# taz.de -- Ansturm auf Ceuta: Neue Zweige für ihr Grab
> Als Ende Juli kurz die Grenze nach Ceuta offen ist, versuchen Tausende
> Marokkaner:innen, nach Spanien zu kommen. Viele sterben, auch die
> 26-jährige Faten El Azizi.
(IMG) Bild: Auf dem Friedhof verdient sich Jamila El Azizi ein paar Dirham, ihre Tochter liegt nun auch hier
Blumen liegen hier keine. Nichts soll vom Gebet für die Verstorbenen
ablenken. Stattdessen gibt es grüne Myrtenzweige. Ihre kleinen Blätter
erinnern an Lorbeer, die Zweige sind schlicht, so wie die Tausenden Gräber
auf dem Hauptfriedhof von Tétouan [1][im Norden Marokkos]. Dicht an dicht
liegen sie auf dem Hang am Fuß des Jebel Dersa, des Hausbergs der Stadt.
Die Myrtenzweige sind das Geschäft von Jamila Ben Omar El Aziz. Auf einer
Plane vor ihren Füßen liegt ein großer Stapel. Daneben stehen ein Dutzend
5-Liter-Wasserflaschen. Auf dem Kopf trägt Jamila den Chachiya Jeblia, den
großen Strohhut der Frauen des Rifgebirges. Dunkle Wollbänder laufen
sternförmig vom Kopf zur breiten Krempe. So steht sie an diesem
Freitagmorgen am südlichen Haupteingang des Friedhofs und wartet. Hin und
wieder kommen Menschen vorbei. Sie umarmen Jamila still. Dann gehen sie
weiter. Fast jeder in der Stadt kennt ihre Geschichte.
Jamila hatte gesagt, sie wolle nicht weg an diesem Vormittag. Freitags, vor
dem Gebet, besuchen die meisten ihre Toten. Die wollte Jamila nicht
verpassen. Wenn Kundschaft da ist, gießt sie Wasser über die weißen Fliesen
der Grabeinfriedung, um den Staub abzuspülen, der aus der nahen Küstenebene
herüberweht. Dann nimmt sie die vertrockneten Myrtenzweige von den Gräbern,
legt frische hinein und bekommt dafür einige Dirham als Lohn.
Doch es ist so wenig los, dass sie die Zweige schließlich liegen lässt und
durch das Tor zur Straße geht. „Komm“, sagt sie nur.
## An der Wand, ihr Foto
Die Hauptstraße, die am Friedhof vorbei in Richtung der Altstadt führt, ist
benannt nach Mohammed Ameziane. Der hatte 1912 in Tétouan den zweiten
großen Aufstand der Amazigh, der Rifberber, angeführt. Sie wollten die
spanischen Kolonialherrscher vertreiben. Spanien aber blieb. Es ist immer
noch da in Tétouan. Vor allem in den Köpfen.
Jamila läuft die Avenue Mohammed Ameziane stadtauswärts. Es sind nur wenige
Meter zu einem mit Büschen bepflanzten Kreisverkehr, an dem Sammeltaxis
warten. Sie überquert einen Zebrastreifen, läuft vorbei am Café al Mers, wo
rauchende Männer auf Plastikstühlen hocken. Dann steht sie vor einem
Hauseingang und entriegelt eine schwarz lackierte Metalltür. Sie steigt
schnaufend die schmalen Stufen hinauf, ihre Wohnung liegt im ersten Stock.
Fliesen am Boden und an der Wand, darüber Tapeten in Seidenoptik.
Glühbirnen ohne Schirm hängen an Kabeln aus der Decke. Außer einem
schwarzen Kunstledersofa gibt es keine Möbel. An einer Seite des Raums
liegen gestapelte Matratzen. Bilder an den Wänden zeigen drei junge Männer,
zwei junge Frauen.
Jamila setzt sich auf das Kunstledersofa. Sie deutet auf die Wände. Alles
hier habe sie selbst gemacht. Jetzt, wo die Wohnung so schön sei, wolle der
Vermieter mehr Geld. Wie zur Strafe. Sie könne es kaum bezahlen.
Sie zeigt Richtung Kreisverkehr. An jenem Tag, vor sechs Wochen, habe es in
der Luft gelegen. Alle hätten davon gesprochen. Die Straße sei voller
junger Leute gewesen, die [2][nach Ceuta wollten], in die nahe gelegene
Enklave Spaniens. Jamila sprach mit ihrem Sohn darüber. Montaser, 31, lebte
bei ihr, er war arbeitslos, wie so viele hier. Sie zeigt auf das Foto eines
jungen Mannes mit Seitenscheitel, dünnem Oberlippenbart, hochgeknöpftem
Hemd mit Stehkragen.
Die Grenze ist offen, sagt sie an jenem 30. Juli zu ihm.
Jamilas ältester Sohn ist schon vor längerer Zeit nach Spanien gegangen.
Seine Familie hat er in Tétouan zurückgelassen. Er lebt heute in Ávila, in
der Nähe von Madrid. Dorthin will auch Montaser. Nun bietet sich womöglich
die Gelegenheit.
Ihre Töchter hören das Gespräch mit an. Faten ist 26 Jahre alt, Amira 15.
Bis zu jenem Donnerstag leben sie zusammen mit ihren Brüdern Jawal und
Montaser und ihrer Mutter Jamila in der Wohnung mit den Mosaikfliesen, die
heute wirkt, als wäre sie ausgeräumt.
Wenn alle gehen, dann gehen wir auch, sagen die beiden jungen Frauen.
„Ihr nicht“, sagt Jamila. „Euer Bruder ja, aber ihr nicht.“
Es nützt nichts. Faten ruft eine Freundin an. Zu viert brechen sie auf:
Montaser, Faten, deren Freundin und Amira, die jüngste Tochter. Die
Sammeltaxis, die sonst hier am Kreisverkehr starten, sind längst alle weg,
so viele Menschen sind Richtung Ceuta unterwegs. Kurierfahrer bieten die
Strecke auf den Ladeflächen ihrer Transporter an. 40 Minuten dauert die
Fahrt, vorbei am Flughafen, an Ferienanlagen entlang der Küste, die auch
jetzt, am Ende des Sommers, erstaunliches Grün tragen, vorbei an dem
kleinen Jachthafen von Marina Smir. Dann erreicht die Gruppe Fnideq, die
letzte Stadt vor der Grenze.
Montaser geht allein weiter, zu den Grenzanlagen, die bald offen stehen,
warum auch immer.
Faten, ihre Freundin und Amira gehen zum Strand.
Am Strand sei die Familie oft gewesen, sagt Jamila. Das Meer ist nicht weit
von Tétouan. Ihre Kinder konnten gut schwimmen, sagt sie.
An der Grenze von Marokko und Spanien ist eine Betonmauer weit ins Meer
gebaut. Große Felsbrocken liegen um ihren Sockel. Wer nach Ceuta schwimmen
will, muss sie umrunden. Tausende Menschen gehen an diesem Tag ins Wasser.
Faten erreicht einen Fels. Amira kommt nicht weiter. Faten geht zurück ins
Meer, will ihr helfen, so berichtet Amira es später. Dann sieht Amira sie
nicht mehr. Sie erreicht den Strand auf der spanischen Seite allein.
11 Leichen birgt die marokkanische Polizei an diesem Tag. Insgesamt sollen
laut NGOs über 140 Menschen an diesem Tag beim Versuch, die Grenze zu
überqueren, gestorben sein.
Am Morgen des 31. Juli bittet Jamila ihre Schwester, Fatens Tante, eine
weibliche Leiche in der Leichenhalle von Tétouan zu identifizieren.
12 Jahre alt ist Faten, als der Vater stirbt. Kurz darauf geht das Mädchen
von der Schule ab. Sie muss Geld verdienen. „Seitdem hat sie mit mir auf
dem Friedhof gearbeitet“, sagt Jamila. „Wir waren das ganze Leben
zusammen.“
Wenn sie nicht mit ihr auf dem Friedhof ist, spielt Faten Fußball. „Sie ist
immer im Fußballtrikot herumgelaufen, auch auf dem Friedhof.“ Erst spielt
sie auf der Straße, dann in Jugendmannschaften, mehrere Jahre in der
regionalen Frauenliga [3][für den Club Moghreb Atlético] Tétouan. „Das war
ihr Traum“, sagt Jamila.
Die Schuhe muss sie selber kaufen. Zu den Heimspielen kommt die Mutter
immer mit, die Auswärtsspiele im Norden Marokkos – in Tanger, Chefchaouen,
Aslihah – sind ihr zu weit.
Später wechselt Faten zum Verein Ittihad Tanger. Jeden Sonntag fährt sie
nun mit dem Bus zum Training in das 60 Kilometer entfernte Tanger, 1,5
Stunden hin, 1,5 Stunden zurück. Zu den Spielen fährt Jamila dann nur noch
selten.
Als Fußballerin ist Faten in Tétouan bekannt. Warum wollte sie weg? „Sie
hatte keine Arbeit. Es gibt hier nichts“, sagt Jamila. 20 Euro verdienten
die beiden auf dem Friedhof pro Tag, 30 Euro an guten Tagen. Für Siege beim
Fußball gab es manchmal etwas Geld vom Verein. Das habe sie der Mutter
gegeben.
„Die junge Generation denkt, sie findet in Spanien den Reichtum, den sie
hier nicht bekommt“, sagt Jamila.
Vielen jungen Marokkaner:innen erscheint Spanien wie die Antwort auf
ihre Probleme: Bei 38 Prozent liegt in Marokko die Jugendarbeitslosigkeit,
fast 80 Prozent der unter 30-Jährigen arbeiten im informellen Sektor, also
ohne soziale Absicherung und meist ohne Registrierung. Im Schnitt verdienen
sie dabei etwa 230 Euro im Monat. Auf fast 13 Prozent summiert sich die
Inflation seit 2022. Von den enormen Einkünften, etwa aus dem Tourismus –
kein afrikanisches Land hat mehr Besucher – und den Milliarden aus dem
Rohstoffverkauf profitiert vor allem eine kleine Elite. Die Regierung
investiert in Prestigebauten für die Fußball-WM im Jahr 2030. Über 250.000
junge Menschen sollen sich 2025 an den Gen-Z-Protesten im Land beteiligt
haben. Der Staat reagierte mit Gewalt, Tausenden Festnahmen und Verfahren.
Das Spanien, in das viele junge Marokkaner:innen auch aus diesen
Gründen heute wollen, ist mit ihrem eigenen Land auf das Engste verwoben.
Vor allem Spaniens Süden, Andalusien, stand rund 800 Jahre unter
muslimischer Herrschaft. Viele der Herrscher und Truppen kamen aus dem
Gebiet des heutigen Marokko. Kämpfer aus dem Gebiet des heutigen Spanien
wiederum zerstörten im Jahr 1399 Tétouan. Die Stadt wurde wiederaufgebaut
von Menschen, die aus dem heutigen Andalusien flohen, als die maurische
Herrschaft dort 1492 zu Ende ging. In den folgenden Jahrhunderten kamen
immer mehr Menschen aus dem heutigen Spanien nach Tétouan – und Spanien
eroberte gleichzeitig immer mehr Gebiete im Norden Marokkos. 1860 wurde
Tétouan erstmals spanisch, 1912 dann zur Hauptstadt des Protektorats
Spanisch-Marokko.
## Als müsse der Ort sich beweisen
In Spanisch-Marokko entstand eine nationalistische Militärkultur, viele der
Offiziere hier sahen sich als „Retter Spaniens“. Die Gewalt, mit der sie
die Kolonialherrschaft durchgesetzt hatten, brachten sie später mit in den
Spanischen Bürgerkrieg. Von Tétouan aus stürzten sie die demokratische
Zweite Spanische Republik.
Zugleich bauten die Spanier das Viertel Ensanche, das heutige Zentrum
Tétouans. Läuft man von dort zur Altstadt, der Medina, werden die breiten
Straßen nur langsam schmaler und voller, die Häuser niedriger. Eine echte
Grenze ist kaum zu erkennen. Spanische Spuren findet man überall in der
Stadt. 1913 eröffneten die Spanier das Stadion Saniat Rmel. Hier spielte
der einstige spanische Club Atlético Tetuán. Nachdem Spanisch-Marokko 1956
in die Unabhängigkeit entlassen wurde, ging aus dem Club der heutige Verein
Moghreb Atlético Tétouan hervor – in dem auch Faten El Azizis Ex-Mannschaft
spielt. 20 Minuten sind es zu Fuß von ihrer Wohnung zum Stadion.
Französisch, die zweite marokkanische Amtssprache, spricht in Tétouan kaum
jemand. Wenn die Menschen neben Arabisch ein paar Worte einer anderen
Sprache können, dann ist es Spanisch, das auch in der Schule gelehrt wird.
Die Straße von Gibraltar, die Afrika und Europa hier an der schmalsten
Stelle des Mittelmeers trennt, war seit jeher weniger eine geografische
Barriere als vielmehr eine Verbindung. Sie wurde für Eroberung und
Unterwerfung ebenso genutzt wie für Austausch und Handel. So entstand ein
Raum, den die Überlagerung stärker geformt haben dürfte als die Abgrenzung.
Wer sich heute der Nordspitze Afrikas vom Meer aus nähert, der sieht schon
von weitem die Fahne Spaniens. Sie überragt alles im Hafen von Ceuta, als
müsse sie beweisen, dass dieser Ort spanisch ist und nichts sonst.
Faten El Azizi und ihre Geschwister waren drei von etwa 70.000 Menschen,
die Ende Juli nach Ceuta drängten, ungehindert von den marokkanischen
Soldaten, die sie sonst an allen anderen Tagen auch mit Waffengewalt
abgewehrt hätten. Wie die allermeisten von ihnen kehrte Fatens Schwester
Amira zu ihrer Mutter nach Tétouan zurück. Etwa 13.000 Migrant:innen
aber sind nach offiziellen Angaben Mitte September noch in Ceuta. Fast alle
sind Marokkaner. Fatens Bruder Montaser ist einer von ihnen. Er hofft auf
ein Aufenthaltsrecht. Wenig spricht dafür, dass er es bekommt.
## Pogromstimmung in Ceuta
„Invasion“, „Lawine“, das sind die Worte, mit denen [4][über Menschen wie
ihn in Ceuta geredet wird]. Die Leute sagen es nicht nur am Tresen in der
Bar. Die Stadtregierung hat sie zur offiziellen Formel erhoben. Kaum ein
Statement kommt ohne die Vokabeln aus.
Gleichzeitig ist auf der anderen Seite der Grenze, in Marokko, immer
häufiger der früher nur diskret ausgesprochene Zusatz „besetzt“ zu hören,
wenn von den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla die Rede ist. Aus der
Sicht vieler Marokkaner:innen sollte das Gebiet zu Marokko gehören.
In Ceuta liegt auch deshalb Pogromstimmung in der Luft. Es geht dabei nicht
nur um die Afrikaner, die am Strand hausen. Ihre Anwesenheit wird als
Existenzfrage von Ceuta verhandelt. Die Migrant:innen gelten vielen als
Vorhut einer Eroberungsarmee – wenn sie nicht schon direkt selber eine
sind.
So sieht es auch der Fahrer, der sein Taxi in Ceuta Richtung Grenze
steuert. Man muss ihn nicht fragen, er fängt von alleine mit dem Thema an.
Mit den Migranten gehe es so nicht mehr weiter, sagt er. Die Schule habe
begonnen, heute, aber es sei kein normaler Schulanfang. Die Migranten
würden in die Schulgebäude eindringen, Fäkalien hinterlassen, Mädchen
belästigen. So sei es, kein Zweifel, er höre das überall.
Vom Straßenrand winkt ihm jemand zu. Der Fahrer tritt auf die Bremse, durch
das geöffnete Seitenfenster ruft er dem Mann einen Schwall auf Arabisch zu,
akzentfrei. Auch die Antwort kommt auf Arabisch. Er sei in Marokko geboren,
seine Frau Muslima, aber in Ceuta zur Welt gekommen, sagt er. Seit vielen
Jahren lebe er hier. Wie die Hälfte der Einwohner:innen Ceutas ist der
Taxifahrer Muslim. „Ich bin Spanier. Das Land hat mir meine Gesetze
gegeben, meine Rechte.“
Die Migranten würden ihre Scheine aus dicken Geldbündeln ziehen, wenn sie
ihn für eine Taxifahrt bezahlen, sagt er dann.
Was soll das heißen?
Die Sache sei faul. Der linke Premierminister Pedro Sánchez habe sich von
Marokko kaufen lassen, um Ceuta abzutreten. Die Migranten seien das
Werkzeug dazu.
„Das werden wir nicht zulassen.“
Wir, die Spanier.
Die Konfrontation sei nur noch eine Frage der Zeit, sagt er. „Viele Leute
verkaufen hier gerade ihre Wohnungen, wusstest du das? Sie hauen ab,
solange es noch geht.“ Wenn es einen Krieg gebe, „dann kämpfe ich auf der
Seite der spanischen Armee“.
## Eine klare Grenze
Kaum jemand könnte das Gleichzeitigsein von Spanien und Afrika in dieser
Region stärker verkörpern als dieser Familienvater. Doch er klingt, als
freue er sich schon auf den Kampf, der Ceuta als strikt und rein spanisch
und nichts sonst verteidigen soll.
Nur zwei Landgrenzen zwischen Afrika und Europa gibt es: Eine ist in
Melilla, die andere hier, in Ceuta. Aus Richtung Spanien ist kaum zu
erkennen, wie gewaltig und hochgerüstet die Anlagen sind. Wer herüber will,
muss durch die beiden Zollhäuser, danach führt ein 400 Meter langer,
ummauerter Gang durch einen kahlen, schwer bewachten Streifen. Er soll es
unmöglich machen, sich den hohen Grenzzäunen auch nur zu nähern. Auch am
Ende des Mauergangs, auf der marokkanischen Seite, gehen die Abwehranlagen
immer weiter: ein Zaun am Meeresufer, Wasserwerfer, Soldaten, Polizei,
Mannschaftswagen, Absperrgitter, Kilometer um Kilometer entlang des
Strandes, an dem Faten El Azizi und ihre Schwester ins Wasser gegangen
sind.
Die Grenze soll eine klare Linie ziehen zwischen Europa und Afrika. Wer
diese übertritt, ohne die Erlaubnis zu haben, der kann sich nicht sicher
sein, dass nicht auf ihn geschossen wird. Vorgekommen ist das in der
Vergangenheit schon mehrfach. Hunderte Millionen Euro kassiert Marokko für
die Bewachung. Noch mal 115 Millionen Euro soll die EU nun „kurzfristig
bereitstellen“, damit sich ein Tag wie der 30. Juli nicht wiederholt.
Invasion, Abwehr – in solchen Begriffen wird gedacht und gesprochen über
diesen Berührungspunkt von Afrika und Europa, an dem die strikte Trennung
der beiden Kontinente umso künstlicher wirkt, je genauer man hinsieht. Und
manchmal öffnen die engen Verbindungen Türen, wo kaum jemand darauf zu
hoffen wagt.
Ittihad Tanger, Faten El Azizis Fußballverein, war zu einem
Freundschaftsspiel eingeladen, erzählt ihre Mutter. In Spanien. Dorthin
mitfahren durfte, wer ein Visum hatte. Faten hatte keins. Das hat sie ihr
erzählt. „Sie hat geweint,“ sagt Jamila.
Nicht erzählt hat Faten ihrer Mutter, dass sie beim spanischen
Generalkonsulat in Tanger ein Visum beantragt hat. Als Ziel gab sie ihren
Bruder in Ávila bei Madrid an. Als Kontakt nannte sie dessen Telefonnummer.
Dass viele internationale Medien über den Tod von Faten El Aziz
berichteten, hat vor allem mit dem existenziell tragischen Umstand zu tun,
dass ihr Visaantrag positiv beschieden und dies unmittelbar nach ihrem Tod
bekannt wurde. In den Zeitungen war zu lesen, dass die Mutter am Tag der
Beerdigung einen Anruf aus dem Konsulat erhalten habe und erfuhr, dass der
Pass mit dem Visum abgeholt werden könne.
Jamila schildert es etwas anders: Das Konsulat habe den Bruder angerufen,
der dann die Mutter informierte.
So oder so: Als junge, unverheiratete Frau ohne Kinder, Immobilie oder
festen Job hatte Faten eigentlich keine guten Aussichten auf ein Visum.
Warum sie doch eins bekam – das sagt das Konsulat auch auf Anfrage nicht.
Später am Vormittag steht Jamila Ben Omar El Aziz wieder am Südtor des
Friedhofs und wartet auf Kundschaft.
„Willst du es sehen?“ fragt sie irgendwann.
Dann läuft sie los, den Hauptweg entlang, hangaufwärts. Zwischen den
Gräbern wuchern Wunderblumen. Wie kleine leuchtende Trompeten hängen ihre
violetten Blüten an den Sträuchern.
Es ist windig. Jamila läuft weiter, den Hügel hoch, über den Vorplatz einer
kleinen Kapelle. Im Schatten sitzen ein paar Arbeiter, sie grüßen sie. Ein
Wachmann schließt sich ihr an, läuft hinter ihr her, durch ein zweites
Plateau voller Gräber. Die Parzelle, auf die Jamila zuläuft, liegt kurz vor
der Mauer, am nördlichen Ende des Friedhofs.
42 Tage ist das Grab alt. Zwischen all den anderen, älteren, die genau
gleich aussehen, sticht es nicht weiter hervor.
Jamila setzt sich auf den Rand mit den weißen Fliesen. Die Myrtenzweige auf
dem Grab sehen noch frisch aus. Jamila nimmt sie trotzdem in die Hand,
dreht sie um und wirft sie dann auf den Boden. Sie legt neue Zweige auf das
Grab. Auf einer Fliese sind in schwarzen Buchstaben Fatens Name und der
Todestag eingraviert. Sie streichelt die Fliese, als sei es die Wange ihrer
Tochter. Dann weint sie.
27 Sep 2026
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