# taz.de -- Fusion-Festival nicht geschichtsbewusst: Ferienkommunismus auf dem Rosa Platz
> Auf dem Fusion-Festival wird mit Sowjetanspielungen kokettiert. Das ist
> angesichts der stalinistischen Verbrechen und Putins Bildpolitik nicht
> okay.
(IMG) Bild: Ein Stern mit der typischen „Fusion-Rakete“ am Eingang zum Festival 2019
Alle Jahre wieder verspricht das Musikfestival „Fusion“, geschrieben
ФУЗИОН, eine Handvoll sommerlicher Tage im „Ferienkommunismus“. Die Bühne
namens „Roter Platz“ wurde nach Kritik zwar mittlerweile in „Rosa Platz“
umbenannt, doch auf dem Plan vom vergangenen Jahr finden sich noch eine
„Lenin-Allee“ und ein „Zentralkomitee“. Der neue Plan ist noch nicht
veröffentlicht. Ich möchte niemandem die gute Laune verderben – auch ich
hatte auf dem Festival eine gute Zeit – doch über dieses Image kann ich nur
den Kopf schütteln.
Früher assoziierte ich mit sowjetischer Symbolik etwas Angestaubtes: ein
Stück Vergangenheit, das aus einer merkwürdigen Trägheit heraus bis in die
Gegenwart reicht. Meine Geburtsurkunde etwa, eine hellgelbe Faltkarte, ist
mit einem Hammer-und-Sichel-Wappen versehen. Und das, obwohl ich drei Jahre
nach dem Zerfall der Sowjetunion geboren wurde.
## Der Kreml lässt wieder die Sowjetfahne wehen
Heute verbinde ich mit sowjetischen Symbolen den russischen Krieg gegen die
Ukraine: Drohnenschwärme begleitet von ballistischen Raketen, die nachts
Wohnhäuser in Städten im ganzen Land zerstören. Gefolterte, vergewaltigte
und ermordete Zivilisten in den besetzten Gebieten. Verschleppte Kinder.
Der Kreml greift in seiner Propaganda zu Symbolen wie Sowjetfahnen oder dem
roten Stern, [1][um seine Verbrechen zu legitimieren]. Er hat die Insignien
der Sowjetepoche neben der russischen Trikolore und dem „Z“ ins Pantheon
seiner Symbole integriert.
Den Krieg in der Ukraine stellt er als Verlängerung des Kampfes gegen die
Nazis im Zweiten Weltkrieg dar – vermeintliche ukrainische Nazis sind nun
an ihre Stelle getreten. Die Bedeutung von Symbolen wandelt sich mit der
Zeit, je nachdem, wie sie verwendet werden.
## Die eine böse, die andere gut?
In vielen Ländern Mittel- und Osteuropas sind Hakenkreuze ebenso strafbar
wie Hammer und Sichel – nicht primär wegen ihres heutigen Gebrauchs,
sondern wegen ihrer Bedeutung in der Stalinzeit und später. Im
Vabamu-Museum der Okkupationen und Freiheit [2][in der estnischen
Hauptstadt Tallinn], das ich kürzlich besuchte, werden Vergleiche gezogen
zwischen der Besatzung unter den beiden totalitären Regimen.
Unangemessen, würden vermutlich einige Fusionistas meinen – waren die
beiden Ideologien doch grundverschieden, die eine böse, die andere gut.
Aber ist das wirklich so? Die Sowjetunion besetzte Estland 1940, nachdem
Hitler und Stalin in den geheimen Zusatzprotokollen des
Molotow-Ribbentrop-Pakts Osteuropa unter sich aufgeteilt hatten. Im Jahr
darauf, als Hitler schließlich doch die Sowjetunion überfiel, folgte die
Besatzung der baltischen Staaten durch Deutschland und dann 1944 eine
weitere durch die Sowjets, die bis zur Unabhängigkeit Jahr 1991 andauerte.
Im Museum in Tallinn erfährt man: Rund 14.000 Zivilisten töteten die Nazis
in Estland, darunter allein 1.000 estnische Juden, die sie in
Konzentrationslagern erschossen. Unter Stalin wurden schätzungsweise 80.000
Zivilisten aus Estland in Lager geschickt oder nach Sibirien deportiert,
ein Drittel davon starb durch Hinrichtungen oder die dortigen widrigen
Bedingungen.
## Der Sieg des einen Bösen über ein anderes Böses
Nicht nur die Balten waren von den Repressionen betroffen. Auch meine
Familiengeschichte ist gezeichnet von Zwangsarbeit und Tod. Nach dem
Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion ließ Stalin als
Kollektivstrafe nahezu alle sowjetischen Bürger mit deutschen Wurzeln aus
ihren Heimatorten deportieren. Zwei meiner Ururgroßmütter starben an Kälte
und Hunger.
Der sowjetische Diktator tat dies vielen weiteren Bevölkerungsgruppen an,
etwa den Krimtataren, den Tschetschenen, den Kalmücken. „Für Westeuropa
bedeutete das Ende des Zweiten Weltkriegs den Sieg des Guten über das Böse.
Für Osteuropa bedeutete das Ende des Zweiten Weltkriegs den Sieg des Bösen
über ein anderes Böses“, schreibt der ukrainische Philosoph Wolodymyr
Jermolenko treffend.
Ich rate den Fusionistas jedenfalls dazu, nach dem Tänzchen auf dem „Rosa
Platz“ mal mit Osteuropäern zu sprechen, ins Museum zu gehen oder ein Buch
zu lesen – um zu erfahren, was der Kommunismus in der Sowjetunion, den sie
halbironisch referenzieren, tatsächlich bedeutete.
6 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Yelizaveta Landenberger
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