# taz.de -- Buch über Haltung im Nahostkonflikt: Wem steht Solidarität zu?
       
       > Steffi Hentschke erzählt in „Manchmal würde ich gern schreien“ über ihr
       > Ringen um die „richtige“ Haltung im Nahostkonflikt.
       
 (IMG) Bild: Völlige Zerstörung: Khan Yunis am 9. April 2024, nachdem Israel seine Bodentruppen aus dem südlichen Gazastreifen abgezogen hat
       
       An einem Sonntag im Mai 2024 fährt Steffi Hentschke zur Beerdigung Shani
       Louks. Israelische Soldaten hatten ihre Leiche kurz zuvor im Gazastreifen
       entdeckt. Am Morgen des 7. Oktober 2023 war die 22-jährige Deutschisraelin
       entführt worden, wenige Stunden später verbreiteten die Propagandisten der
       Hamas Videoaufnahmen von ihr. Eine halbnackte Frau liegt reglos auf der
       Ladefläche eines Pickups, ein Bein ist so verdreht, dass es gebrochen sein
       muss. Das Video ist schockierend, das soll es auch sein. Terror verfolgt
       laut seiner Apologeten politische Absichten, im Fall der Hamas wird er als
       angeblicher Widerstand gar zur moralisch gerechtfertigten Tat glorifiziert.
       In Wahrheit ist er das Gegenteil: kalte Ausübung von Gewalt, Antipolitik.
       
       Auf [1][Shani Louks Beerdigung] wird ihr Vater Nissim politisch: „Unsere
       Führung macht immer wieder die gleichen Fehler. Wenn sie weiterhin die
       gleichen Fehler der letzten Jahrzehnte machen, werden wir wahrscheinlich
       unser Land verlieren.“ Diese Episode ist in Hentschkes Buch „Manchmal würde
       ich gern schreien“ nachzulesen, das den Untertitel „Mein Ringen um eine
       Haltung im Nahostkonflikt“ trägt.
       
       In der Tat erzählt ihr Buch davon, wie die Reporterin sich immer wieder
       selbst infrage stellt. Ihr Ringen ergibt sich aus dem zum Scheitern
       verurteilten Versuch, herauszufinden, wem die eigene Solidarität zustehe?
       Viele Jahre braucht es, bis sie zur Erkenntnis gelangt: „Ich muss mich gar
       nicht entscheiden zwischen der einen und der anderen Seite, zwischen dem
       Leid und dem Schmerz und dem Unrecht. Ich habe in den vergangenen Jahren so
       viele Menschen kennengelernt, die Liebe empfinden und Kritik formulieren,
       ohne sich dem Hass zu ergeben. Wenn ich mich für etwas entscheiden muss in
       diesem Konflikt, dann entscheide ich mich für sie.“
       
       Weil sie im Oktober 2023 und danach nicht aus Gaza berichten kann, zitiert
       Hentschke aus den Tagebucheinträgen der palästinensischen Schriftstellerin
       Hiba Abu Nada aus Khan Yunis, die Gaza als Friedhof beschreibt, der unter
       „Beschuss aus der Hölle“ liege. Laut ihres Verlags wurden Abu Nada und ihre
       Familie am Abend des 20. Oktober 2023 bei einem israelischen Luftangriff
       getötet.
       
       Ihre Auseinandersetzung mit dem Konflikt begann im Jahr 2012, als die
       damalige Politikwissenschaftsstudentin, 1988 in Zittau geboren, zum ersten
       Mal nach Israel flog, aus Neugier auf das Land, das in Deutschland mit so
       vielen Emotionen besetzt ist. Kurz darauf arbeitete Hentschke für die
       Friedensorganisation IPCRI, später als Journalistin im Land.
       
       Auf Reisen jenseits der Grünen Grenze erkennt sie schnell, wie sehr die
       völkerrechtswidrige Besatzung ein eigenständiges Palästina einschränkt:
       „Jeder Grenzübergang ist ein Nadelöhr, das Israel nutzt, um individuelle
       Tagesabläufe und existenzielle Bedürfnisse der Palästinenser zu
       kontrollieren.“ Hentschkes Buch führt den Leser an viele Orte, nach Akko,
       Ramallah, Betlehem oder Dschenin. Es liest sich wie eine Chronik der
       vergangenen zwei Jahrzehnte des Konflikts, erhellt aber auch dessen
       vielfältige Ursachen. Hentschke will zeigen, dass die israelische Besatzung
       zu den wesentlichen Hindernissen für einen Friedensprozess gehört. Terror
       als legitimen Widerstand gegen die Besatzung zu sehen, sei aber falsch.
       
       Steffi Hentschke lebt in Tel Aviv. Viele Texte der freien Reporterin sind
       in der Zeit zu lesen. Ihre abwägende Haltung ist beim Sprechen über diesen
       Konflikt fast zur Ausnahme geworden. Wenn selbst supranationale
       Institutionen, Menschenrechtsorganisationen, Politikerinnen und
       Journalisten [2][zum Teil erkennbar wenig an nüchterner Beurteilung
       orientiert sind], wie sollen dann Leute, die nicht wissen, wie der Fluss
       heißt, von dem immer die Rede ist, auf die Idee kommen, dass sie auf dem
       falschen Dampfer sind, wenn sie einen Konflikt, der auch von externen
       Akteuren angefeuert wird, auf einen Kampf von Gut gegen Böse
       herunterbrechen?
       
       Der Konflikt habe zwar immer schon „zu einer vereinfachten Darstellung der
       Ereignisse verlockt“. Aber noch nie sei es so extrem gewesen: „Die Frage,
       wie viel Kontext geboten wird, scheint nur noch vom gewollten Narrativ
       abzuhängen.“ Wer sich nicht bestätigt sehen, sondern den Widersprüchen der
       Wirklichkeit näherkommen möchte, sollte Hentschkes Buch lesen.
       
       10 May 2026
       
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