# taz.de -- Geflüchtete in Ceuta: Uringestank, Menschen als Handelsware und Verzweiflung
       
       > In Ceuta entlädt sich die Wut auf Spanien. Etliche gestrandete
       > Geflüchtete leben dort von Brot, Bananen und Wasser. Und wissen nicht,
       > wie es weitergeht.
       
 (IMG) Bild: Migranten duschen am Trampolin Beach in Ceuta
       
       Elegant gekleidet sind die Wutbürger, ihre Sprache ist es nicht. Eine
       Hosenanzug-Lady läuft aus der Kundgebung heraus, dem Konvoi von Spaniens
       Innenminister Fernando Grande-Marlaska entgegen. „Hijo de Puta“,
       „Hurensohn“, brüllt sie an die Scheibe, als der Wagen an ihr vorbeifährt.
       Dann legt die ganze Menge los, Flüche, Beleidigungen, Pfiffe, minutenlang,
       noch als Grande-Marlaska, beschirmt von der Guardia Civil, längst im Innern
       des Gebäudes der Regierungsvertretung in Ceuta verschwunden ist.
       
       Drinnen erzählt Grande-Marlaska den Journalist:innen, wie viele Millionen
       die EU nun zahlen soll, um Spanien bei der Bewältigung der Lage in der
       Exklave zu helfen, wie viele „Bearbeitungsstraßen“ für das Screening der
       Migranten, für die Bearbeitung möglicher Asylanträge entstehen sollen. Und
       dass das Gefühl der Unsicherheit der Menschen in Ceuta „subjektiv“ sei,
       weil die Kriminalität in der spanischen Exklave seit Jahren abnehme.
       
       [1][Doch die Stimmung ist explosiv], als Grande-Marlaska am Dienstag, dem
       41. Tag nach dem großen Grenzdurchbruch, Ceuta besucht. 72.000 Menschen
       sollen Ende Juli gekommen sein, nach offiziellen Angaben sind noch über
       5.000 davon in der Stadt. Hilfsorganisationen schätzen die Zahl auf
       mindestens 10.000, das erscheint realistisch. Die meisten sind junge
       Marokkaner.
       
       Überall in Ceuta stehen die Guardia Civil und Militär, sie halten die
       Migrant:innen von der Innenstadt fern, sind vor den Supermärkten
       postiert. Die demonstrierenden Einheimischen wollen, dass die Regierung per
       „Eilantrag in 24 Stunden“ das Migrationsrecht so ändert, dass sie die
       Migrant:innen sofort, ohne Prüfung, abschieben kann. Die Regierung will
       indes, wie rechtlich vorgesehen, zuerst mögliche Schutzansprüche prüfen.
       Doch das wird dauern.
       
       ## Die Lage ist sehr „kompliziert“
       
       Viele der [2][Migrant:innen hausen entlang des sogenannten]
       [3][Trampolinstrandes] westlich der Innenstadt. Tausende Menschen haben
       sich auf einem schmalen Streifen zwischen Wasser und Straße notdürftig
       eingerichtet. Vor einem grünen Igluzelt nahe dem Bürgersteig liegt Karim,
       Mitte dreißig, aus Algerien. Neben ihm spielt eine Gruppe von Männern
       Karten, andere beobachten die Soldaten, die mit großen Knüppeln in der Hand
       die Straße entlanglaufen.
       
       „Sehr kompliziert“ sei es alles, „sehr kompliziert“, sagt er und richtet
       sich auf. In Algerien habe er einen Tabakladen gehabt, aber auch „große
       Probleme“, es gebe in Afrika „keine Sicherheit“. Über Tanger wollte er nach
       Spanien, als er Ende Juli auf Facebook las, dass die Grenze nun offen sei.
       Er sei ein guter Schwimmer, aber die Schreie der Kinder, die an jenem Tag
       mit der Menge ins Wasser gegangen waren und nicht schwimmen konnten, die
       höre er jetzt noch immer. „,Helft mir, helft mir’, aber wir konnten nichts
       tun“, sagt Karim. „Wir haben es alle gesehen, wie sie ertrunken sind.“ Es
       habe weit mehr als die 82 offiziell angegebenen Toten gegeben, glaubt er.
       
       Die meisten Menschen seien bald nach Marokko zurückgegangen. Gewalt von den
       spanischen Soldaten haben es keine gegeben. „Wegen Hunger“, sagt Karim. Den
       hat er jetzt auch. Seit 41 Tagen ist er nun an dem Strand, es gebe nichts
       außer den Plastiktüten mit Brot, Bananen und Wasser, die das Rote Kreuz
       jeden Abend verteilt. Drei bis vier Stunden müsse er dafür anstehen. Seine
       Joggerhandyhülle hat er um den Oberarm geschnallt, aber sie ist leer.
       Einheimische sammeln am Strand Handys ein und laden sie. Ein zur Hälfte
       geladener Akku kostet 1 Euro, ein voller 2 Euro. Wer in den Supermarkt
       wolle, müsse den Soldaten vor der Tür ein Visum zeigen, wer keines habe,
       werde nicht hereingelassen. „Apartheid wie in Südafrika“, sagt Karim.
       
       Die Polizei würde sie „mal in Ruhe lassen, mal angreifen, wie es ihnen
       passt“, sagt er. Viele der Männer hier seien mittlerweile krank. „Es ist
       eine Katastrophe.“ Für Minderjährige und Familien hat die Regierung in
       einem völlig heruntergekommenen Industriegebiet im Schatten der Grenzzäune
       ein Aufnahmelager eingerichtet. Dort sieht es kaum besser aus als am
       Strand. An den Straßen dort haben Menschen mit Decken, alten Möbeln und
       Planen Unterstände errichtet. Die Sonne heizt den Beton auf, heiße Schwaden
       von Uringestank steigen auf. Einige der Migrant:innen haben mit Kisten
       kleine Stände aufgebaut, manche verkaufen Kekse.
       
       ## Die Gerüchte kochen hoch, immer wieder gibt es Gewalt
       
       Am Mittag besucht Grande-Marlaska das provisorische Lager im Innern zweier
       Hallen, das rund 400 Plätze bietet. Hier wird er nicht mit Flüchen, sondern
       mit Applaus begrüßt. Die Menschen hoffen, dass die Regierung sie aufs
       Festland bringt. Das spanische Fernsehen schneidet die Bilder vom Beifall
       der Migrant:innen später direkt mit jenen des Wutausbruchs der
       demonstrierenden Einheimischen zusammen. Immer wieder gibt es in Ceuta
       Gewalt. Die Gerüchte kochen hoch. Am Dienstag begann das Schuljahr und es
       hieß, die Migrant:innen drängten in Schulen ein, belegten Sporthallen,
       es gebe Vergewaltigungen, die Kinder könnten nicht zur Schule gehen. Die
       Regierung wies dies zurück.
       
       [4][Migrant:innen erzählen von Angriffen durch Soldaten] und durch die –
       oft marokkanisch-stämmige – lokale Polizei. Einige schildern, wie ihnen
       Handys abgenommen und zerstört wurden. Andere berichten, dass immer wieder
       Motorradfahrer absichtlich mit hoher Geschwindigkeit durch die
       Menschenmenge am Strand fahren. Der Bürgermeister Juan Jesús Vivas, seit
       2001 im Amt, spricht in offiziellen Statements von der „dunkelsten Stunde
       in der Geschichte der Stadt“ und einer „Invasion“. Das ist mittlerweile die
       offizielle Sprachregelung in der Stadt. Die Situation wird dabei mit der
       Existenz der Exklave als spanisches Gebiet verknüpft.
       
       Überall in der Stadt tragen Menschen schwarze T-Shirts mit der Aufschrift
       „Una caballa no se rinde“, frei übersetzt soll das heißen, dass ein Ceutí
       nie aufgibt. In vielen Lokalen hat das gesamte Personal diese Shirts an.
       Auch an den Häusern hängen Transparente, dass Ceuta „nicht verkauft“ werde.
       Es wird unterstellt, Marokko schicke die Migranten, um die Lage so weit zu
       chaotisieren, dass Spanien sich zurückzieht. Die Rechtsextremen befeuern
       diese Befürchtung mit voller Kraft. Überall hängen Plakate, in denen Ceuta
       gedankt wird, weil es „das spanische Volk vereint“ habe – im Kampf gegen
       die Migrant:innen, den Islam, den [5][linken Regierungschef Pedro Sánchez]
       und die expansiven marokkanischen Gelüste zur Übernahme der beiden Exklaven
       Ceuta und Melilla.
       
       ## Ein Visum für die Reichen, den Armen bleibt nur der Strand
       
       In den kommenden Tagen soll das Zeltlager auf einer Brache am Hafen hinter
       dem Mercedes-Autohaus fertig sein. Dorthin sollen die Menschen für die
       Dauer der Asylprüfung umgesiedelt werden. Nach Angaben der Regierung in
       Madrid soll so „in wenigen Wochen“ alles geregelt sein. Die Stadtregierung
       ist strikt gegen das Lager. Auf das Festland bringen will die Regierung die
       Menschen aber auf keinen Fall. Dabei ist sie laut dem neuen EU-Asylpakt
       Geas dazu verpflichtet das Screening an einem „geeigneten und angemessenen
       Ort“ durchzuführen – den sie aber bisher einzurichten nicht für nötig
       gehalten hat.
       
       Der Algerier Karim berichtet am Strand, er sei dreimal zum lokalen
       Polizeikommissariat gegangen, um sich für einen Asylantrag zu registrieren,
       dreimal habe man ihn weggeschickt. „Sie wollen uns nicht registrieren, wir
       sind zu viele. Sie sagen, ich solle mir einen Anwalt nehmen.“ Wenn er ein
       Visum bekäme, würde er gern in Spanien leben und als Fahrer dort arbeiten,
       sagt er. Aber das Visum sei „für die Reichen, die einen Anwalt bezahlen
       können. Für die Armen ist das hier“, sagt er und nickt Richtung Strand.
       Dass die Regierung die Menschen nun in das Zeltlager bringen wolle, gefällt
       ihm. „Da kann es nur besser sein als hier.“
       
       Ein Geschäft, das seien die Menschen hier, sagt Karim. Marokko habe auf
       jeden Fall die Grenze geöffnet, um Druck auf Spanien zu machen, glaubt er.
       „Die Soldaten haben uns nicht gehindert, die haben uns geholfen.“ Die Tür
       sei mit Absicht aufgemacht worden. [6][„Wir sind eine Handelsware zwischen
       den Staaten], Marokko erpresst Spanien mit uns.“ Und die Europäer gaben sie
       auf. Doch er werde nicht zurückgehen. „Ich kann nicht“, sagt er. „Ich
       brauche nur einen Anwalt.“
       
       9 Sep 2026
       
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