# taz.de -- Demokratieprojekte in Sachsen-Anhalt: Was kostet die Demokratie?
> Eine mögliche AfD-Landesregierung in Sachsen-Anhalt könnte vor allem ein
> Ziel haben: Demokratieprojekte beenden. Die sollen nun eilig gerettet
> werden.
(IMG) Bild: Demokratiefestival in Magdeburg vor der Landtagswahl. Die Zukunft vieler Demokratieprojekte in Sachsen-Anhalt ist ungewiss
Es ist ein „Appell“, mit dem sich [1][Sebastian Koch] vergangene Woche an
den kleinen Verein Ipse Exitare in der Altmark in Sachsen-Anhalt wandte. Es
liege ihm fern, Kritik zu äußern, schrieb der AfD-Politiker in einer
direkten Nachricht. Aber er müsse anmerken, dass sich der Verein zuletzt
kritisch über die AfD geäußert habe – und das sei verboten. Solche
„Verstöße können und müssen zum Entzug der Förderung führen“, schreibt der
AfD-Mann weiter. Und dass seine Partei künftig alle Vereine hinsichtlich
ihrer „Neutralitätspflicht“ überprüfen wolle.
Der Heimat- und Kulturverein, der Konzerte und Veranstaltungen organisiert,
die Dorfkirche sanierte oder das jährliche „Lichtblütenfestival“
veranstaltet, wollte sich auf taz-Anfrage dazu nicht äußern. Gegenüber der
Volksstimme zeigte er sich aber irritiert. „Das ist doch völlig abstrus“,
sagte Vereinschef Tilo Mottschall. „Was soll das denn bedeuten? Förderung
gibt es dann nur noch für das, was der AfD passt?“
AfD-Mann Koch, der gerade erstmals in den Landtag einzog, relativierte
seine Aktion auf taz-Anfrage. Man müsse schon sehr viel Fantasie besitzen,
um darin eine Drohung zu sehen, schrieb er. Ihn habe aber gestört, dass der
Verein zuletzt Videos geteilt habe, „die sich kritisch mit der AfD,
besonders im Wahlkampf, auseinandergesetzt haben“. Dies müsse eine
„offizielle Stelle“ prüfen.
## CDU-Abgeordnete sieht „Einschüchterung“
Dabei ist Ipse Excitare gar kein explizit politischer Verein, nicht einmal
ein dezidiertes Demokratieprojekt. Gerade deshalb erschüttert die Nachricht
von Koch viele in Sachsen-Anhalt. Selbst die CDU-Landtagsabgeordnete Sandra
Hietl-Heuer verurteilte Kochs Nachricht als „Einschüchterung“.
Kochs Nachricht unterstreicht, was die AfD seit Langem plant: den linken
„NGO-Sumpf austrocknen“, wie es die rechtsextreme Partei nennt. [2][Im
Wahlprogramm hatte sie angekündigt], Vereine nur noch dann zu fördern, wenn
sie ein „patriotisches“ Bekenntnis ablegen. In Kommunalparlamenten [3][wie
in Bitterfeld-Wolfen] haben AfD-Vertreter:innen bereits erfolgreich die
Gelder für das bundesweite Förderprogramm „Demokratie leben!“ gestutzt.
Wen sie künftig besonders in den Blick nehmen will, lässt sich aus einer
kleinen Anfrage erahnen, die der AfD-Abgeordnete Gordon Köhler kurz nach
der Landtagswahl Anfang September an die Landesregierung gestellt hatte.
Darin fragt er, welche Organisationen in Sachsen-Anhalt Geld aus dem
Bundesprogramm „Demokratie leben!“ bekommen und gleichzeitig das Bündnis
„Sachsen-Anhalt. Weltoffen!“ unterstützen. Darunter sind
Migrantenorganisationen, der Landessportbund, Gewerkschaften,
Jugendfeuerwehren, Naturschutzbündnisse, die Kirchen. Die rechtsextreme
AfD-Vorfeldorganisation Ein Prozent berichtete „exklusiv“ über die Antwort
auf die Anfrage und skandalisierte: „104 Millionen Euro für das
Anti-AfD-Netzwerk“.
Ab Mitte Dezember könnte es nun ernst werden. Dann, wenn sich AfD-Mann
Ulrich Siegmund im Landtag zum Ministerpräsidenten wählen lassen will – und
dank des BSW beste Chancen dafür hat.
## Panik vor einer AfD-Landesregierung
Bei vielen Initiativen in Sachsen-Anhalt herrscht Panik. Noch ist der
Landeshaushalt für das kommende Jahr nicht beschlossen. Die Verhandlungen
dürften starten, sobald die neue Regierung steht – und sich über Monate
hinziehen. Dass eine AfD-geführte Landesregierung darin Gelder für die
kritische Zivilgesellschaft einplanen wird, bezweifeln viele.
Das hat schon jetzt konkrete Folgen. So berichtet Antje Arndt von der
Mobilen Opferberatung, die mit ihrem Team Betroffene rechter Gewalt
unterstützt, dass bereits alle Angestellten gekündigt seien, weil die
Zukunftsaussichten völlig unklar seien. „Wir wissen nicht, ob es uns im
nächsten Jahr noch gibt“, sagt Arndt. Mit Landesmitteln rechne man gar
nicht mehr – [4][der Trägerverein Miteinander steht seit Jahren im Visier
der AfD].
Die Hoffnung liege nun darauf, zumindest vom Bund noch Gelder zu bekommen.
Bisher läuft die Bundesförderung über das Programm „Demokratie leben!“, das
zuletzt insgesamt 191 Millionen Euro Budget hatte. Der Bundeshaushalt für
2027 wird gerade beraten und soll bis Ende November verabschiedet sein. Bis
zur Ministerpräsidentenwahl in Sachsen-Anhalt wären es dann noch zwei
Wochen. Gingen die Zuwendungsbescheide in diesen 14 Tagen an die Projekte
in dem Bundesland, wären zumindest die Bundesmittel für 2027 vorerst
gesichert. Aber auch hier sei ungewiss, ob eine AfD-Landesregierung diese
weiterreichen würde, so Arndt. „Wer glaubt, dass sich diese Partei an Recht
und Gesetz hält, ist naiv.“
Ähnlich geht es anderen Beratungsangeboten in Sachsen-Anhalt – etwa im
Bereich Integration oder bei Ausstiegsprojekten. Auch von ihnen hört man in
diesen Tagen, dass sie gerade vor allem damit beschäftigt sind, ihr
Überleben zu sichern.
Ein Sprecher von Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD) betont, ihr Haus
sei bei den Demokratieprojekten „bestrebt, eine Weiterförderung zu
ermöglichen“. Denn: „Gerade in der aktuellen Situation braucht es eine
starke und wache Zivilgesellschaft mit entsprechenden Strukturen.“ So
verfüge der aktuelle Haushalt 2026 über eine Verpflichtungsermächtigung,
die eine Förderung von Demokratieprojekten auch im Jahr 2027 möglich macht.
Allerdings könnte die AfD auch diese Ermächtigung ignorieren – oder
Richtlinien des Landesdemokratieprogramms ändern, nach denen Projekte und
Träger ausgewählt werden, die mit Landesmitteln gefördert werden. Rund eine
Million Euro gab das Land Sachsen-Anhalt zuletzt jährlich für diese
Demokratieförderung aus.
## AfD könnte Bundesfördermittel blockieren
Zum Sozialministerium gehört auch das Landesdemokratiezentrum, das zusammen
mit dem Bund auswählt, welche Projekte mit Bundesmitteln gefördert werden.
Auch dieses Zentrum könnte die AfD abschaffen oder ihm auferlegen, die vom
Bund bewilligten Fördergelder nicht weiterzugeben.
Eine konkrete Überlegung deshalb: Das Landesdemokratiezentrum an einen
freien Träger anzudocken – womit dieses künftig unabhängig von der
Landesregierung wäre. Ein Vorbild, wenn auch nicht gänzlich vergleichbar,
gibt es bereits: So wird etwa die Opferberatung ezra in Thüringen von einem
Werk der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland getragen. Von Bundesseite
könnten weiterhin Gelder dorthin gelenkt werden – dank einer Ausnahme in
der Förderrichtlinie von „Demokratie leben!“.
## Fondsgelder allein werden nicht reichen
Parallel rufen viele Projekte in Sachsen-Anhalt [5][bereits zu Spenden
auf]. Zudem versuchen der Gegenwind-Fonds der Amadeu Antonio Stiftung oder
der neue Fonds für Demokratie rund um den früheren Ostbeauftragten Marco
Wanderwitz wegbrechende Gelder aufzufangen. Die Fonds seien tolle
Initiativen, lobt Arndt. „Nur werden sie weder dauerhaft reichen, noch ist
es ihre Pflicht. Opferschutz, vor allem auch für besonders vulnerable
Gruppen, ist eine staatliche Aufgabe.“ Auch Timo Reinfrank von der Amadeu
Antonio Stiftung betont: „Schon jetzt ist klar, dass die verfügbaren Mittel
bei Weitem nicht ausreichen. Wer die Demokratie in Sachsen-Anhalt stärken
will, muss ihre Strukturen auch verlässlich finanzieren.“
Arendt appelliert deshalb vor allem an die Bundesregierung, konkret an das
Familienministerium: „Es braucht dort eine Absicherung der demokratischen
zivilgesellschaftlichen Infrastruktur. Viele Menschen, Institutionen,
Vereine und Wohlfahrtsverbände wären durch eine AfD-Regierung existenziell
bedroht.“
Ein Sprecher von Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) äußerte sich
nicht explizit zu Sachsen-Anhalt, betonte aber, dass „Demokratiearbeit vor
Ort für uns hohe Priorität hat“. Man werde „für die Träger und Projekte in
allen Ländern und Kommunen Fördermöglichkeiten öffnen oder entwickeln“ und
setze auf „tragfähige Lösungen“, damit die Beratungsangebote „auch dann
fortbestehen können, wenn die Unterstützung durch das Land oder einzelne
Kommunen wegfallen sollte“. Dafür werde man Wege finden, „gegebenenfalls
auch außerhalb von Demokratie leben!, um lokales Engagement fördern zu
können“. Welche Wege das sind, ließ das Ministerium offen.
Nach taz-Informationen prüfen aber gerade nicht nur Prien, sondern auch
andere Ministerien, Unterbehörden oder die Ostbeauftragte der
Bundesregierung, ob sie andere Programme nutzen oder neue Programme
auflegen können, um Demokratieprojekte in Sachsen-Anhalt abzusichern.
Äußern wollen sie sich dazu bisher nicht. In einem Fall aber liegt bereits
ein Konzept in der Schublade, mit Fokus auf Demokratieprojekte „aus der
Region für die Region“ und einer jährlichen Fördersumme in zweistelliger
Millionenhöhe.
Auch die Ostbeauftragte Elisabeth Kaiser (SPD) nimmt die Bundesregierung in
die Pflicht. „Der Bund muss gerade in diesen schwierigen Zeiten eine
verlässliche und langfristige Finanzierung für Demokratiearbeit
sicherstellen“, sagte sie der taz. Jetzt am Montag will sich Kaiser mit
Vertretern der Zivilgesellschaft aus Sachsen-Anhalt und
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) in Berlin treffen. „Demokratie
lebt nicht vom bloßen Dagegensein“, betont Kaiser. „Sondern davon, dass
Menschen sie vor Ort als konkreten Gewinn erfahren – im Verein, in der
Gemeinde, im Jugendtreff“. Dies gelte „in Sachsen-Anhalt und in der ganzen
Republik“.
18 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Sachsen-Anhalt-Uebersicht-zu-allen-Personen-der-AfD--und-BSW-Fraktion/!6217643
(DIR) [2] /Drohende-AfD-Regierung-in-Ostdeutschland/!6177987
(DIR) [3] /Rechtsextreme-gegen-Zivilgesellschaft/!6156330
(DIR) [4] /Radikales-AfD-Netzwerk/!6208708
(DIR) [5] https://www.opferberatung-bleibt.de/
## AUTOREN
(DIR) Anne Fromm
(DIR) Konrad Litschko
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt AfD
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
(DIR) Demokratieprojekte
(DIR) GNS
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