# taz.de -- Anti-Linke-Kampagne und Sieg der AfD: Seid entsetzt, seid geschockt!
       
       > Sachsen-Anhalt bekommt einen rechtsextremen Landtagspräsidenten, die
       > Linke Hass. Ausrasten ist hier angebrachter als ein „War doch klar“.
       
 (IMG) Bild: Einen Blumenstrauß kann man überreichen oder auch nicht: Sven Schulze hat sich dafür entschieden
       
       Es ist nicht peinlich, geschockt zu sein. Und doch kassiert man auf
       Entsetzen immer öfter ein Augenrollen. Aus irgendeinem Grund gilt es als
       cool, möglichst abgeklärt zu reagieren auf den [1][Wahlsieg der AfD in
       Sachsen-Anhalt] oder auf die [2][Stimmen von CDU-Abgeordneten für den
       ersten rechtsextremen Landtagspräsidenten seit 45].
       
       Seid entsetzt, seid geschockt: Denn nichts von dem ist normal. Dass während
       all dem [3][Hetzkampagnen gegen ein mögliches Bündnis von SPD, Grünen und
       Linke in Berlin] gefahren werden. Dass hierfür trotz dem, was in
       Sachsen-Anhalt passiert, überhaupt noch Sendezeit, Zeitungsspalten und
       Kapazitäten im Politikjournalismus frei sind, ist hochgradig irritierend.
       
       Richtig: Mich irritiert, was aktuell um mich herum passiert. Und das,
       obwohl ich seit Jahrzehnten antifaschistische und antirassistische Arbeit
       mache und politisch gut informiert bin. Ich erwähne das, weil ich mich
       frage, ob es genau darum geht: das eigene politische Wissen zur Schau zu
       stellen, wenn den Erschrockenen und Trauernden entgegnet wird: „War doch
       klar!“
       
       Etwas daran ist erst mal faktisch richtig: In Bezug auf die Umfragen war
       das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt keine Überraschung. Dass sich das BSW
       der AfD anbiedert und vonseiten der CDU immer weiter an der Brandmauer
       gerüttelt wird, ist ebenfalls schon eine Weile bekannt. Dass die
       Immobilienlobby und ihre Verbündeten in der Politik gegen eine mögliche
       Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne mobil machen würden, war auch zu
       erwarten.
       
       Doch „erwartbar“ heißt nicht „normal“. „Ich hab’s doch gleich gewusst“ als
       Coping-Strategie – auch Besserwisserei genannt – delegitimiert Aufregung
       und normalisiert damit politische Zustände, die uns alle zum Ausrasten
       bringen sollten. Auch wenn wir Bescheid wissen über Kapitalismus und
       Rassismus.
       
       Und diese „Ich hab’s gewusst“-Haltung kommt nicht nur von den üblichen
       Besserwissern. Was ich beschreibe, wird schnell nur weißen Uni-Linken
       zugeordnet. Doch auch viele Marginalisierte scheinen sich besser zu fühlen,
       wenn sie noch mal deutlich machen, dass sie weder vom Ausmaß noch von der
       Geschwindigkeit des Rechtsrucks überrascht sind. Deren Subtext ist dabei
       allerdings nicht, „weil ich mehr Adorno gelesen hab als du“, sondern „weil
       ich am betroffensten bin“.
       
       Selbstverständlich gibt es unterschiedliche Level theoretischer Bildung
       oder Erkenntnisse aus antifaschistischer Praxis, und es sind auch nicht
       alle gleichermaßen von Ausgrenzung und rechter Gewalt bedroht. Doch wer
       sich die Zukunft nicht so brenzlig vorstellen konnte, wie es die Gegenwart
       nun ist, den beneide ich in manchen Momenten sogar ein bisschen. Und was
       haben wir eigentlich davon, wenn wir uns gegenseitig unter die Nase reiben,
       wer besser darin ist, den Untergang vorauszusagen?
       
       Wenn ihr wisst, wie’s läuft, dann wisst ihr doch auch, dass aus Angst, Wut
       und Empörung mehr in Bewegung kommt als durch Abgeklärtheit und Routine.
       Wenn wir auf dem Weg in die Hölle sind, will ich, dass meine Mitreisenden
       sagen: „Scheiße! Mir brennt der Arsch“, und nicht, dass sie mir erzählen,
       dass sie ja letzte Woche schon geschwitzt haben und dass weitere
       Temperaturerhöhungen auf diesem Wege unausweichlich sind. Diese
       Temperaturen sind unerträglich. Es ist richtig, sich darüber aufzuregen, es
       ist nachvollziehbar, verängstigt zu sein, obwohl man vorher gewarnt wurde.
       
       1 Nov 2026
       
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