# taz.de -- Sexualisierte Gewalt im Gazakrieg: Die Nationalität ist kein Gradmesser für Leid
       
       > Viele streiten derzeit über mutmaßliche sexualisierte Gewalt in
       > israelischen Gefängnissen und von der Hamas. Doch erst einmal den Zeugen
       > richtig zuzuhören, wäre sinnvoller.
       
 (IMG) Bild: Israelische Soldaten bei einem Einsatz im Gazastreifen im November 2024
       
       Der Schlagabtausch um die Deutungshoheit nach dem 7. Oktober 2023 ist
       unübersehbar. In jüngster Zeit streiten sich die propalästinensischen und
       proisraelischen Lager über zwei Berichte, in denen es um sexuelle Gewalt
       geht. Einerseits veröffentlichte die New York Times (NYT) [1][Aussagen]
       palästinensischer Gefangener, die sexuellen Missbrauch in israelischen
       Gefängnissen schilderten.
       
       Andererseits informierte [2][der Daily Wire] über einen Bericht, der die
       sexuelle Gewalt der Hamas gegen die Opfer des 7. Oktober dokumentierte und
       von der [3][„Zivilkommission zu den Verbrechen der Hamas gegen Frauen,
       Kinder und Familien“ am 7. Oktober erstellt] wurde. Einer der Gründe für
       den Streit zwischen den beiden Lagern ist das Timing: Der NYT-Artikel
       erschien weniger als 24 Stunden, bevor die Zivilkommission zu den
       Verbrechen am 7. Oktober ihre [4][Ergebnisse veröffentlichte].
       
       Diejenigen, die den NYT-Bericht für weniger glaubwürdig hielten oder ihn
       gänzlich ablehnten, verwiesen auf seine Quellen. Eine davon war der
       [5][„Euro-Med Human Rights Monitor“], geleitet von Ramy Abdu, einem
       Palästinenser, der als den Kreisen der Hamas nahestehend gilt. Das nutzte
       das proisraelische Lager, um Zweifel an den durch die Organisation
       gesammelten Zeugenaussagen zu säen.
       
       Ebenfalls Wellen schlug Shaiel Ben-Ephraim, ein israelischer Aktivist, der
       von einer proisraelischen Haltung zu antizionistischen Positionen
       wechselte. Er verstärkte die vom Euro-Med-Monitor verbreitete These:
       Israelische Streitkräfte setzten Hunde ein, die darauf trainiert waren,
       palästinensische Häftlinge sexuell zu missbrauchen. Diese Behauptung
       bezeichnete das proisraelische Lager als antisemitische Ritualmordlegende.
       
       Auf der anderen Seite wiesen viele aus dem propalästinensischen Lager den
       Bericht der Zivilkommission zurück, da er von einer [6][israelischen NGO]
       stammt, die sich darauf konzentriert, ausschließlich die sexuellen
       Verbrechen der Hamas gegen die Opfer vom 7. Oktober zu dokumentieren.
       Andere leugnen weiterhin alle Beweise für die sexuellen Verbrechen der
       Hamas.
       
       ## Den Opfern muss zugehört werden
       
       Klar ist, beide Berichte enthalten schreckliche Zeugenaussagen.
       Palästinensische Gefangene berichteten, von israelischen Wachen mit
       Metallstöcken und Karotten sexuell missbraucht worden zu sein. Andere
       Palästinenser schilderten, wie sie von Siedlern im Westjordanland mit
       Kabelbindern gefesselt und herumgeschleift wurden.
       
       Im Bericht der Zivilkommission zitierte Zeugen berichten, dass sie [7][beim
       Nova-Tanzfestival] gewalttätige Gruppenvergewaltigungen gehört und gesehen
       hätten. Ein Überlebender sagte, er sei von seinen Angreifern wie eine
       „Sexpuppe“ benutzt worden.
       
       Beide Lager haben mehr Zeit und Energie darauf verwendet, die Überbringer
       der Nachrichten zu diskreditieren, als den Aussagen selbst Gehör zu
       schenken. Sobald dies geschieht, geraten die Opfer und ihr Leid in
       Vergessenheit.
       
       Und das trotz der Tatsache, dass es substanzielle Beweise dafür gibt, dass
       die Hamas sexuelle Gewalt gegen die Opfer des 7. Oktober und gegen in Gaza
       festgehaltene Geiseln angewendet hat. Beweise, die unabhängig davon
       bestehen, welches Medium darüber berichtet hat oder welche politischen
       Positionen diejenigen vertreten, die sie verbreitet haben.
       
       Der Bericht der Zivilkommission, der über zweieinhalb Jahre hinweg auf der
       Grundlage von mehr als 10.000 Fotos und Videos sowie über 430 Interviews
       erstellt wurde, verliert nicht an Stringenz, nur weil das
       rechtskonservative Medium Daily Wire darüber berichtet hat.
       
       Ein UN-Bericht kam auch zum Schluss, dass begründeter Anlass zu der Annahme
       besteht, dass es während der Angriffe vom 7. Oktober zu sexueller Gewalt
       durch palästinensische Milizen gekommen ist. Die Misshandlung
       palästinensischer Gefangener wird gleichermaßen durch Zeugenaussagen
       bestätigt, die bereits vor dem letzten Krieg, währenddessen und auch danach
       gemacht wurden.
       
       Es ist natürlich sinnvoll, die Standpunkte der Organisationen und Personen
       zu berücksichtigen, die Beweise sammeln. Doch wichtiger ist es, die
       Aussagen der Opfer anzuhören und zu prüfen, wie schlüssig sie sind. Die
       Nationalität eines Opfers war noch nie ein Kriterium für das Leid, und sie
       sollte es auch nicht werden.
       
       ## Es braucht mehr Konsequenzen
       
       Nach den Berichten müssen Programme folgen, die diesen Opfern helfen, sich
       von dem zu erholen, was sie durchgemacht haben. Die Haftbedingungen
       palästinensischer Gefangener in Israel erfordern eine unabhängige
       Untersuchung.
       
       Seit Itamar Ben-Gvir Israels Minister für nationale Sicherheit wurde, und
       noch mehr [8][seit dem 7. Oktober], hat er offen mit seinem Ziel geprahlt,
       die Haftbedingungen zu verschlechtern.
       
       In dem Kampf um die Deutungshoheit gibt es keine Gewinner – jede Seite wird
       noch lange Zeit [9][ihre eigene Sichtweise] vertreten. Jede Stunde, die
       damit verbracht wird, über die Glaubwürdigkeit eines Journalisten oder die
       Finanzierungsquellen einer NGO zu debattieren, ist eine Stunde, in der man
       nicht einem Überlebenden zuhört, der beschreibt, was mit seinem Körper
       gemacht wurde.
       
       Die beiden hier untersuchten Arten von Zeugenaussagen sind keine
       gegensätzlichen Behauptungen. Es handelt sich um unabhängige Berichte über
       Gräueltaten und sie erfordern Rechenschaftspflicht, um sicherzustellen,
       dass sich solche Schrecken niemals wiederholen.
       
       Politische Lager, die diese Aussagen als Munition missbraucht haben,
       könnten weitaus mehr für die Menschen tun, die sie angeblich vertreten. Sie
       sollten sich darauf konzentrieren und unabhängige Gremien wie das IKRK dazu
       auffordern, die palästinensischen Gefangenen besuchen zu dürfen und eine
       gründlichere Untersuchung durchzuführen.
       
       Verbunden sein muss das mit der Forderung nach Rechenschaftspflicht für
       jede Person, sei es ein israelischer Wachmann oder ein palästinensisches
       Hamas-Mitglied, die das Verbrechen der sexuellen Gewalt gegen Zivilisten
       oder Gefangene begeht.
       
       Aus dem Englischen übersetzt
       
       28 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.nytimes.com/2026/05/11/opinion/israel-palestinians-sexual-violence.html
 (DIR) [2] https://www.dailywire.com/news/weaponized-atrocities-the-landmark-report-on-hamass-systematic-sexual-violence-and-digital-terror
 (DIR) [3] https://cc4e0711-9401-400e-ae14-65ae0400675b.filesusr.com/ugd/aab121_7ac7981aff1043d49c55e5aeb012abe9.pdf
 (DIR) [4] /Zivilkommission-zum-7-Oktober-2023/!6175527
 (DIR) [5] https://www.euromedmonitor.org/en/article/7044/Israel%E2%80%99s-campaign-against-The-New-York-Times-and-human-rights-organisations,-an-attempt-to-obscure-torture-and-sexual-violence-in-its-prisons
 (DIR) [6] https://www.civilc.org/
 (DIR) [7] /Ueberleben-nach-dem-7-Oktober/!6164471
 (DIR) [8] /Untersuchungskommission-zum-7-Oktober/!6177343
 (DIR) [9] /Debatte-um-NYT-Berichterstattung/!6179580
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hamza Howidy
       
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