# taz.de -- Staatskrise in Polen: Heftiger Machtkampf um das Verfassungsgericht entbrannt
> Polens rechtskonservativer Präsident und die Mitte-Links-Regierung
> streiten um die Besetzung des Verfassungsgerichts. Demonstranten belagern
> das Gerichtsgebäude.
(IMG) Bild: Der Präsident des Verfassungsgerichts, Bogdan Swieczkowski, spricht während einer Protestkundgebung vor dem Verfassungsgericht
afp/dpa | In Polen hat sich der Konflikt zwischen der Mitte-Links-Regierung
und [1][dem rechtskonservativen Lager um Staatspräsident Karol Nawrocki] um
das Verfassungsgericht zugespitzt. Vor dem Sitz des Gerichtshofs in
Warschau versammelten sich am Abend hunderte Demonstranten, die
Ministerpräsident Donald Tusk und dessen Regierung einen Angriff auf die
Verfassung und Justiz des Landes vorwerfen. Die Polizei riegelte das
Gebäude ab. Aufgrund der Geschehnisse brach Präsident Nawrocki seine Reise
in den Senegal ab und begab sich noch in der Nacht zu Gesprächen ins
Verfassungsgericht, wo die Wellen weiter hoch schlugen.
Nach der nächtlichen Eskalation hat Nawrocki Politiker aller im Parlament
vertretenen Parteien einbestellt. „Aufgrund der Bedrohung, die auf der
inneren Sicherheit der Republik Polen lastet, berufe ich heute dringende
Konsultationen unter Beteiligung von Vertretern der im Parlament
vertretenen Kräfte ein“, erklärte Nawrocki in einer von seinem
Kabinettschef Pawel Szefernaker am Samstag verlesenen Stellungnahme.
Ausgelöst wurde die Krise durch eine Bekanntmachung auf der Webseite des
Verfassungsgerichts. Dort hieß es, der Gerichtspräsident und sein
Stellvertreter seien von ihren Funktionen entbunden worden – und eine neu
nominierte Richterin übernehme geschäftsführend die Leitung. Doch der
eigentliche Konflikt dahinter wurzelt tiefer.
## Worum geht es bei diesem Streit?
Im Gezerre um das Verfassungsgericht stehen sich die zwei großen
politischen Lager des Landes unversöhnlich gegenüber: Auf der einen Seite
Tusks proeuropäische Bürgerkoalition und ihre Bündnispartner, auf der
anderen Seite [2][die rechtskonservative Oppositionspartei PiS und der ihr
nahestehende Präsident Nawrocki].
Die PiS, [3][die das Land von 2015 bis 2023 regierte], hat das Gericht mit
ihr politisch nahestehenden Richtern besetzt. Der Europäische Gerichtshof
stellte damals fest, das polnische Verfassungsgericht könne aufgrund
gravierender Mängel bei der Ernennung seiner Richter und damaligen
Präsidentin unter Ägide der PiS nicht als unabhängig und unparteiisch
angesehen werden.
Nach Übernahme der Regierungsgeschäfte 2023 machte es sich Tusk zum Ziel,
die umstrittenen Neuerungen der PiS im Justizwesen rückgängig zu machen.
Doch Nawrocki sperrte sich in den vergangenen Monaten dagegen, fünf vom
Parlament nominierte Verfassungsrichter zu vereidigen. Als diese ihren
Amtseid stattdessen vor dem Parlament ablegten, verweigerte ihnen der noch
zu PiS-Zeiten nominierte Gerichtspräsident Bogdan Swieczkowski den Zugang
zum Gebäude.
## Was wollen die Demonstranten vor dem Gericht?
Vor dem Sitz des Verfassungsgerichts demonstrierten Anhänger der
oppositionellen PiS und rechtsradikaler Parteien. Sie sehen die Ablösung
des bisherigen Gerichtspräsidenten als unrechtmäßig an – und werfen der
Regierung genau das vor, was vorher der PiS vorgeworfen wurde: Dass sie
sich die Justiz zum Untertan gemacht habe. Viele Demonstranten machten aber
auch einfach ihrer Abneigung gegen Polens Regierungschef Luft und folgten
anti-deutschen Narrativen der PiS. So skandierten sie: „Tusk nach Berlin!“
und „Hier ist Polen!“. Hintergrund: Polens Rechte stellte Tusk gern als
Marionette der Bundesregierung dar.
Die Details im Machtkampf um das Verfassungsgericht scheinen für viele
Protestierende nebensächlich. „Man muss das Vaterland verteidigen! Die
wollen schließlich das Verfassungsgericht abschaffen“, sagte eine ältere
Frau. Und der Rentner Jerzy (65) befürchtet: „Die Regierung wird bald alle
oppositionellen Parteien verbieten.“ Freilich hatte die PiS während ihrer
Regierungszeit selbst alles dafür getan, staatliche Institutionen, das
Justizwesen und die Medien des Landes auf ihre Linie zu zwingen.
## Warum eskaliert die Lage genau jetzt?
Ins Rollen kamen die jüngsten Geschehnisse durch die Ankündigung der
Richterin Anna Korwin-Piotrowska, der bisherige Gerichtspräsident
Swieczkowski und sein Stellvertreter seien abgelöst und sie selbst werde
die Leitung kommissarisch übernehmen. Swieczkowski wollte das nicht
akzeptieren und sprach von einem Staatsstreich.
Korwin-Piotrowska gehört zu den fünf Verfassungsrichtern, die Nawrocki
nicht vereidigen wollte. Offenbar haben sowohl Tusks Regierung als auch die
von ihr nominierten Verfassungsrichter genug davon, dass die politische
Rechte alles blockiert. Bereits im Mai hatte der Europäische Gerichtshof
für Menschenrechte entschieden, dass die neu nominierten Richter ihre
Arbeit aufnehmen sollen.
Korwin-Piotrowska erklärte nun im Sender TVP, Swieczkowski habe das Gericht
handlungsunfähig gemacht, indem er die neuen Richter nicht zugelassen habe.
Als Dienstälteste habe sie daher für den 3. November eine Sitzung aller
Verfassungsrichter einberufen.
## Was sagt Regierungschef Tusk zur Lage?
Tusk betonte in einer Stellungnahme auf X, es sei die Pflicht seiner
Regierung, die Rechtsstaatlichkeit in Polen wiederherzustellen. „Nach
Jahren der Rechtslosigkeit unter der PiS-Regierung ist dies ein
schwieriger, manchmal schmerzhafter Prozess, der entschlossenes Handeln
erfordert. Es gibt keinen anderen Weg.“
## Droht jetzt eine Staatskrise?
Der Dauerclinch zwischen dem früheren Amateurboxer Nawrocki und
Regierungschef Tusk treibt nicht nur Polens gespaltene Gesellschaft noch
weiter auseinander, sondern hat das Land auch politisch geschwächt. Polen
hat in der EU und Nato eigentlich als wichtiger politischer und
militärischer Verbündeter der von Russland angegriffenen Ukraine an
Bedeutung gewonnen, kann dieses Potenzial auf der internationalen Bühne
aber nicht voll nutzen, da es nicht mit einer Stimme spricht.
Kritiker werfen Nawrocki und der PiS vor, die Auseinandersetzung bewusst zu
eskalieren und das Land in eine Staatskrise zu treiben, da dies vor allem
der Regierung schade. Denn im kommenden Jahr sind Parlamentswahlen – und
die Wähler könnten das Chaos ums Verfassungsgericht und die damit
verbundene Destabilisierung des Staatsgefüges vor allem Tusk zur Last
legen.
Der PiS dagegen dürfte es nützen, wenn sie härtere Bandagen aufzieht. So
kann sie möglicherweise mehr Wähler vom rechtsradikalen Spektrum für sich
gewinnen. Dort ist Nawrocki mit seiner rabiaten Art sehr populär. Und
anders als Tusk hat er viel Zeit: Seine Amtszeit läuft noch bis 2030.
## Walesa versichert Polens Regierungschef seine Unterstützung
Lech Walesa, Friedensnobelpreisträger und ehemaliger Präsident Polens, hat
im eskalierenden Streit um das polnische Verfassungsgericht
Ministerpräsident Donald Tusk seine Unterstützung versichert. „Das
Vaterland ist in Not!“, schrieb Walesa auf seiner Facebook-Seite. „Ich
stehe an Ihrer Seite in der ersten Reihe – ganz gleich, wie die Umstände
sind.“ Er rufe auch seine Mitstreiter „aus unserem gemeinsamen Kampf dazu
auf, unsere Bestrebungen zu unterstützen“, schrieb Walesa.
Walesa hatte im August 1980 den Streik auf der Danziger Lenin Werft
angeführt, der zu Eingeständnissen der kommunistischen Regierung und zur
Gründung der Gewerkschaft Solidarnosc (Solidarität) als erste unabhängige
Gewerkschaft im kommunistischen Machtbereich führte. Der Elektriker mit dem
markanten Schnauzbart wurde damals zum Symbol des polnischen
Freiheitskampfs.
## Zwei Botschafter erklären Rücktritt wegen Krise um Verfassungsgericht
Angesichts der Zuspitzung im Streit um das polnische Verfassungsgericht
haben zwei Botschafter des Landes ihren Rücktritt erklärt. „Angesichts des
Versuchs, das Verfassungstribunal rechtswidrig zu übernehmen, sehe ich
keine Möglichkeit mehr, weiterhin die Funktion als Botschafter der Republik
Polen in Rumänien zu erfüllen“, schrieb Pawel Soloch, Polens Botschafter in
Bukarest, auf der Plattform X.
Wenige Stunden zuvor hatte bereits sein Amtskollege in China, Jakub Kumoch,
ebenfalls auf X erklärt, er habe aufgrund der Ereignisse in Polen erkannt,
dass er nicht länger als Botschafter arbeiten könne. Beide Diplomaten waren
nach Angaben der polnischen Nachrichtenagentur PAP früher Mitarbeiter des
damaligen nationalkonservativen Präsidenten Andrzej Duda.
Duda stand ebenso wie sein Nachfolger Karol Nawrocki der
nationalkonservativen Partei PiS nahe, die Polen von 2015 bis 2023 regiert
und das Gericht mit ihr politisch nahestehenden Richtern besetzt hatte.
Nachdem nach der Parlamentswahl 2023 ein Mitte-Links-Bündnis von
Ministerpräsident Donald Tusk die Regierung übernommen hatte, sollen die
umstrittenen Neuerungen der PiS-Regierung im Justizwesen rückgängig gemacht
werden.
31 Oct 2026
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