# taz.de -- Rot-Grün-Rot in Berlin: Verhandlungsmasse Antirassismus?
> Die Linken opfern laut antirassistischen Initiativen für die Regierung
> ihre Polizeikritik. Ein Progressivbündnis müsse sich gegen rassistisches
> Law-and-Order stellen.
(IMG) Bild: Sorgt mehr Polizei wirklich für mehr Sicherheit?
In einem offenen Brief fordern zivilgesellschaftliche Initiativen die
Linkspartei auf, in den Koalitionsverhandlungen mit SPD und Grünen für eine
Regierungsbeteiligung nicht ihre Polizeikritik aufzugeben. Den Brief
unterzeichnet haben 20 Organisationen, vor allem aus dem antirassistischen
Spektrum, darunter etwa das Justice Collective, die Kampagne für Opfer
rassistischer Polizeigewalt (KOP) und das Komitee für Grundrechte und
Demokratie.
Mit einem Wahlprogramm gegen Racial Profiling und die Aufrüstung der
Polizei habe die Linke in migrantisch geprägten Kiezen viele Hoffnungen
geweckt, [1][heißt es in dem Brief]. Auch den Organisationen sei vermittelt
worden, die Partei sei „eine verlässliche politische Partnerin im Kampf
gegen rassistische Polizeipraxis“. Doch nun würden diese Überzeugungen im
Rekordtempo aufgegeben. Die Initiativen seien darüber „bestürzt“.
Tatsächlich hatte die Linke in ihrem Wahlprogramm einen Fokus auf die
sozialen Ursachen von Kriminalität gelegt und gefordert, [2][die seit
Jahren ununterbrochen anhaltende Aufrüstung der Polizei] zu stoppen und die
Gelder entsprechend umzuverteilen. Im Sondierungspapier ist dagegen von
einer Polizei mit „guter Ausstattung“ die Rede. Die bestehende
Personalstärke soll beibehalten werden. Auch Maßnahmen gegen Racial
Profiling oder die Absage an KI-Überwachung und „kriminalitätsbelastete
Orte“, wie sie von antirassistischen Initiativen seit Jahren gefordert
werden, sind im Sondierungspapier nicht festgehalten.
## Linke schickt Reformer in Verhandlungen
Es gebe derzeit eine klar rechtspolitisch motivierte mediale Kampagne gegen
die Linken, die sich auch an der Sicherheitspolitik der Partei aufhänge,
sagte Lara Möller vom Justice Collective zur taz. Da müsse die Partei
„Gesicht zeigen und darf nicht einknicken“. Gerade sehe man aber das
Gegenteil: „Die Kompromisse, zu denen man sofort bereit ist, betreffen
antirassistische Forderungen.“ Es zeichne sich ab, dass die Innenpolitik
der künftigen Koalition die Handschrift der SPD trage. „Das wäre
katastrophal, denn die SPD ist seit Jahren für die Law-and-Order-Politik
verantwortlich“, so Möller.
In den Koalitionsverhandlungen werden für den Bereich Inneres bei den
Linken Niklas Schrader und Claudia Engelmann zuständig sein. Ersterer
bringt [3][als langjähriger innenpolitischer Sprecher der Partei] viel
Erfahrung mit – wird aber, ebenso wie Engelmann, dem kompromisswilligen
Parteiflügel zugeordnet. Schrader gehörte einst zum Neuköllner
Bezirksverband, wechselte dann aber – wohl wegen politischer Differenzen –
nach Pankow, dem Heimatverband von Klaus Lederer, der bis zu seinem
Parteiaustritt 2024 als Kopf des Reformerflügels galt. In den
regierungskritischen Teilen der Linken wird Schrader deshalb mit Argwohn
betrachtet.
Möller vom Justice Collective findet indes nicht, dass sich eine
selbstbewusste linke Polizeipolitik verstecken müsste. „Eine gewaltvolle
Institution wie Polizei schafft ja gar keine Sicherheit“, sagt sie. Viel
Kriminalität entstehe etwa durch Wohnungslosigkeit und Armut.
Housing-First-Projekte könnten dagegen sinnvoll sein. Zudem brauche es eine
Instanz, die bei Menschen in psychischen Krisensituationen deeskalierend
eingreifen könne. Auch durch die Entkriminalisierung von Fahren ohne
Fahrschein und Drogenhandel könnten Ressourcen bei der Polizei frei werden,
die für andere soziale Projekte eingesetzt werden könnten.
4 Nov 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.racismontrial.org/de/blog/news/berlin-wahlversprechen
(DIR) [2] /Steigende-Ausgaben-fuer-Berliner-Polizei/!6138267
(DIR) [3] /Berlin-nach-dem-1-Mai/!6008339
## AUTOREN
(DIR) Timm Kühn
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