# taz.de -- Schwangerschaftsabbruch in Polen: Polens Parlament liberalisiert das Abtreibungsrecht
> Zwei Gesetzentwürfe aus dem Mitte-links-Bündnis von Donald Tusk finden im
> Sejm eine Mehrheit. Jetzt droht ein Veto von Präsident Karol Nawrocki.
(IMG) Bild: Eine kleiner Etappensieg für körperlich Selbstbestimmung
Für die Linke in Polens Regierung ging es bei der Abstimmung über die
Liberalisierung der Abtreibungsgesetze um Sein oder Nichtsein. 2023 hatte
sie sich die Abschaffung des fast totalen Abtreibungsverbots in Polen auf
ihre Fahnen geschrieben. Damit holte sie mit Millionen Frauenstimmen den
Wahlsieg sowohl für sich als auch für [1][die liberalkonservative
Bürgerkoalition (KO) des heutigen Premiers Donald Tusk].
Am Dienstagabend stimmten nun endlich 233 Abgeordnete für die Erlaubnis
eines [2][Schwangerschaftsabbruchs], wenn die Ärzte eine schwere und
irreparable Fehlbildung oder lebensbedrohliche Krankheit des Fötus
diagnostizierten. Diese Regelung galt bereits bis Ende 2020, wurde damals
aber von den teils unrechtmäßig ernannten Verfassungsrichtern aufgehoben
und für ungültig erklärt.
203 Abgeordnete stimmten am Dienstag dagegen. Der zweite Gesetzentwurf, den
die Abgeordneten annahmen, soll Familienangehörige, Freunde und Bekannte
entkriminalisieren, die bei einer Abtreibung helfen. Bislang können sie für
das Besorgen von Adressen und Terminen bei Beratungsstellen, für das
Bestellen von Abtreibungspillen oder auch für Fahrten zu
Abtreibungskliniken im Ausland mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden.
Die Schwangeren selbst müssen sich nicht vor Gericht verantworten. Zurzeit
ist ein Schwangerschaftsabbruch in Polen nur dann legal, wenn eine
Vergewaltigung strafrechtlich nachgewiesen werden kann, die Gesundheit der
werdenden Mutter in Gefahr ist oder ein Fall von Inzest vorliegt.
## Hohe Sterblichkeitsrate bei Schwangeren
Die beiden Gesetzesentwürfe werden nun von der zweiten Kammer des
polnischen Parlaments, dem Senat, beraten und aller Wahrscheinlichkeit nach
gebilligt. [3][Danach landen sie auf dem Schreibtisch des rechtsnationalen
Präsidenten Polens, Karol Nawrocki. Er hat bereits mehrfach angekündigt,
sein Veto gegen eine Lockerung der Abtreibungsgesetze einlegen zu wollen].
Damit würde der Wunsch junger Polinnen auf eine angstfreie Schwangerschaft
in weite Ferne rücken. Werdende Mütter mit einer Risikoschwangerschaft
müssten – wie schon seit sechs Jahren – ins Ausland fahren und sich dort
medizinisch betreuen lassen. Oder sie müssten im Falle von Komplikationen
damit rechnen, zu sterben.
Polens größte Frauenorganisation, „Frauenstreik“, macht immer wieder auf
die vergleichsweise hohe Sterblichkeitsrate bei Schwangeren in Polen
aufmerksam, die durch eine rechtzeitige Abtreibung hätten gerettet werden
können. Die Freude über die vom Sejm verabschiedeten Gesetzesentwürfe, die
den Status quo ante des Jahres 2020 wiederherstellen würden, hält sich
daher in Grenzen.
## Bremsklotz für Reformen
Viele Frauen werfen der Mitte-links-Regierung vor, zu lange mit dieser
Gesetzesinitiative gewartet zu haben. Nicht einmal diskutiert worden sei
die 3-Monats-Fristenlösung, die den Polinnen die Selbstbestimmung über
ihren Körper zurückgegeben hätte, so die Kritik. Diese Fristenlösung sei in
fast ganz Europa Standard, nur in Polen und Malta nicht, den Staaten mit
den europaweit strengsten Abtreibungsregeln.
Dass am Dienstagabend rund die Hälfte der Abgeordneten von der
konservativen Bauernpartei PSL für die Wiederherstellung des Status von
2020 gestimmt hatte, kann den Ärger vieler Polinnen kaum abmildern. Denn
die PSL ist von Anbeginn ein Bremsklotz für soziale Reformen.
2024 zwang sie sogar Donald Tusk zu dem öffentlichen Geständnis, seine
Wahlversprechen, die er gegenüber Millionen Polinnen gemacht hatte, nicht
einhalten zu können. Dass über die Abtreibungsgesetze nun doch im Sejm
abgestimmt wurde, halten viele bereits für den Beginn des Wahlkampfes. 2027
stehen in Polen die nächsten Parlamentswahlen an. Ohne die Stimmen vieler
Frauen stehen die Chancen auf eine Wiederwahl der Mitte-links-Regierung
schlecht.
21 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Gabriele Lesser
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