# taz.de -- Wie die Opposition Orbán besiegen konnte: Runter vom Feld der Neuen Rechten
> Viktor Orbán hat Ungarn in einen autoritären Staat umgebaut. Seine Abwahl
> zeigt, wie auch tief verankerte autoritäre Systeme besiegt werden können.
(IMG) Bild: Die Ungarn wollten das System Orban loswerden. Schon am Wahltag wurde in Budapest aus Vorfreude getanzt
Dieser Tage geistert ein altbekanntes Narrativ durch die deutschsprachige
Linke: In [1][Ungarn] sei eine rechte Partei von einer anderen abgelöst
worden, es gebe also nichts zu feiern. Diese Einschätzung bezeugt eine
bemerkenswerte Ignoranz gegenüber den realen Verhältnissen. Sie bestätigt
auch die Arroganz gegenüber kleineren Ländern, die man Deutschen
unterstellt. Denn wer sich über Jahre mit Ungarn beschäftigt hat, weiß um
die Enormität der Ereignisse.
Ungarn ist in den vergangenen 16 Jahren zum Versuchslabor eines
autoritären, nationalistischen Projekts mit faschistischen Abgleitflächen
geworden. Weitgehend unbemerkt vom deutschen Diskurs haben die
ideologischen Strateg:innen [2][rund um Viktor Orbáns nun besiegte
Partei Fidesz] die Blaupause für die Überwältigung der Demokratie durch
eine rechtsextreme Bewegung geschaffen.
Dazu gehören zahlreiche Vorfeldorganisationen, die deren politische
Strategie entwickelt und die intellektuelle Legitimation für das geschaffen
haben, was Fidesz durchgeführt hat. Neben dem Mathias Corvinus Collegium
sind das Organisationen wie die Századvég Foundation, das Centre for
Fundamental Rights, das Hungarian Institute of International Affairs und
das Danube Institute. Sie alle sind Mosaiksteine im intellektuellen
Fundament des autoritären Staatsumbaus Marke Fidesz.
## Ungarn, Knotenpunkt des transnationalen Rechtsextremismus
Es ist dieses Ökosystem, das aus Fidesz mehr als nur eine Regierungspartei
gemacht hat und ihre Abwahl zu mehr als nur einem Regierungswechsel macht.
Denn dieses Ökosystem bildet ein Herzstück des transnationalen
Rechtsextremismus. Es reicht von konservativen bis zu offen rechtsextremen
Akteur:innen. Sie organisieren Treffen, Festivals, Tagungen und politische
Veranstaltungen. Die Gästelisten sind hochkarätig, es gibt kaum eine
zentrale Figur des Rechtsextremismus, die in den letzten Jahren nicht
regelmäßig in Ungarn zu Gast war. Peter Thiel, Sebastian Kurz, Tucker
Carlson oder Kari Lake sind nur einige. Dazu machte, auch im Wahlkampf, die
gesamte Riege aktiver rechtsextremer Politiker:innen Orbán die
Aufwartung. J. D. Vance, Georgia Meloni, Marine Le Pen, Alice Weidel,
Herbert Kickl, Javier Milei – [3][sie alle flogen nach Budapest], um sich
in den ungarischen Wahlkampf einzumischen.
Dieses Ökosystem wurde durch Unmengen an Steuergeld gefördert. Seine
Bedeutung als Knotenpunkt, Ideenschmiede und Stichwortgeber kann, weit über
die ungarischen Grenzen hinaus, nicht hoch genug eingeschätzt werden.
## Die Neuen Rechten zielten auf die Kultur des Landes
Bemerkenswert ist, dass die Strategie von Fidesz auf den
hegemonietheoretischen Überlegungen der Neuen Rechten fußt. In einer von
der Neuen Rechten adaptierten [4][Gramsci-Rezeption] geht diese Strategie
davon aus, dass ein Wahlsieg alleine nicht reicht, sondern dass aus dieser
Machtposition heraus die Kultur des Landes umgebaut werden muss.
Strategen wie Márton Békés referieren ganz unverhohlen auf Gramsci. Békés
ist einer der wenigen ungarischen Theoretiker, der auf Deutsch verlegt
wurde, wenig überraschend in einem rechtsextremen deutschen Kleinverlag.
Fidesz hat in 16 Jahren ein Utopia des Rechtsextremismus erschaffen. Der
Neuen Rechten wurde die Möglichkeit gegeben, einen Staat zu führen.
Das bedeutete den Umbau der staatlichen Institutionen. Der Kunst- und
Kulturbetrieb wurde vor allem über die Fördermittelvergabe zentralisiert.
Kritische Kulturschaffende haben keine Fördermittel mehr bekommen
beziehungsweise wurden in leitenden Positionen ersetzt. Die Ungarische
Akademie der Bildenden Künste wurde zur zentralen Institution ausgebaut.
Eine Mitgliedschaft erhöhte die Chance auf Fördermittel deutlich. Sie wurde
so zur zentralen Stelle, um den Kulturbetrieb auf Regierungslinie zu
bringen. Förderungen wurden an Kriterien wie die „Förderung nationaler
Identität“ geknüpft, Qualität durch Loyalität ersetzt.
## Anpassungsdruck, Kontrolle und Sanktionierung
Noch drastischer zeigt sich das Bild in der Medienbranche. Schon 2011
wurden alle staatlichen Medien in einen Fonds überführt, den
Medienunterstützungs- und Vermögensverwaltungsfonds. Das heißt, es gab
fortan eine zentrale Produktionsstelle für regierungstreue Nachrichten.
Gleichzeitig wurde eine zentrale Medienaufsicht geschaffen, die unter
anderem darüber wachen sollte, ob die privaten Medien „ausgewogen“
berichten. Die behauptete Ausgewogenheit hieß, dass rechtsextreme,
nationalistische Standpunkte Platz haben sollten, sie galt nie in eine
andere Richtung. Das bedeutete Anpassungsdruck, Kontrolle und
Sanktionierung bei Verstößen bis hin zum Lizenzentzug.
Die übrigen Medien, Zeitungen, Radiosender, Onlineportale, wurden nach und
nach von einer neuen, Orbán-treuen Oligarchenklasse von Medienunternehmern
gekauft. Bis tief hinein in die kleinsten Regionalblätter reichte der lange
Arm der Regierung. Die Opposition fand medial kaum noch statt. Auch hier
wurde streng zentralisiert und von Budapest aus die Linie vorgegeben. Die
Zentraleuropäische Presse- und Medienstiftung bündelte ab 2018 Hunderte
Zeitungen, Radiosender und Nachrichtenportale ganz praktisch unter einem
Dach.
## Aus der Not eine Stärke gemacht
Es ist diese Zentralisierung der Medienarchitektur, die es der ungarischen
Opposition quasi unmöglich gemacht hatte, Wahlkampf zu betreiben. Im
öffentlichen Rundfunk kam man bis auf ein paar gesetzlich garantierte
Minuten nicht selbstständig vor. Der Rest der Medienlandschaft war, bis auf
wenige Ausnahmen, ebenso unter Kontrolle des Fidesz-Umfelds. Die Strategie
der oppositionellen konservativen Partei Tisza machte aus dieser Not eine
Stärke. Statt sich mit den Brotkrümeln, die Orbán gütigerweise ermöglichte,
zu begnügen, ist ihr Kandidat Péter Magyar über die Dorfplätze des Landes
getingelt.
Das Eins-zu-eins-Gespräch wurde zum zentralen Mittel in einem Umfeld, in
dem die Partei fast die gesamte ungarische Medienlandschaft gegen sich
hatte. Diese Art des Wahlkampfs erinnert weniger an die Strategien
konservativer Parteien denn an die Wahlkämpfe von progressiven
US-Demokrat:innen wie Zohran Mamdani und Alexandria Ocasio-Cortez.
## Hohe Inflation lässt sich nicht mit nationalem Pathos übertünchen
Das Loyalitätssystem, das Orbán aufgebaut hat, lässt sich noch an vielen
weiteren Beispielen erklären. Nicht zuletzt wurde auch das ungarische
Sportsystem auf die Fidesz-Regierung zugeschnitten. So ermöglichte Orbán
ein Patronagesystem, das viel Geld in gut vernetzte Profisportvereine
lenkte. Auch hier zahlte sich eine Nähe zu Orbán finanziell und politisch
aus. Es kam zu großen Infrastrukturprojekten. In leitenden Positionen saßen
und sitzen Fidesz-loyale Funktionär:innen.
Trotz dieses Netzwerks und der Unterstützung der versammelten Elite des
internationalen Rechtsextremismus hat Orbán nun eine deutliche Niederlage
einstecken müssen. Am Ende zählt die Realität gegen hegemoniale
Erzählungen. Diese ist für die meisten Ungar:innen katastrophal. Hohe
Inflation und Lebenshaltungskosten und ein marodes Bildungs- und
Gesundheitssystem lassen sich nicht mit nationalem Pathos übertünchen.
Fidesz hat am Ende schrill versucht, die
Soros-Ukraine-EU-Verschwörungskarte zu spielen, auch das hat nicht mehr
gefruchtet. Tisza blieb bei Themen des ungarischen Alltags. Zur
Gewinnerstrategie gehört, Kulturkämpfe links liegen zu lassen und sich stur
mit der realen Realität zu beschäftigen.
## Die Person, die funktioniert, ist die geeignetste
Tiszas erfolgreicher Wahlkampf hat mit jenen linker Demokrat:innen mehr
gemein, als man mit Blick auf die Protagonist:innen vermuten würde.
Ihnen scheint klar zu sein, womit man es zu tun hat. Sie verschwenden keine
Energie auf Dekorum und staatstragendes Verhalten. Das ist die wichtigste
Lehre, die sie gelernt haben. Auf dem Spielfeld des Gegners verliert man
immer, also muss man vom Spielfeld runter. Tisza hat das mit den Touren
durch die Gemeinden gemacht.
Der Erfolg ist aber nicht nur ein Erfolg von Tisza, sondern der gesamten
Opposition. Nach unterschiedlichen Konstellationen und Versprechen der
Zusammenarbeit in der Vergangenheit haben sich bei dieser Wahl alle hinter
Tisza und Magyar gestellt. Es war die realistische, pragmatische und
notwendige Einsicht, dass die Person, die funktioniert, die geeignetste ist
– allen politischen Unterschieden zum Trotz. Verschiedene politische Lager
haben ein hohes Maß an Vertrauen in Magyar gesetzt. [5][Er muss nun
beweisen, dass es gerechtfertigt war], und allen anderen einen fairen
Wettbewerb ermöglichen.
## In Ungarn hat ein Systemwechsel stattgefunden
All das zeigt deutlich, dass in Ungarn nicht einfach ein Regierungswechsel
stattgefunden hat, sondern ein Systemwechsel. Orbán hatte Ungarn zu etwas
umgebaut, das nur noch dem Namen nach eine Demokratie und eine Republik
war. Er schwang sich zum Mafiapaten und König eines Landes auf, in dem die
wichtigste Währung die Loyalität zu ihm war.
Ungarn hat nun die Chance, sich zu redemokratisieren. Das bedeutet, dass
Tisza nun mit derselben Härte, mit der Fidesz ihre Strukturen errichtet
hat, diese nun kappen muss. Es bedeutet auch, das Wahlrecht demokratisch
wieder aufzubauen und das Leben der Ungar:innen zu erleichtern. Zugleich
müssen Minderheitenrechte wieder sichergestellt und die wahnhaften
Kampagnen vor allem gegen LGBTQI-Personen gestoppt werden.
Es ist paradox: Sollte Tisza das ernst meinen, dann würde das bedeuten,
dass sie die Leitplanken dafür legt, die nun so umfassende Macht zu teilen.
Es würde bedeuten, dass sich ein plurales Parteien- und standhaftes
Institutionensystem entwickeln kann, in dem die autoritären Gelüste der
Fidesz nicht mehr möglich sind. Das Königreich ist gefallen. Mit ihm
zerbricht das Utopia des transnationalen Rechtsextremismus. Ungarn könnte
sich vom autoritären zum demokratischen Vorbild entwickeln.
19 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Parlamentswahlen-in-Ungarn/!6170076
(DIR) [2] /Niederlage-fuer-die-radikale-Rechten/!6171451
(DIR) [3] https://www.tagesschau.de/ausland/europa/vance-orban-usa-ungarn-100.html
(DIR) [4] /Antonio-Gramsci/!t5232239
(DIR) [5] /Wahlgewinner-Magyar/!6171178
## AUTOREN
(DIR) Natascha Strobl
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