# taz.de -- Finanzierung von Wahlversprechen: Eine neue Haushaltspolitik erfordert Mut
> Linke, Grüne und SPD haben viel vor in Berlin. Um die Vorhaben zu
> finanzieren und Kürzungen abzuwenden, müssen sie neue Einnahmen
> generieren – auch unkonventionelle.
(IMG) Bild: Im Sondierungspapier ausgespart: Beschäftigte der Vivantes-Tochterunternehmen protestieren im Februar 2026
Nach turbulenten Unterbrechungen haben Linke, Grüne und SPD [1][ein
Sondierungspapier vorgelegt]. Auch beim umstrittenen Thema Haushalt haben
sich die Parteispitzen geeinigt. Die Kürzungen, die vor Kurzem noch als
unausweichlich beschworen wurden, scheinen zunächst abgewendet. Das ist
erfreulich. Ein Kürzungsprogramm – wie etwa in der Finanzplanung des
aktuellen Senats vorgesehen – wäre fatal für die sozialen Angebote in der
Stadt. Mitten in der Stagnation widersprechen Kürzungen auch der
wirtschaftspolitischen Vernunft.
Doch auf den zweiten Blick zeigt sich: Kürzungen sind noch nicht vom Tisch.
Etwa die verklausulierten „Konsolidierungen“ könnten Kürzungen bedeuten.
Bei den sozialen Einrichtungen soll zwar die Substanz gesichert,
gleichzeitig aber sollen die Ausgaben begrenzt werden. Werden jedoch
Kostenanstiege von Miete, Energie und Personal nicht mehr übernommen, läuft
auch das materiell auf eine Kürzung des Angebots hinaus.
Gleichzeitig wurden Forderungen nach einer Rücknahme vergangener Kürzungen,
prominent am [2][Beispiel der ausgelagerten Töchterunternehmen von Charité
und Vivantes], ausgespart. Hinzu kommen zahlreiche neue Projekte, die den
Druck im Haushalt erhöhen werden, wie beispielsweise der [3][Mietendeckel]
bei den landeseigenen Wohnungsunternehmen oder das Sozialticket im ÖPNV.
Richtig ist: Der Berliner Haushalt steht vor Herausforderungen. Seit 2023
übersteigen die bereinigten Ausgaben die bereinigten Einnahmen – also ohne
Kredite, Rücklagenbewegungen und Verrechnungen mitzuzählen. Dadurch
entsteht ein deutliches Finanzierungsdefizit. 5 Milliarden sollen es
[4][laut der neuen Finanzplanung] des noch amtierenden Finanzsenators
Stefan Evers (CDU) in den kommenden Jahren sein.
Es gibt Handlungsmöglichkeiten
Doch ein nüchterner Blick zeigt: Eine neue Landesregierung kann einiges
tun, um Kürzungen zu vermeiden und eigene Schwerpunkte zu finanzieren.
Allerdings werden im Sondierungspapier nur moderate Mehreinnahmen in Höhe
von 400 Millionen Euro veranschlagt. Der Koalitionsvertrag sollte hier
nachschärfen.
Ein Finanzierungsdefizit im öffentlichen Haushalt ist nicht unbedingt ein
Problem. Der Staat kann – und das ist auch ökonomisch sinnvoll – in
gewissem Maße Kredite aufnehmen oder neue Einnahmen schaffen. Die relevante
Frage ist also: Ist das Defizit gegenfinanziert?
Kürzen ist dabei nur eine Möglichkeit, die Lücke zwischen Einnahmen und
Ausgaben zu schließen. Doch es ist ein Fehler zu glauben, dass kurzfristige
Einschnitte das Problem lösen würden. Vielmehr braucht es eine Strategie,
um die fiskalische Handlungsfähigkeit des Landes längerfristig zu stärken.
Zwar ist es richtig, dass die Spielräume der Landesregierung begrenzt sind.
Die wichtigsten Steuern, zum Beispiel die Einkommens- oder Erbschaftsteuer,
kann nur die Bundesebene verändern. Außerdem schränkt die Schuldenbremse
die Kreditaufnahme ein und der Großteil der Ausgaben ist im Haushalt fest
gebunden, etwa bei Tariflöhnen, bestimmten Sozialleistungen oder Zinsen.
## Auf der Einnahmenseite ist einiges möglich
Doch trotz aller Begrenzungen [5][ist der Haushalt auch auf Landesebene
formbar]. Eine Landesregierung hat mehrere Möglichkeiten, ihre eigene
fiskalische Handlungsfähigkeit zu stärken. Ein paar Beispiele:
Auf der Einnahmenseite kann das Land Berlin unter anderem die Sätze für die
Grunderwerbsteuer und Gewerbesteuer anpassen. Allein durch Angleichung der
Grunderwerbsteuer und des Hebesatzes bei der Gewerbesteuer auf
Brandenburger Niveau sind Mehreinnahmen von etwa 570 Millionen Euro pro
Jahr zu erwarten. In anderen Kommunen existieren teilweise sogar deutlich
höhere Sätze.
Weitere unkonventionelle, progressiv gestaltete Abgaben können die
Einnahmebasis stärken. Ein Beispiel ist der Mobilitätspass nach
Baden-Württemberger Vorbild, der den ÖPNV günstiger macht und sich über
eine Arbeitgeber-Abgabe finanziert.
Darüber hinaus gibt es auch unter den bestehenden Schuldenregeln
Möglichkeiten, die Kreditfinanzierung – wo ökonomisch sinnvoll –
auszuweiten. Ein Ansatzpunkt ist die Finanzierung von Investitionen durch
finanzielle Transaktionen. Im Zuge der Investitionsoffensive der
vergangenen Jahre wurden bereits die naheliegenden Fälle auf diese
schuldenbremsenneutrale Finanzierungsform umgestellt. Eine punktuelle
Ausweitung ist möglich – und angesichts des großen Nachholbedarfs bei den
öffentlichen Infrastrukturen auch sinnvoll.
## Kompatibel mit der Schuldenbremse
Im Oktober 2025 hat außerdem der Bremer Staatsgerichtshof erstmals eine
Deutung der Notlage vorgelegt, die eine Neuverschuldung für Klimamaßnahmen
als Ausnahmefall von der Schuldenbremse grundsätzlich ermöglicht.
Zuletzt kann das Land Berlin auch die Berechnungsmethode der
Konjunkturkomponente verändern. Die Konjunkturkomponente bestimmt, wie
viele Kredite zum Ausgleich konjunktureller Schwankungen unter Einhaltung
der Schuldenbremse aufgenommen werden können. Je nach Verfahren und
wirtschaftlicher Entwicklung entstehen allerdings sehr unterschiedliche
Spielräume. In den vergangenen Jahren haben einige Länder, etwa Thüringen
und Brandenburg, neue Verfahren gewählt und dadurch Spielraum gewonnen.
Diese Optionen zusätzlicher Kreditfinanzierung sind kompatibel mit der
Schuldenbremse. Die dafür aufgenommenen Kredite erhöhen aber den
Schuldenstand und die künftigen Zinszahlungen des Landes. Doch insgesamt
sind wir weit entfernt von dem belastend hohen Niveau der frühen 2000er
Jahre, als Berlin Zinsen in Höhe von fast 20 Prozent der Steuereinnahmen
entrichten musste. Der Anstieg der Zinsausgaben ist vor allem durch die
höheren Refinanzierungskosten der Altschulden bedingt, während eine
moderate Ausweitung der Kredite nur leicht ins Gewicht fallen würde.
Ob der erwartbare Anstieg der Zinskosten tatsächlich den Stabilitätsrat von
Bund und Ländern auf den Plan rufen würde, ist ungewiss. Dieses Gremium
überwacht die Verschuldung der Bundesländer durch vier Kennziffern, die als
Relation zum Durchschnitt der Werte aller Bundesländer ausgedrückt werden.
Da viele Bundesländer derzeit ihre Verschuldung ausweiten, steigen
mittelfristig auch die als auffällig definierten Schwellenwerte.
Die Haushaltslage birgt Risiken. Doch auch im Rahmen der engen
landesrechtlichen Möglichkeiten gibt es Ansatzpunkte, um die fiskalische
Handlungsfähigkeit zu stärken. Manche dieser Ansatzpunkte sind neu, manche
erfordern etwas Mut. Je nach Ausgestaltung und Konjunktur kann man
Kürzungen vielleicht nicht komplett vermeiden, aber doch erheblich
reduzieren.
Statt die Erwartungen jetzt schon möglichst klein zu halten, sollte es nun
um die besten Vorschläge gehen, wie sich die öffentlichen Finanzen im Sinne
der Wählerinnen und Wähler gestalten lassen. Das hatten alle drei Parteien
in ihren Wahlprogrammen versprochen. Das Gesamtbild der Möglichkeiten
zeigt: Was finanziell möglich ist, ist kein Naturgesetz – sondern eine
politische Entscheidung.
27 Oct 2026
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