# taz.de -- Neue Regierung in Ungarn: Der Saubermann und sein lieber Anverwandter
> Ungarns Wahlsieger Péter Magyar übernimmt am Samstag die Macht. Doch die
> Ernennung seines Schwagers zum Justizminister kommt nicht gut an.
(IMG) Bild: Der nächste Arbeitsplatz ist im Budapester Parlament: ein Teil der Tisza-Fraktion nach der Entgegennahme ihres Mandats
Kurz vor dem historischen Machtwechsel reist Ungarns designierter
Ministerpräsident Péter Magyar am Mittwoch zum Filmfestival Riviera nach
Italien – und nutzt die Gelegenheit auch für offizielle Treffen. Gezeigt
wird auch der Dokumentarfilm „Frühlingswind“ über Magyars Tisza-Partei, der
den Aufstieg der Bewegung ausgesprochen wohlwollend begleitet. Kurz vor
seiner Machtübernahme lässt sich Magyar also noch mal feiern.
Grund dazu hat er jedenfalls: Zu Hause in Budapest hat die Polizei derweil
Konten eingefroren und Gelder beschlagnahmt. Wegen des Verdachts auf
Veruntreuung und Geldwäsche ermittelt sie gegen Unternehmen aus dem Umfeld
des scheidenden Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Betroffen sind auch die
Firmen des Unternehmers Gyula Balásys.
Sein Fall illustriert wie kaum ein anderer, wie eng Macht und Kapital in
Orbáns Ungarn verflochten waren. Balásys Unternehmen gestalteten über Jahre
die Regierungskampagnen des scheidenden Premiers. Die
Nichtregierungsorganisation Transparency International beziffert die
öffentlichen Aufträge allein für 2019 bis 2021 auf umgerechnet rund 820
Millionen Euro.
Nun hat Balásys in einem TV-Interview angekündigt, seine Unternehmen an den
Staat zu übergeben. Nicht wegen Fehlverhaltens, wie er betonte, sondern als
Geste des guten Willens. Jetzt zeige sich, kommentierte Magyar, wie schnell
sich das System Orbán vor aller Augen auflöse.
## Eng gesteckter Zeitplan
[1][Den Zeitplan für den Machtwechsel hat sich der designierte Premier eng
gesteckt]. Schon am Samstag tritt das neu gewählte Parlament zusammen, noch
am selben Tag soll Magyar als Ministerpräsident vereidigt werden – ein
Novum seit der Wende. Die Ausschussanhörungen der designierten Minister
sind für Sonntag und Montag angesetzt, sodass die neue Regierung bereits am
Dienstag im Amt sein könnte. Nach seiner Vereidigung will Magyar vor seine
Anhänger beim Budapester Parlament treten.
Strukturell unterscheidet sich das neue Kabinett mit 16 Ressorts klar von
Orbáns stark zentralisiertem System. Gesundheit und Bildung erhalten etwa
wieder eigenständige Ministerien. In den vergangenen Tagen wurden auch die
verbleibenden Ministernamen bekannt.
Als Innenminister nominiert Magyar Gábor Pósfai, einen Quereinsteiger, der
zuletzt das österreichische Filialnetz des Sportartikelhändlers Decathlon
leitete und im Herbst 2024 zur Tisza-Partei stieß. Magyar preist ihn als
Garanten dafür, dass politische Einflussnahme auf die Strafverfolgung der
Vergangenheit angehört.
Skeptiker fragen sich jedoch, ob jemand ohne jede Verwaltungserfahrung ein
derart zentrales Ministerium verantworten kann – gerade in einem Land,
dessen Sicherheitsapparat jahrelang politisch durchdrungen war.
## Ein enger Vertrauter Magyars
Die schärfste Debatte aber entzündete sich am Justizministerium, das Márton
Melléthei-Barna übernehmen wird. Der Tisza-Chefjurist ist seit Studientagen
ein enger Vertrauter Magyars – und seit September 2025 mit dessen Schwester
verheiratet. Nach Bekanntgabe der Personalie hagelte es prompt Kritik. Der
frühere Fidesz-Fraktionschef Máté Kocsis spottete öffentlich, der Schwager
wäre als Familienminister wohl treffender platziert.
Magyar räumte in einem Video ein, die Besetzung habe ihn vor ein ernstes
Dilemma gestellt. Er verteidigte sie aber mit dem Hinweis auf
Melléthei-Barnas juristische Erfahrung. „Erst nach seinem Beitritt zu
unserer Gemeinschaft hat er meine Schwester geheiratet. Gerade deshalb
halte ich es für besonders wichtig, dass er seine Arbeit mit größtmöglicher
Transparenz ausübt und jede seiner Entscheidungen nachvollziehbar ist“,
sagte Magyar. Nur so könne Melléthei-Barnas seine Fähigkeiten unter Beweis
stellen.
[2][Und der scheidende Ministerpräsident Orbán?] Der 62-Jährige hat bereits
angekündigt, sein gewonnenes Parlamentsmandat nicht anzutreten. Er wolle
seine Partei Fidesz von außen neu aufstellen, der Parteitag dafür ist für
Juni angesetzt. Welche Rolle er darüber hinaus spielen wird, ist noch
offen.
6 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Florian Bayer
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