# taz.de -- Staatskrise in Polen: Kampf um Deutungshoheit
> In Polen eskaliert der Streit um das Verfassungsgericht und weitet sich
> zur Staatskrise aus. Von der Eskalation profitieren die Populisten.
(IMG) Bild: Rechtsnationale vor dem Verfassungsgericht am Samstag in Warschau
Je schlimmer der [1][Machtkampf um das Verfassungsgericht in Polen] wird,
desto besser für den polnischen Präsidenten Karol Nawrocki und die
rechtsnationale Oppositionspartei PiS, die wie zum Hohn „Recht und
Gerechtigkeit“ heißt. Beide – die Partei wie auch der PiS-nahe Präsident –
eskalieren die Situation und tun so, als seien nicht sie die Schuldigen am
verfassungswidrig besetzten Verfassungsgericht, sondern die aktuelle
Mitte-links-Regierung unter Premier Donald Tusk.
Ihren vorläufigen Höhepunkt fand die Eskalation, als [2][Präsident
Nawrocki] in der Nacht zum Samstag gegen ein Uhr mit seinen Bodyguards das
polnische Verfassungsgericht stürmte und versuchte, die dort ausharrenden
Richter zu nötigen, ihm die Schlüssel zum Gericht auszuhändigen. Der
Ex-Boxer drückte dabei sogar die Vorsitzende Richterin gewaltsam beiseite.
Die seit 2023 regierende Mitte-links-Koalition unter [3][Premier Donald
Tusk] versucht seit drei Jahren, den demokratischen Rechtsstaat
wiederherzustellen. Dazu gehört auch das durch die PiS gekaperte
Verfassungsgericht. 15 PiS-loyale Richter hatten dort Gesetze nicht mehr
vorrangig auf ihre Verfassungsmäßigkeit geprüft, sondern auf ihre
Vereinbarkeit mit dem Parteiinteresse der PiS.
Der Europäische Gerichtshof und der Europäische Gerichtshof für
Menschenrechte sprachen deshalb 2025 dem polnischen Verfassungsgericht ab,
den Anforderungen an ein unabhängiges und unparteiisches Gericht im Sinne
des EU-Rechts zu genügen.
Die meisten Polen und Polinnen haben nie mit dem Verfassungsgericht zu tun
und verstehen gar nicht, worum es bei der derzeitigen Eskalation überhaupt
geht. Handelt es sich um einen „Staatsstreich“, wie die PiS immer wieder
behauptet? Oder doch um die „Wiederherstellung des Rechtsstaats in Polen“,
wie Premier Tusk betont?
Der Ausgang dieser Staatskrise ist keineswegs klar. Sie ist auch ein Kampf
um die Deutungshoheit. Sollte sich die PiS mit ihrem Narrativ durchsetzen,
wird die aktuelle Mitte-links-Koalition unter Donald Tusk mit einiger
Wahrscheinlichkeit auch die Parlamentswahlen im nächsten Jahr verlieren.
2 Nov 2026
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## AUTOREN
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