# taz.de -- Mächtige Tech-Konzerne: Krieg der Kapitalfraktionen
> Zwischen Machtelite und Tech-Konzerne passte lange kein Blatt Papier.
> Doch US-Präsident Donald Trump gibt Zeichen, das KI-Kartell künftig
> stärker zu regulieren.
(IMG) Bild: Symbiose der Tech-Konzerne mit der Machtelite der „Borgianer“: Trump und Freunde im Weißen Haus
„Digitalisierung first, Bedenken second“, schon der halbe Anglizismus hätte
dazu führen müssen, dass Christian Lindner in den Gebrauchtwagenhandel
abgeordnet und seine Partei, die das Mantra ihres Vorsitzenden plakatierte,
aus dem Bundestag entfernt wird. Es kam anders: Das Wählervotum erlaubte
die Subversion einer Bedenken tragenden Regierung, die als erste und
womöglich letzte eine ökologische Wende hinbekommen – und künstliche
Intelligenz besser reguliert hätte.
Stattdessen dominiert, wie der Politikbeobachter Giuliano da Empoli es
formuliert, „Karnevalslogik“: „Wir stürzen in eine neue Realität, in ein
neues Ökosystem, und natürlich werden alle Tendenzen darin noch verstärkt
durch die sozialen Medien, die Macht des Numerischen.“ Christian L. war nur
eine drittrangige Charge im akzelerationistischen Karneval der Techeliten:
„Sie ertragen nicht, was sie für langsam halten, die Demokratie der
Prozeduren, die alten Eliten, die alten Medien, die Regeln – Europa. Und
die digitale Maschine sekundiert ihnen dabei, der kann es nicht schnell
genug gehen, nicht disruptiv genug, nicht extrem genug.“
Empolis letztes Buch „Die Stunde der Raubtiere“ (C. H. Beck, München 2025)
vermittelt einen seltenen und substanziellen Einblick in die Symbiose der
Techkonzerne mit der Machtelite der „Borgianer“. So nennt er frei nach
Niccolò Machiavelli heutige Fürsten vom Schlage des Cesare Borgia, die als
Kleptokraten im Bunde mit der „Broligarchie“ stehen.
Empoli praktiziert das „conoscere discosto“ – Mächtige von der Seitenlinie
beobachten. Die Episoden, die er in seinem Buch zusammenträgt, nehmen einem
den Atem: Ist das wirklich wahr? Ist Trump tatsächlich so schlimm, und war
auch Obama wirklich so ein Trottel?
## Die demokratische Opposition stärken
Das Buch soll die demokratische Opposition stärken, damit „uns“ (ein oft
gebrauchter Begriff von Linksliberalen wie Empoli) nicht das Schicksal der
14.000 Bewohner von Lieusaint ereilt, denen eines Tages ein versagendes,
falsch, ein exzellent funktionierendes Navigationssystem Tausende Last- und
Personenwagen von der Autobahn A5 durch den Ort leitete, weil – das kennt
man ja – der Algorithmus einen minimal schnelleren Weg ausgerechnet hatte.
Was tat der listige Bürgermeister? Er installierte eine Ampel in der
Dorfmitte, um die Durchfahrt zu verlängern. Das kapierte der Algorithmus
und lenkt die Vierzigtonner jetzt wieder auf die Autobahn.
Lindner hatte seinen Sinnspruch von Regierungen abgekupfert, die wie die
Trump-Regierung jedwede Regulierung künstlicher Intelligenz strikt
ablehnen. Sein Vize Vance drückte es so aus: Das würde „eine transformative
Branche gerade dann zerstören, wenn sie abhebt“. Doch soeben gab das
Regierungs-Center for AI Standards and Innovation (CAISI) bekannt, es habe
mit Anthropic, Google, OpenAI, xAI und Konsorten vereinbart, die
US-Regierung werde KI-Modelle, ganz wie der alte Joe Biden und in
Alteuropa, „bewerten“, bevor sie veröffentlicht würden.
Frisst da etwa die technische Revolution ihre politischen Kinder? Die haben
offenbar bemerkt, dass das KI-Modell Claude Mythos von Anthropic
Sicherheitslücken in Software aufspürt und [1][die Cybersicherheit massiv
gefährden kann.]
## Autokraten brauchen Plattformen für Propaganda
Man darf gespannt sein, ob Trump konsequent bleibt und damit durchkommt.
Für Empoli wirkte der vormoderne, autokratische Druck des US-amerikanischen
Präsidenten perfekt zusammen mit dem postmodernen, posthumanen Druck der
Techmaschinerie eines Peter Thiel: „Nicht aus weltanschaulicher Nähe,
sondern aus Opportunismus und aus dem gemeinsamen Interesse, Regeln zu
umgehen. Tech-Eliten sind oft anti-bürokratisch, verächtlich gegenüber
parlamentarischer Langsamkeit und Richterschaft. Autokraten brauchen
Plattformen, Reichweiten und Technologien, um Propaganda zu skalieren,
Opposition zu unterdrücken und Grenzen des Rechts zu testen. Die Technik
liefert Mittel, die Autokraten liefern Märkte, Schutz oder politischen
Rückhalt – eine asymmetrische, aber gefährliche Kooperation.“
Auch wenn das gemeinsame Ziel die Abwicklung der liberalen Demokratie
bleibt, können sich jetzt – altmodisch gesagt – Kapitalfraktionen in die
Wolle kriegen. Protektionisten gegen Freihändler, Libertäre gegen
Etatisten, Ölextraktivisten gegen Quantum-Elektroniker, populistische
Somewheres versus elitäre Anywheres, glorreiche Vergangenheit oder
strahlende Zukunft, pro und kontra Migration, Common Sense gegen posthumane
Intelligenz.
Es geht letztlich beiden um Renditen, und auch da stört ein „Claude“, der
Finanztransaktionen durcheinanderbringt. Und im geopolitisch auf
Freund-Feind-Verhältnisse getrimmten Konkurrenzkampf ist auch ein
Kriegsminister wie Pete Hegseth irritiert, wenn dieser „Claude“ dem Feind
Sicherheitslücken im Pentagon offenlegt. Jedenfalls in seiner
hobbesianischen Variante ist der Staat noch nicht vergangen. Letzte
Hoffnung Trump? Er wird wohl auch das vermasseln und dem KI-Kartell die
Selbstregulierung überlassen.
Und was machen „wir“? Empolis an Kafka geschulte Diagnosen stimmen wenig
hoffnungsvoll, zumal „wir“ in der Regel nicht mehr von KI verstehen als
Lindner und „wir“ am Arbeitsplatz, im Studium und in der Schule die
Vorschläge von ChatGPT Plus verschämt in Anspruch nehmen. Der
Bürgermeister, sein Name ist übrigens Bisson, hat alles versucht: mit der
Firma Kontakt aufgenommen, die Presse informiert, die Kartografen zur
Umwandlung der Asphaltstraße in Feldwege angestiftet – alles umsonst. „Der
Bürgermeister von Lieusaint lächelt, der Kampf geht weiter.“ Resignation
später.
14 May 2026
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(DIR) Claus Leggewie
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