetzeit, Massenmorde und unverarbeitete Menschenverachtung im heutigen
Russland weiterwirken, zieht sich wie ein roter Faden durch Lebedews
Romane.
„Die schleichende Rückkehr von Büsten und Statuen, die Stalin abbilden,
zerstört die Bedeutung der ohnehin schon viel zu wenigen Denkmäler für die
Opfer. Sie erzeugen einen Effekt der systemischen ethischen Auflösung“,
sagt er.
## Als Memorial gegründet wurde
In seinem Buch schildert Satter wiederum eine Szene aus dem Jahr 1988, in
der es kurzzeitig so aussah, als würde die russische Gesellschaft endlich
eine gründliche Aufarbeitung des Erbes Stalins in Angriff nehmen. Sie
spielte sich in der Nähe der U-Bahn-Station Aeroport in Moskau ab. Um die
Verbrechen unter seiner Herrschaft aufzudecken und darüber zu informieren,
hatte eine Gruppe von Aktivisten gerade die Menschenrechtsorganisation
Memorial gegründet und ein kleines Büro eröffnet.
Satter schreibt: „Es war sechs Tage die Woche von 10 bis 21 Uhr geöffnet,
und Menschen, die vom Terror betroffen waren, strömten dazu. Manchmal
reichten die Schlangen vom Büro die Treppen des Gebäudes hinunter und auf
die Straße hinaus. Einige kamen, um nach verlorenen Verwandten zu suchen,
andere, um Zeugen zu finden, die erzählen konnten, wie ein Verwandter zu
Tode gekommen war. Kinder von ‚Volksfeinden‘, die in Waisenhäusern
aufgewachsen waren und deren Nachnamen geändert worden waren, wollten die
Identität ihrer Eltern erfahren. Während sie ihre Geschichten erzählten,
wurden die Menschen oft ohnmächtig oder weinten unkontrolliert. Bald waren
die Wände mit Aufrufen nach Informationen tapeziert: Wer kannte meinen
Vater? Wer kannte meinen Mann? Hat jemand die oder den gesehen?“
Das Bedürfnis nach Erinnerung war also da. Im Jahr 2022 erhielt Memorial
den Friedensnobelpreis. Etwa zeitgleich mit der Vollinvasion in die Ukraine
wurde die Organisation in Russland aber verboten. Mehrere prominente
Mitglieder [7][sitzen im Gefängnis] oder sind ins Exil geflohen – ein
deutliches Zeichen dafür, wie wenig das derzeitige Regime daran
interessiert ist, Russland dazu zu bringen, sich auf eine konstruktive
Weise mit seiner grausamen Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Laut Satter wurde in Russland nie anerkannt, dass tragische Ereignisse in
der Geschichte aufgearbeitet und Teil des nationalen Bewusstseins werden
können.
„Ich befürchte, dass Stalins Verbrechen noch viele Jahre nicht in den Fokus
rücken werden. Das Gedenken an die Opfer stand schon immer im Widerspruch
zum Wunsch vieler Russen, zumindest indirekt an der ‚Größe‘ ihres Landes
und seiner Fähigkeit zur Einschüchterung teilzuhaben“, sagt er.
## Neuer historischer Stolz
Die Aufmerksamkeit auf die Jahrzehnte des Staatsterrors und der
Unterdrückung von Millionen Unschuldigen zu lenken, würde schnell mit dem
neuen nationalen und historischen Stolz kollidieren, auf den sich das
russische Regime anno 2026 stützt und den es schürt, meint Satter.
In seinem Buch zitiert er den Philosophen Karl Jaspers, der kurz nach dem
Zweiten Weltkrieg in einem deutschen Kontext schrieb:„Nur eine Nation, die
ihre Schuld anerkennt, kann die geistige Katastrophe überwinden, die der
Totalitarismus verursacht hat.“ Die neuen Machthaber in Russland nach dem
Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 haben diese Erkenntnis nie in
die Tat umgesetzt.
Nicht nur, dass die Russen Stalin mit mehr als 176 Denkmälern ehren.
Letztes Jahr ordnete Putin an, den Flughafen in Wolgograd in Flughafen
Stalingrad umzubenennen, in Anerkennung des sowjetischen Generalsekretärs,
nach dem die Stadt früher genannt wurde.
Der Versuch des Kremls, den Kult um den damaligen Diktator in einem neuen
politischen Kontext zu nutzen, umfasst auch die Rehabilitierung seiner
Handlanger. 2022 wurde in der Stadt Magadan ein Denkmal eingeweiht, das die
sogenannten Tschekisten ehrt – eine Bezeichnung für Mitarbeiter des
sowjetischen Sicherheitsdienstes, die unter anderem die berüchtigten
Gulag-Lager betrieben. „Den Mitarbeitern der Sicherheitsorgane des
Territoriums“, lautet die Inschrift.
Magadan im äußersten Nordosten Sibiriens bildete das Tor zu den
schrecklichsten aller Gebiete mit sowjetischen Zwangsarbeitslagern rund um
den [8][Fluss Kolyma.]
## Ort des Schmerzes
„Ein Ort des Schmerzes, ein Ort des Grauens, ein Ort der Trauer. Ein Ort,
an dem unter keinen Umständen ein Denkmal dieser Art errichtet werden
darf“, sagt Lebedew, der diese Geste als ungeheuerlich bezeichnet und mit
einer Ehrung der SS mitten in Auschwitz vergleicht.
Die Wiederbelebung des Stalin-Kults beinhaltet auch eine erneute Würdigung
eines seiner berüchtigtsten Komplizen. Anfang 2025 eröffnete die russische
Besatzungsmacht in der ukrainischen Stadt Mariupol ein Museum, das Andrej
Schdanow gewidmet ist. Er unterzeichnete nicht weniger als 176
Hinrichtungslisten mit den Namen Unschuldiger, als der stalinistische
Terror gegen die Bevölkerung der UdSSR 1937 und 1938 seinen Höhepunkt
erreichte. Sein Sohn war Stalins Schwiegersohn. Und sein Enkel, heute 65
Jahre alt, freut sich laut russischen Medien über die Eröffnung des
Museums, weil sein Großvater nun endlich mit dem Respekt geehrt wird, den
er verdient.
Es ist von fast unvorstellbarer Brutalität, eine Stadt wie Mariupol
zunächst dem Erdboden gleichzumachen, wie es die russische Armee im
Frühjahr 2022 getan hat, um dann an derselben Stelle ein Museum zu
errichten, das einen der schlimmsten Stalinisten aus dem Höhepunkt des
Terrorregimes der Sowjetunion ehrt. Dieses Vorgehen gibt einen guten
Einblick in die Natur des Putin-Regimes und die Bedeutung des Stalinismus
für das derzeitige Regime im Kreml.
Laut Lebedew ist es kein Zufall, dass Stalin wiederaufersteht, während der
Angriffskrieg gegen die Ukraine immer brutaler wird. Für den russischen
Autor dienen die vielen neuen Statuen, die Verherrlichung des roten Zaren
und die Schönfärbung seines Regimes einem konkreten Zweck. Sie senden ein
klares Signal der Machthaber im Kreml an die russischen Soldaten, das
Lagerpersonal und die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes FSB, die alle
Übergriffe auf Ukrainer begehen: Wie Stalin und seine Gefolgsleute, wie die
anderen Täter jener Zeit, werdet ihr niemals zur Rechenschaft gezogen. Wir
decken euch. Niemand wird euch verurteilen. Im Gegenteil. Wir werden euch
auszeichnen.
Auch für die Ukrainer beinhaltet Stalins Rückkehr eine klare Botschaft.
Indem sie ihn heraufbeschwören, signalisieren die Russen: Wir haben euch
ermordet, euch in Lager geschickt und euch damals in unser Reich
eingegliedert. Und jetzt tun wir es wieder.
1 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://re-russia.net/en/expertise/0328/
(DIR) [2] https://www.svoboda.org/a/v-rossii-ustanovleny-110-pamyatnikov-stalinu-ih-chislo-rastyot/32619483.html
(DIR) [3] https://smolpravda.ru/2025/12/na-territorii-parka-istorii-smolensk/
(DIR) [4] https://www.levada.ru/2023/08/15/otnoshenie-k-stalinu/
(DIR) [5] https://www.levada.ru/2025/06/17/samye-vydayushhiesya-lyudi-vseh-vremyon-i-narodov/
(DIR) [6] /Autor-Lebedew-ueber-russische-Opposition/!6087618
(DIR) [7] /Repression-in-Russland/!6169534
(DIR) [8] /Russischer-Dissident-Warlam-Schalamow/!5917259
## AUTOREN
(DIR) Jens Malling
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