# taz.de -- CDU-Parteitag in Stuttgart: Geschlossen gegen AfD und Grüne
> Die CDU stärkt dem Kanzler und sich selbst am ersten Tag ihres Parteitags
> den Rücken. Merz will nach vorn schauen – dann bricht das Internet
> zusammen.
(IMG) Bild: Die analoge Wahl beim CDU-Parteitag hat dann doch für ihn funktioniert: Merz in der Wahlkabine
Die CDU müsse die Reformpartei sein, wirbt Generalsekretär Carsten
Linnemann – und dann versagt ausgerechnet auf dem Bundesparteitag der
selbsternannten Modernisierer und im Musterland Baden-Württemberg das
Internet. Die Wahlen finden analog statt – und das wirft den eh schon
verspäteten Zeitplan noch weiter zurück.
Tagungsleiter Manuel Hagel wird ungeduldig. „Wahlkabine, Stimmzettel
ankreuzen, fertig. Das ist doch keine Promotion“, sagt er, der als
baden-württembergischer Spitzenkandidat eigentlich coole Contenance
ausstrahlen will.
Mit gut 91 Prozent hat die CDU ihren Bundesvorsitzenden Friedrich Merz dann
schließlich am Freitagabend doch im Amt bestätigt. Und damit ihm und sich
selbst den Rücken gestärkt. Dies schien wohl geboten, nachdem die Partei in
den vergangenen Wochen und Monaten eher das Bild eines führungslosen
Hühnerhaufens vermittelte, aber nun im März mit Kompetenz und
Führungsstärke die Staatskanzleien in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg
erobern will.
Ein gutes Wahlergebnis für Merz war dennoch keinesfalls selbstverständlich,
hatte dieser seiner Partei doch mit der teilweisen Aufkündigung der
grundgesetzlichen Schuldenbremse und seinen Zugeständnissen an die SPD in
der Rentenpolitik arge Schmerzen zugefügt. Besonders der Wirtschaftsflügel
der CDU hatte sich mehr erhofft.
Dass der Kanzler nicht mit einem schlechten Wahlergebnis abgestraft werden
würde, deutete sich bereits im Vorfeld an. Kritiker wie der
schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther gingen für ihn in
die Bütt und warben für einen „Riesen-Rückenwind für Friedrich Merz“. Denn:
„Wir müssen als Familie zusammenhalten.“
## Mehr Kanzler, denn Parteivorsitzender
[1][In seiner gut einstündigen Rede], die Merz mehr in seiner Rolle als
Kanzler denn als Parteivorsitzender hielt, räumte er tatsächlich auch
Fehler ein. Ihm sei vorgehalten worden, er hätte zu ambitionierte Ziele in
Aussicht gestellt. „Und ich will freimütig einräumen: Vielleicht haben wir
nach dem Regierungswechsel nicht schnell genug deutlich gemacht, dass wir
diese gewaltige Reformanstrengung nicht von heute auf morgen schaffen
werden.“ So viel Demut versprüht der selbstgewisse Merz selten, auch wenn
er es dann doch lieber in der Mehrzahl tat.
Seine Partei bat Merz um „Solidarität und Geduld“. Denn Union und SPD, als
verbliebene Parteien der demokratischen Mitte, seien voneinander abhängig
und aufeinander angewiesen. Aber er habe sich nun mal „abschließend
entschieden, die Zustimmung zu unserer Politik ausschließlich in der
politischen Mitte unseres Landes zu suchen“. Wer wollte, konnte auch dies
als leise Selbstkritik für die von ihm im Januar 2025 herbeigeführte
gemeinsame Abstimmung mit der AfD verstehen.
Auch für Manuel Hagel, den aussichtsreichen Spitzenkandidaten der Partei in
Baden-Württemberg, steht in Abgrenzung zur AfD fest: „Wir brauchen keine
radikalen Vorschläge, nichts Populistisches und Lautes, weil das nicht zu
uns passt.“
## Junge Union lässt sich nicht einlullen
Generell hatte Merz versucht, die Partei mit einer „Mutmach“-Rede
mitzureißen, „neue Entschlossenheit“ zu beschwören. Er wolle nicht nur
moderieren. „Ich will antreiben, ehrgeizige Ziele setzen, motivieren“, so
Merz im Duktus eines Fitnesstrainers. Konkrete Ankündigungen zu Rente,
Gesundheit oder Sozialstaat, die den Koalitionspartner auf den Baum jagen
könnten, lieferte er jedoch nicht.
Dafür gab es eine Analyse der globalen Lage. „Die regelbasierte
internationale Ordnung existiert nicht mehr. Eine neue Weltordnung – eine
Großmachtordnung – nimmt mit hoher Geschwindigkeit Gestalt an“, sagte Merz
und nahm damit den Faden seiner Rede bei der Münchener Sicherheitskonferenz
wieder auf.
Als Gegner machte der Kanzler neben der AfD die Grünen aus, die gemeinsam
mit den Linken und den extrem Rechten im Europaparlament gegen das
Mercosur-Freihandelsabkommen gestimmt hatten. Als Merz rief, „wir lassen
uns von denen nicht aufhalten“, bekam er den größten Szenenapplaus. Gegen
die Grünen – das funktioniert bei der CDU immer.
Nicht alle ließen sich davon einlullen. Johannes Winkel, Vorsitzender der
Jungen Union, forderte die CDU zu mutigen Reformen über den Umfang des
Sozialstaats auf. Die Partei müsse Vorschläge wie die Wiedereinführung des
Nachhaltigkeitsfaktors, der den Anstieg der Renten drosselt, auch
ansprechen. Den Fußballtrainer Jürgen Klopp zitierend sagte Winkel: „Die
Lust, zu gewinnen, muss größer sein als die Angst, zu verlieren.“
Die Herzen vieler Parteimitglieder schlagen da höher, doch gewinnt man
damit auch die Herzen der Wähler:innen? „Bei unseren Vorschlägen zur
Sozialpolitik bekommen die Leute bei mir spontan Zahnschmerzen“, meinte
Kai-Uwe Hemmerich in der Aussprache. Hemmerich, bodenständiger Delegierter
aus Hessen und zudem Betriebsratsvorsitzender eines Chemiebetriebes, sagte
der taz, die Stimmung sei schlecht, weil [2][jede Menge nicht abgestimmte
Vorschläge] verbreitet worden seien: von Karenztagen im Krankheitsfall bis
zu privaten Zahnbehandlungen.
## „Die Leute kriegen Zahnschmerzen“
„Damit muss Schluss sein, wir sind keine zweite FDP“, rief Elke Harnack,
die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes und
Mitglied im Bundesvorstand der CDU ist.
Wählen wollte Hemmerich Merz dennoch, „auch wenn ich nicht alles gut
finde“. Aber dafür sei die CDU ja Volkspartei. Man halte ganz viele
Meinungen aus – von der Mittelstandsunion bis zum Arbeitnehmerflügel.
Die Sehnsucht, einander auszuhalten, war nach diesem ersten Tag des
Parteitags spürbar. Mit rhythmischem, erleichterten Klatschen quittierten
die Delegierten das Ergebnis für Merz. Einzig Altkanzlerin und
Ex-Vorsitzende Angela Merkel war vorher gegangen. Sie war – erstmals nach
sieben Jahren – wieder zum Parteitag gekommen. Viele Delegierte freute das.
Eva Feußner aus Sachsen-Anhalt etwa, die direkt hinter Merkel saß: „Schön,
dass sie gekommen ist, das tut der Seele der Partei gut.“
Die Wahlen wurden nach Redaktionsschluss fortgesetzt. Am Samstag werden die
Delegierten dann über Anträge wie ein Verbot von Tiktok und Co für
Jugendliche beraten.
20 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Merz-Rede-auf-CDU-Parteitag/!6156416
(DIR) [2] /Debatte-um-Recht-auf-Teilzeit/!6148660
## AUTOREN
(DIR) Anna Lehmann
(DIR) Sabine am Orde
(DIR) Stefan Reinecke
## TAGS
(DIR) CDU
(DIR) Bundesparteitag
(DIR) Friedrich Merz
(DIR) GNS
(DIR) Manuel Hagel
(DIR) Schwerpunkt Angela Merkel
(DIR) Stuttgart
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Baden-Württemberg
(DIR) CDU
(DIR) Friedrich Merz
(DIR) Kolumne Gesten der Macht
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Der CDU-Parteitag bestätigt Merz: Zurück in alte Rollen
Die CDU hat Merz trotz allen Unmuts mit einem guten Ergebnis erneut zum
Parteichef gewählt. Wenn es um die Macht geht, hält man eben die Füße
still.
(DIR) Merz-Rede auf CDU-Parteitag: Viel Kanzler, wenig Parteichef
In Stuttgart versucht Friedrich Merz, Optimismus zu versprühen. Die SPD
wird auffällig geschont. Von konkreten neuen Reformen ist nicht die Rede.
(DIR) Friedrich Merz alkoholfrei: Der Disziplinator
Fehlende Arbeitsmoral will Kanzler Merz gerade der CDU nicht vorwerfen
lassen. Für deren Parteitag lautet das Credo folglich: Gefeiert wird
später!