# taz.de -- Deutsche Debatte über Israel: Wie über Zionismus sprechen?
       
       > Kritik an der Ideologie, die zur Gründung Israels führte, gilt in
       > Deutschland als heikel. Da hilft ein Blick in die USA.
       
 (IMG) Bild: Israel am 15. Mai 1949: Publikum bei einer Gedenkfeier am ersten Jahrestag der Staatsgründung (Aufnahmeort unbekannt)
       
       Kürzlich lernte ich einen älteren Israeli kennen; er hatte seine Heimat
       „wegen des Genozids“, wie er sagte, verlassen und bezeichnete sich als
       Antizionisten. Als ich ihn fragte, ob es nicht ausreiche, Post- oder
       Nichtzionist zu sein, erklärte er mir, all dies seien Stadien in seinem
       Leben gewesen, in einem viele Jahre währenden Prozess.
       
       Der Zionismus ist Israels Staatsideologie geworden. Das definiert ihn nicht
       hinreichend, doch lässt sich vernünftigerweise im Jahr 2026 nicht über
       Zionismus sprechen unter Auslassung der gegenwärtigen israelischen Staats-,
       Parlaments- und Kriegspolitik. Es ergibt also Sinn, auf einen „real
       existierenden Zionismus“ zu fokussieren, wie es in einem [1][Text der
       Linkspartei Niedersachsen heißt.]
       
       Gewiss gab es in der Frühphase des Zionismus eine Pluralität von Zielen und
       Werten. Die binational Denkenden hatten bedeutende Intellektuelle wie
       Martin Buber, doch blieb faktisch eine Minderheit ohne Einfluss. Und zwei
       gedankliche Elemente fanden sich mehr oder minder akzentuiert bereits in
       allen vorstaatlichen Strömungen: die Idee jüdischer Überlegenheit gegenüber
       den arabischen Einheimischen und der [2][Traum von einem Großisrael] im
       gesamten historischen Palästina oder darüber hinaus. Louis Brandeis, der
       1941 verstorbene erste jüdische Richter am Obersten Gerichtshof der
       Vereinigten Staaten, wollte zum Beispiel Teile Jordaniens für den künftigen
       Staat Israel.
       
       Es gibt also Linien von Kontinuität zum radikalisierten und territorial
       expansiven Ethnonationalismus unserer Tage, der liberalere Elemente von
       Zionismus abgeworfen hat wie Sandsäcke. Die Historikerin Tamar Amar-Dahl
       prägte dafür [3][den Begriff „Neozionismus“.]
       
       ## Der Elefant im Raum
       
       In Deutschland ignoriert man gern diesen Elefanten im Raum. Obwohl im Namen
       des Zionismus viel Unrecht begangen wurde, können sich nichtjüdische
       Deutsche problemlos zu Zionisten erklären, während selbst jüdischen
       Antizionisten Extremismus oder Antisemitismus unterstellt wird.
       Zionismuskritik oder -gegnerschaft sind heute sogar heikler als zu einer
       Zeit, als Israel selbst noch liberaler war. Anders gesagt: Je mehr sich
       Zionismus ethnokratisch zeigt, desto schwieriger wird die Kritik. Dies
       lässt sich nur mit deutschen Psychodynamiken erklären: Als würde es [4][von
       historischer Schuld erlösen], Zionismus zu lieben.
       
       Es ist wichtig, historische Kontextualität im Blick zu behalten. Ob der
       Zionismus ohne den Holocaust überlebt hätte, ist fraglich. Zu Beginn des
       20. Jahrhunderts betrachteten die meisten Juden/Jüdinnen Theodor Herzls
       Projekt skeptisch oder ablehnend; ohne den Aufstieg des europäischen
       Antisemitismus wäre der Zionismus möglicherweise in Bedeutungslosigkeit
       versunken, meint der Historiker Michael Brenner.
       
       Zweifellos war Europas Kolonialpolitik Geburtshelfer des Zionismus, aber
       ihn ausschließlich als Siedlerkolonialismus zu erklären, ist intellektuell
       dürftig. Der palästinensische [5][Philosoph Raef Zreik drückte es so aus]:
       „Der Zionismus ist ein siedlungskoloniales Projekt, aber nicht allein das.
       Er verbindet das Bild des Flüchtlings mit dem Bild des Soldaten, des
       Ohnmächtigen mit dem Mächtigen, des Opfers mit dem Verfolger.“ Die
       historische Dualität anzuerkennen, rechtfertigt weder die Nakba noch die
       israelische Besetzung.
       
       Der [6][Historiker Omer Bartov] spricht in seinem neuen Buch „Israel: What
       went wrong?“ (zu Deutsch: Israel, was ist schiefgelaufen) von einer
       „tragischen Transformation“ des Zionismus in eine Ideologie von
       Militarismus und letztlich Genozid. Wer Zionismus heute noch unterstütze,
       sei Komplize seiner Verbrechen. „Der Zionismus ist nicht reformierbar.“
       
       ## Ein neuer Bruch unter Juden und Jüdinnen
       
       Die These ist provokativ, doch im Kontext der USA, wo Bartov lehrt,
       keineswegs entlegen. In der Bevölkerung hat sich zunehmend ein negatives
       Israelbild verbreitet, in der Wählerschaft der Demokraten bereits zu 80
       Prozent, ergab [7][eine Umfrage des Pew Research Center]. Und auch unter
       US-Juden und US-Jüdinnen wächst Distanz zu Israel, zumal bei den Jüngeren.
       Viele sahen im Gazakrieg Kriegsverbrechen, manche sogar Völkermord.
       
       Das Magazin The New Yorker beschrieb jüngst im Detail die
       [8][spannungsgeladene Atmosphäre in Synagogen]: „Uneinigkeit über Gaza und
       Zionismus zerteilt die Gemeinden.“ Die Chefredakteurin der Zeitschrift
       Jewish Currents, Arielle Angel, spricht von einem „epochalen Umbruch“: die
       Suche nach einem Judentum, das nicht mehr Israel und Zionismus zum Zentrum
       habe, sondern jüdische Traditionen von Gerechtigkeit. [9][Es entstehen
       nichtzionistische Gebetsgruppen und Lesekreise.]
       
       Nach [10][einer Substack-Analyse] von Shaul Magid, Harvard-Professor für
       Jüdische Studien, ist der zionistische Konsens unter US-Juden, wie er seit
       1967 bestand, zerbrochen. Gaza habe „wie ein Skalpell ins Herz des
       Judentums geschnitten“. Es gelte nun, „eine Postkonsensusrealität“ zu
       gestalten; Zionismus sei nicht am Ende, aber könne nur überleben, „wenn es
       Raum auch für sein Gegenteil gibt“. Wie auf einem Marktplatz jüdischer
       Ideen, sagt Magid.
       
       Dies wäre ein Umbruch mit weitreichenden Konsequenzen. Denn eine wachsende
       politische Kluft zwischen den beiden Hauptgruppen des weltweiten Judentums,
       in den USA und in Israel, könnte den Rahmen für eine
       israelisch-palästinensische Zukunft neu abstecken. Über ein Modell gleicher
       Bürgerrechte für alle in einer (wie immer gearteten) Einstaatenlösung
       nachzudenken, ist in den USA nicht so extrem randständig wie in Israel und
       Deutschland. In diesem Modell würde der zionistische Grundsatz, die
       Bevölkerungsmehrheit im Staat zu stellen, aufgegeben.
       
       Darum findet es im offiziellen Deutschland keinerlei Resonanz. Wer nicht an
       jüdischer Suprematie festhält, macht sich bei uns verdächtig. Eine
       missverstandene Lehre aus dem Holocaust – zumal zu einer Zeit, da [11][eine
       Todesstrafe nur für Palästinenser die Höherwertigkeit jüdischen Lebens zum
       Gesetz macht.]
       
       20 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://taz.de/Nahost-Debatte-in-der-Linkspartei-Eine-Steilvorlage-fuer-alle-Linken-Hasser/!6164073/&ved=2ahUKEwivwaK8iMWUAxW6R_EDHfs-KCsQFnoECDQQAQ&usg=AOvVaw0_hSHhXNsJd3eHp0UvviD5
 (DIR) [2] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.nd-aktuell.de/artikel/1188528.autoritaeres-israel-grossisrael-ideologie-gewinnt-an-boden.html&ved=2ahUKEwjvz9r_hMWUAxXkQvEDHSKvKOAQFnoECBMQAQ&usg=AOvVaw1yrp8XEdwTdXul_kKG0Py0
 (DIR) [3] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://magazin.zenith.me/de/gesellschaft/interview-mit-tamar-amar-dahl-ueber-netanyahu-und-den-neozionismus-israel&ved=2ahUKEwjjhNTdhMWUAxXiSfEDHeCHHr0QFnoECCUQAQ&usg=AOvVaw0_SSAq0JYqeGqP5NmAQiXm
 (DIR) [4] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://taz.de/Erinnerungskultur/!5864163/&ved=2ahUKEwjr26vVhMWUAxWpQfEDHToWKwUQFnoECCAQAQ&usg=AOvVaw1uRxsV22wEG1rzFvFT7fHk
 (DIR) [5] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://geschichtedergegenwart.ch/ueber-die-nakba-sprechen-lernen/&ved=2ahUKEwjJgNjKhMWUAxWySvEDHZLENbkQFnoECBkQAQ&usg=AOvVaw1kVOx8eUDpr_9PmQv68Z4o
 (DIR) [6] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://taz.de/Krieg-im-Gazastreifen/!6101568/&ved=2ahUKEwirvJXag8WUAxUNRvEDHZuqFi0QFnoECB0QAQ&usg=AOvVaw0mXLEftOrLkYAfz7bLmOSH
 (DIR) [7] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.pewresearch.org/short-reads/2026/04/07/negative-views-of-israel-netanyahu-continue-to-rise-among-americans-especially-young-people/&ved=2ahUKEwj-8JPRhsWUAxU9BNsEHSFRIqEQFnoECBgQAQ&usg=AOvVaw2oQzzBtjLaopzT3CK9pV_l
 (DIR) [8] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.newyorker.com/magazine/2026/04/06/at-synagogues-tensions-are-boiling-over&ved=2ahUKEwiHzPbzhsWUAxVLQvEDHZ9nGRUQFnoECA4QAQ&usg=AOvVaw17JcxXzC-oZ5nQpnwXo9AP
 (DIR) [9] https://jewishcurrents.org/we-need-new-jewish-institutions
 (DIR) [10] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://shaulmagid.substack.com/p/thinking-without-solutions-jews-jewishness&ved=2ahUKEwjS7YuEiMWUAxUqVPEDHYPZLVQQFnoECBkQAQ&usg=AOvVaw0AHy8g6ZV3dHzyx_HeGSkC
 (DIR) [11] /Todesstrafe-in-Israel-eingefuehrt-Hinrichtung-von-Palaestinensern-jetzt-auch-per-Gerichtsurteil/!6162976
       
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       zuzuschreiben.