# taz.de -- Folter in israelischen Gefängnissen: Verbrechen, die Israel nicht sehen will
       
       > Netanjahu will die „New York Times“ verklagen, weil sie über
       > sexualisierte Gewalt an Palästinensern berichtet. Die Vorwürfe aber wird
       > er so nicht los.
       
 (IMG) Bild: Bild einer Überwachungskamera aus dem Militärgefängnis Sde Teiman
       
       Dieser Text enthält Schilderungen sexualisierter Gewalt. 
       
       Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu will die New York Times
       verklagen. Die Zeitung habe eine „der abscheulichsten und verzerrtesten
       Lügen“ gegen den Staat Israel in der Geschichte der modernen Presse
       veröffentlicht, heißt es in einer [1][Mitteilung des israelischen
       Außenministeriums vom letzten Donnerstag]. Doch von welcher angeblichen
       Lüge spricht die israelische Regierung hier?
       
       Gemeint ist [2][der Bericht] des zweifachen Pulitzer-Preisträgers und
       New-York-Times-Kolumnisten Nicholas Kristof. Für diesen interviewte der
       Journalist, der seit Jahrzehnten aus Krisengebieten über
       Menschenrechtsverletzungen berichtet, 14 Palästinenserinnen und
       Palästinenser, die ihm von sexualisierter Gewalt durch israelische
       Gefängniswärter, Soldaten und Siedler erzählten.
       
       Der Text von Kristof ist keine leichte Kost. So beschreibt etwa der im
       Westjordanland lebende Journalist [3][Sami al-Sai] seine Zeit in
       israelischer Administrativhaft. Im Rahmen dieser hochumstrittenen Praxis
       können Palästinenser monatelang ohne Anklage inhaftiert werden. [4][Laut
       der NGO B’tselem werden über 3.000 von ihnen auf diese Weise festgehalten.]
       
       Al-Sai schildert, wie eine Gruppe von Gefängniswärtern ihn in einer Zelle
       zu Boden warfen und ihm die Unterhose herunterzogen. Anschließend holten
       sie einen Schlagstock hervor. „Sie versuchten, ihn mir in den Enddarm zu
       schieben. Ich spannte mich an, um das zu verhindern, aber ich konnte es
       nicht“, sagt al-Sai. „Es tat so weh.“
       
       ## „Stillschweigende Ermutigung“
       
       Kristof spricht auch mit einem Journalisten aus Gaza, der 2024 in
       israelischer Gefangenschaft von dem Hund eines Wärters penetriert worden
       sein soll. Über Fälle von sexualisierter Gewalt durch Hunde hatte zuvor
       auch die [5][BBC] und das israelisch-palästinensische Investigativmedium
       [6][+972 Mag] berichtet.
       
       Kristof behauptet in seinem Text nicht, dass die israelische Führung diese
       Art von Vergewaltigungen anordnet. Aber seine Berichterstattung stützt die
       These eines [7][UN-Reports] des vergangenen Jahres, dass die israelischen
       Sicherheitskräfte sexualisierte Folter mittlerweile „systematisch“ gegen
       Palästinenser einsetzen, mit mindestens „stillschweigender Ermutigung durch
       die oberste zivile und militärische Führung“.
       
       Diese Vorwürfe wiegen schwer. Einem demokratischen Rechtsstaat wäre es
       würdig, jedem einzelnen der 14 von Kristof recherchierten Fälle nachzugehen
       und sie unabhängig untersuchen zu lassen.
       
       Doch statt die Vorwürfe ernsthaft zu verfolgen, streitet die israelische
       Regierung sie kategorisch ab – und versucht die Berichterstattung mit dem
       [8][Vorwurf der Hamas-Nähe] zu diskreditieren. [9][Die New York Times steht
       unterdessen weiterhin hinter Kristofs Stück.]
       
       ## Gegen Ex-Militärstaatsanwältin wird ermittelt
       
       Doch jetzt nur den Blick auf die Propagandaschlacht um die Glaubwürdigkeit
       der New York Times zu werfen, greift zu kurz. Denn die israelische
       Regierung zeigt längst offen, dass sie palästinensischen Opfern
       sexualisierter Gewalt keinen Glauben schenkt – und dass die mutmaßlichen
       Täter keine Konsequenzen zu fürchten haben.
       
       Kein Fall illustriert dies besser als die mutmaßliche Vergewaltigung eines
       Palästinensers im Militärgefängnis Sde Teiman im Juli 2024. Der Mann, der
       im Feldlager des Gefängnisses behandelt wurde, hatte laut
       Untersuchungsbericht „Rippenbrüche, einen Lungenriss und einen Riss im
       Enddarm“ erlitten. Der Arzt, der den Fall damals meldete, sah das
       mutmaßliche Opfer bei einer morgendlichen Visite zum ersten Mal. [10][Im
       Gespräch mit der Zeit] sagte er, der Mann sei „rektal mit einem Messer so
       schwer verletzt worden“, dass sein „Dickdarm gerissen war“.
       
       Dass der Fall überhaupt breit diskutiert wurde, ist den Bildern von
       Überwachungskameras zu verdanken. Auf den [11][Aufnahmen] ist zu sehen, wie
       israelische Reservesoldaten den Mann umringen, ihn mit Schilden abschirmen
       und ihn dann schwer misshandeln.
       
       Die ehemalige Militärstaatsanwältin Jifat Tomer-Jeruschalmi, die die Videos
       für die Medien freigegeben hatte, wurde zwischenzeitlich festgenommen.
       [12][Gegen sie wird weiterhin ermittelt]. Die Anklage gegen die fünf
       beschuldigten Reservesoldaten jedoch wurde im März [13][fallen gelassen].
       Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu begrüßte den Schritt:
       „Der Staat Israel muss seine Feinde verfolgen, nicht seine heldenhaften
       Soldaten.“
       
       Doch ein Staat, der die eigenen Soldaten glorifiziert und sie von jeglicher
       Rechenschaftspflicht ausnimmt, ist [14][kein demokratischer Rechtsstaat].
       Israel hat die sexualisierte Gewalt der Hamas am 7. Oktober zu Recht
       [15][intensiv dokumentiert]. Die sexualisierte Gewalt gegen
       Palästinenserinnen und Palästinenser in israelischen Gefängnissen wird von
       der Regierung dagegen kategorisch geleugnet.
       
       „Was auch immer unsere Ansichten zum Nahostkonflikt sind, wir sollten uns
       alle darauf einigen können, Vergewaltigungen zu verurteilen“, schreibt
       Nicholas Kristof in seinem Artikel in der New York Times. Dem ist nichts
       mehr hinzuzufügen.
       
       18 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.gov.il/en/pages/pm-netanyahu-and-fm-sa-ar-instruct-that-a-lawsuit-be-filed-against-the-new-york-times-14-may-2026
 (DIR) [2] https://www.nytimes.com/2026/05/11/opinion/israel-palestinians-sexual-violence.html
 (DIR) [3] https://www.btselem.org/publications/202601_living_hell/testimony_of_sami_a_sai
 (DIR) [4] https://www.btselem.org/administrative_detention/statistics
 (DIR) [5] https://www.bbc.com/news/articles/c8dy8r7lq0go
 (DIR) [6] https://www.972mag.com/sde-teiman-prisoners-lawyer-mahajneh/?utm_source=972+Magazine+Newsletter
 (DIR) [7] https://www.ohchr.org/sites/default/files/documents/hrbodies/hrcouncil/sessions-regular/session58/a-hrc-58-crp-6.pdf
 (DIR) [8] https://www.ynetnews.com/article/r1b5ht11yge
 (DIR) [9] https://www.bbc.com/news/articles/c9wedpk155jo
 (DIR) [10] https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-03/foltervorwuerfe-israel-soldaten-gefaengnis-sde-teiman-videoleak/komplettansicht
 (DIR) [11] https://www.pbs.org/newshour/show/israel-arrests-military-lawyer-accused-of-leaking-video-showing-alleged-abuse-of-detainee
 (DIR) [12] /Verhaftung-von-Militaerstaatsanwaeltin/!6122854
 (DIR) [13] https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-03/foltervorwuerfe-israel-soldaten-gefaengnis-sde-teiman-videoleak
 (DIR) [14] https://www.972mag.com/sde-teiman-israel-military-justice-system/
 (DIR) [15] /Zivilkommission-zum-7-Oktober-2023/!6175527
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Mitsuo Iwamoto
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Sexualisierte Gewalt
 (DIR) Gaza-Krieg
 (DIR) New York Times
 (DIR) Israel
 (DIR) Israel
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Tötung
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Humanitäre Lage im Gazastreifen: Israels Armee stoppt Großteil der Gaza-Hilfsflotte
       
       Rund 250 Aktivisten wurden westlich von Zypern festgenommen, zehn Boote
       sind noch unterwegs: Israels Marine geht weiter gegen die „Global Sumud
       Flotilla“ vor.
       
 (DIR) Zivilkommission zum 7. Oktober 2023: Sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe
       
       Eine israelische NGO hat einen Bericht zu sexualisierter Gewalt am 7.
       Oktober veröffentlicht. Sie sei integraler Bestandteil der Angriffe
       gewesen.
       
 (DIR) Sexualisierte Gewalt gegen Palästinenser: Meinung mit Methode
       
       Ein Meinungsbeitrag der „New York Times“ erhebt sensationelle Vorwürfe
       gegen Israel. Doch die Quellen sind dubios – und die Form des Textes
       falsch.
       
 (DIR) Völkerrechtsverletzung bei Terrorabwehr: Lizenz zum Töten
       
       Der Niedergang des Völkerrechts ist mit dem War on Terror eng verknüpft.
       Heute ist der Terrorvorwurf weltweit ein Mittel der Entrechtung.