# taz.de -- Buch über russischen Kolonialismus: Das Ende des russischen Imperiums
> Maksym Eristavi erforschte die lange Tradition des russischen
> Kolonialismus. Queer und ukrainisch zu sein gilt in Russland
> gleichermaßen als kriminell.
(IMG) Bild: Auch Denkweisen müssen gestürzt werden. Dieses sowjetische Denkmal symbolisierte die „Freundschaft“ zwischen Russland und Ukraine
Niemand sprach das Offensichtliche aus. Das erkannte Maksym Eristavi
schnell, nachdem Russland am 24. Februar 2022 die Vollinvasion gegen sein
Heimatland eingeleitet hatte. Das Schlimmste befürchtend, hatte der
ukrainische Journalist wenige Tage vor dem Angriff einen Beitrag in einem
sozialen Netzwerk geschrieben. Der Text listete die Invasionen Russlands
gegen seine Nachbarn in den letzten 111 Jahren auf und machte auf das
Muster aufmerksam, dem sie folgten.
Während russische Soldaten über die Grenze strömten und die Bomben zu
fallen begannen, ging der Beitrag viral. Die Idee für das Buch „Russischer
Kolonialismus – Ein illustriertes Handbuch“ war geboren.
„Mir war klar, dass niemand die richtigen Worte verwendete, für das was
geschah. Dass es sich um einen kolonialen Krieg handelt. Einen Krieg mit
dem Ziel, ein ganzes Volk zu brechen. Eine Art Krieg, den Russland im Laufe
der Geschichte immer wieder gegen die Ukraine geführt hat“, sagt Eristavi.
Als die Invasion begann, hatte er sich als Journalist bereits mehrere Jahre
mit dem Thema des [1][russischen Kolonialismus und Imperialismus]
beschäftigt.
Nachdem Russlands Aggression gegen die Ukraine 2014 mit der Besetzung der
Krim und der Gründung der sogenannten Volksrepubliken in Donezk und Luhansk
eine neue Intensität erreicht hatte, begann Eristavi die Versuche des
Kremls, die Ukraine zu dominieren, in einem größeren Zusammenhang zu
beobachten, um die dahinterstehende Logik zu verstehen. „Russlands Krieg
gegen die Ukraine durch die Linse des Kolonialismus zu betrachten
verschafft die notwendige Klarheit“, sagt er.
## Systematik der Unterdrückung
Mit kurzen Kapiteln über jede einzelne Bevölkerungsgruppe und jedes
einzelne Land, die Opfer des russischen Kolonialismus geworden sind, bietet
das Buch einen guten Überblick über die Systematik der Unterdrückung. Es
beschreibt Russlands ununterbrochene Tradition der Gewalt gegen seine
Nachbarn seit Beginn des 20. Jahrhunderts.
Vielleicht wird insbesondere die ethnische Säuberung nichtrussischer
Bevölkerungsgruppen innerhalb der Grenzen der Russischen Föderation, die
Eristavi beschreibt, für viele ein Augenöffner sein. Die Übergriffe sind
weitgehend in Vergessenheit geraten, wurden nur äußerst selten von
Historikern thematisiert, und viele der betroffenen Völker sind im Westen
so gut wie unbekannt: die Tannu-Tuva, Tungus, Sacha, die Chanten,
Idel-Ural, die Dolganen, die Nenzen. Die Liste lässt sich fortführen.
Für Eristavi war es wichtig, dieses serielle Verhalten in den Fokus zu
rücken. Nachdem sein Beitrag große Verbreitung gefunden hatte, beschloss
er, ihn zu etwas weiterentwickeln, das den Menschen als Einführung in das
Thema dienen könne. Er tat es und stieß auf große Resonanz. „Russischer
Kolonialismus – Ein illustriertes Handbuch“ wurde mit mehreren Preisen
ausgezeichnet. Zuletzt erhielt er dafür im Dezember 2025 den
Internationalen Witold-Pilecki-Buchpreis.
Die Recherche zu den 47 russischen Invasionen, die dem Angriff auf die
Ukraine im Jahr 2022 vorausgingen und die Eristavi in seinem Buch
beschreibt, war jedoch nicht einfach. „Als ich begann, mich mit diesem
Thema zu beschäftigen, wurde mir schnell klar, dass es extrem schwierig
ist, solche Informationen zu finden. Ich durchforstete Archive und musste
mich in die entlegensten Winkel des Internets begeben, um die Informationen
Stück für Stück zusammenzufügen“, sagt Eristavi. Der russische
Kolonialismus war und ist in Russland selbst kein Thema.
## Putin – nur ein Nebenprodukt des Systems
Aufgrund seiner langfristigen Perspektive auf die Aggression Russlands
gegenüber seinen Nachbarn hält es der Autor für unproduktiv, ja sogar
sinnlos, sich so sehr auf Präsident Wladimir Putin zu konzentrieren, wie es
die westlichen Medien tendenziell tun. Putin sei ein Produkt des Systems.
„Heute ist er es, morgen jemand anderes. Wenn man als russisches
Staatsoberhaupt seine Position befestigen will, geschieht dies innerhalb
der Rahmen einer besonderen Kultur, innerhalb eines bestimmten
Wertesystems. Und dann wird man ein neuer Putin, dann wird man ein neuer
Stalin, dann wird man ein neuer Zar.“ Über individuelle Herrscher,
politische Systeme, Ideologien und Jahrhunderte hinweg habe Russland bei
der Kolonisierung und Unterdrückung seiner Nachbarn stets denselben Ansatz
verfolgt.
Die Arbeit an „Russischer Kolonialismus – Ein illustriertes Handbuch“ kann
in Zusammenhang mit Eristavis persönlicher Erfahrung gesehen werden,
herauszufinden, was es überhaupt bedeutet, Ukrainer zu sein. Erst nach
jahrelanger Suche fühlt er sich heute in seiner ukrainischen Identität
sicherer. In den meisten westeuropäischen Ländern werde man in seine
nationale Identität hineingeboren und nehme sie als selbstverständlich
wahr. „Aufgrund der kulturellen Zerstörung durch den Kolonialismus ist dies
jedoch für die meisten Nationen, die Russland als Nachbarn haben, nicht der
Fall.“
Als er im Süden der Ukraine aufwuchs, sei er lange Zeit verwirrt darüber
gewesen, woher er stamme, erinnert sich Eristavi. „Warum wurde ich in einer
ukrainischen Familie dazu erzogen, Russisch zu sprechen? Warum haben wir so
viele verschwundene Familienmitglieder, über die wir nie redeten?“
Offiziell erlangte die Ukraine nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991
die Unabhängigkeit von der russischen Herrschaft. Aber dass die Ukraine
ihre Selbständigkeit bekam und die russische Besatzung damals endete,
bedeutete nicht, dass die Auswirkungen jahrhundertelanger kolonialer Gewalt
automatisch verschwanden, betont Eristavi.
Vor allem ein Gefühl verbindet er mit seiner Jugend Ende der 1990er Jahre
und dem Beginn des neuen Jahrtausends: „Das Wenige, das ich über meine
Wurzeln wusste, löste eine tiefe Scham aus.“ Da so viele ukrainische
Vorfahren bestraft, ausgeplündert, unterdrückt und ausgerottet worden
seien, weil sie Zeichen ihres Ukrainischseins gezeigt hatten, wuchs er in
einer Kultur auf, die stark vom Kolonialismus und seiner Erzählung geprägt
war. „Eine Kultur, die alles Russische in den Mittelpunkt stellte und
Russland als ‚großartige Zivilisation‘ hervorhob – selbst Jahre nach dem
Ende der formellen russischen Herrschaft.“
## Queer und Ukrainer, beides gilt als kriminell
Aufgrund seiner Nationalität verachtet zu werden. Aufgrund seiner
Sexualität verachtet zu werden: Eristavi hat Erfahrungen mit beidem. Aber
selbst in einem damals stark homophoben Umfeld fiel es ihm viel leichter,
sich als queer zu outen als als Ukrainer. Das erste tat er mit 16 Jahren.
Das zweite tat er erst Ende zwanzig.In einem Imperium wie dem russischen
gebe es eine klare Ähnlichkeit – und sogar einen Zusammenhang – zwischen
der weit verbreiteten Homophobie und der Unterdrückung von Nationalitäten
in der Peripherie.
„In beiden Fällen geht es darum, wichtige Teile der eigenen Identität zu
etwas zu machen, worüber du dich unsicher fühlst. Etwas, zu dem du nicht
stehen möchtest. Und etwas, dessen Behauptung mit ernsthaften
gesellschaftlichen Sanktionen verbunden werden kann.“ Für den russischen
Kolonialismus seien Ukrainischsein und Queerness gleichermaßen gefährliche
und kriminelle Lebensweisen.
Während die russische Vollinvasion die Einheit der Ukrainer stärkt, erfährt
die Queer-Community des Landes immer mehr Respekt, Offenheit und Toleranz.
„Angesichts der existenziellen Drohung verstehen die Menschen sehr
deutlich, wie grundlegend Vielfalt für die ukrainische Identität ist. Dass
Vielfalt uns geholfen hat, die dunkelsten Zeiten zu überstehen. Dass sie
die Grundlage für unsere Widerstandsfähigkeit ist“, sagt Eristavi.
Ukrainische Queers gehörten zu den ersten, die sich zum Militärdienst
meldeten, um ihr Land zu verteidigen, als der große Krieg begann, betont
er. Die Erklärung dafür ist laut Eristavi einfach. Diese Gruppe würde
besonders rücksichtslos verfolgt und unterdrückt werden, wenn es Russland
gelänge, seine Herrschaft über die Ukraine wiederherzustellen.
## Den Mythos zerschlagen
Eristavi fordert die privilegierte Klasse der Russen in den Metropolen
Moskau und Sankt Petersburg auf, [2][darüber nachzudenken, was es bedeutet,
Russland ohne Imperium zu sein.] „Wer sind sie dann? Was heißt es dann
überhaupt, Russe zu sein? Sie stehen vor einer großen Aufgabe ihre
Selbstwahrnehmung zu bearbeiten. Denn so wie es derzeit aussieht, ist die
russische Identität in erster Linie eine imperiale Identität.“
Zugleich möchte Eristavi mit der Idee der Unvergänglichkeit des russischen
Imperiums aufräumen. Ein Teil des Erfolgs des Imperiums bestehe darin, die
unhinterfragbare Überzeugung zu schaffen, dass es gekommen sei, um zu
bleiben. Dass es zu groß und zu mächtig sei, zu viele Ressourcen habe, zu
lange existiere, um ernsthaft in Frage gestellt zu werden: „Dass es niemals
untergehen kann. Und dass die Nationen, die Russland derzeit kolonisiert,
deshalb niemals frei werden.“
Dieser Mythos wirke sehr stark vor allem unter westlichen
Entscheidungsträgern. „Wenn sie an den ukrainischen Widerstand denken“,
meint Eristavi, könnten sie sich das Ende des Imperiums nicht vorstellen.
Das aber hindere sie daran, tragfähige Lösungen zu sehen.
16 Apr 2026
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## AUTOREN
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