# taz.de -- Regieren mit Geldnot: „Villen werden nicht in andere Bundesländer abwandern“
       
       > Was kann ein linker Senat bei einem riesigen Haushaltsloch – wie in
       > Berlin – tun? Zum Beispiel Luxusimmobilien besteuern, meint Finanzexperte
       > Carl Mühlbach.
       
 (IMG) Bild: Den Berliner:innen ein bezahlbares Leben zu ermöglichen, ist für Carl Mühlbach als Ziel „richtig und sinnvoll“
       
       taz: Carl Mühlbach, Berlins nächster Senat steuert auf ein riesiges
       Haushaltsloch zu. Droht eine Wiederkehr der Sparpolitik der Sarrazin-Jahre
       der frühen 2000er, als gespart wurde, „bis es quietscht“? 
       
       Carl Mühlbach: Das hängt davon ab, welche Parteien diesen Senat bilden.
       Wenn es Parteien sind, die von sich aus eine Freude am Kürzen haben, dann
       könnte es auch wieder quietschen. Wenn es welche sind, die einen Fokus auf
       eine starke Daseinsvorsorge und ein lebenswertes bezahlbares Berlin legen,
       gehe ich davon aus, dass es deutlich weniger quietscht. Es gibt auch noch
       genügend Scharniere zu ölen.
       
       taz: [1][Die Haushaltslücke beträgt allein für 2027 6,3 Milliarden Euro.]
       Anders als im letzten Doppelhaushalt stehen keine Rücklagen oder
       Sondervermögen mehr zur Verfügung, um sie zu stopfen. Lässt sich das ohne
       Sparmaßnahmen überhaupt bewältigen?
       
       Mühlbach: Es besteht auf jeden Fall Handlungsbedarf für die kommende
       Landesregierung. Dass sie Sparmaßnahmen durchsetzen muss, kann man leider
       nicht ausschließen. Aber ein nie da gewesener Sparhaushalt wird aller
       Voraussicht nach nicht anstehen. Nur ein Beispiel: Die Erfahrung zeigt,
       dass die Mittel für Investitionen selten vollständig abfließen und verbaut
       werden. Damit steht ein Teil wieder für Folgejahre zur Verfügung, was bei
       der Haushaltsaufstellung hilft.
       
       taz: Apropos Sondervermögen. Schwarz-Rot hat den gesamten Betrag von 5
       Milliarden Euro, der eigentlich für die nächsten 12 Jahre angedacht war, im
       aktuellen Doppelhaushalt verplant. Ein beachtlicher Teil der jährlich rund
       44 Milliarden im Doppelhaushalt 2028/29 steht damit nicht mehr zur
       Verfügung. Ist das nicht extrem kurzsichtig? 
       
       Mühlbach: Der Senat setzt einen Fokus darauf, die Investitionstätigkeit
       auszuweiten, das finde ich gut. Die Mittel aus dem Sondervermögen zu
       verbuchen, ist richtig, weil wir unsere Infrastruktur zeitnah modernisieren
       und unsere Daseinsvorsorge verbessern müssen. Gleichzeitig gab es natürlich
       auch Dissens und zum Teil berechtigte Diskussionen über Einzelprojekte.
       
       taz: Was sagen Sie zum Vorwurf, dass an falscher Stelle gespart wurde?
       [2][Besonders die Kultur ist von Kürzungen betroffen], auch viele
       Sozialprojekte wurden trotz Rekordhaushalts nicht verlängert. 
       
       Mühlbach: In der Tat betrachte ich die Kürzungen als höchst problematisch.
       Die Kultur macht Berlin aus und ist ein ganz wichtiger Standortvorteil.
       Dasselbe gilt für Investitionen und Ausgaben für Wissenschaft und Bildung.
       Da ist Kürzen enorm kurzsichtig, allein aus ökonomischer Sicht. Auch
       Sozialprojekte erfüllen oft eine zentrale Funktion, damit das Zusammenleben
       gelingt. Ich würde mir wünschen, dass man einen Weg findet, das auch weiter
       finanzieren zu können.
       
       taz: Wie soll das gelingen, ohne eine immer größeres Haushaltsdefizit in
       Kauf zu nehmen? 
       
       Mühlbach: Die Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben ist den letzten Jahren
       stark gewachsen, hat aber 2026 einen Höhepunkt erreicht. Das Defizit wird
       nicht weiter wachsen, sondern im kommenden Doppelhaushalt 2028/29 ähnlich
       groß sein und dann sinken.
       
       taz: Wie kommen Sie darauf? 
       
       Mühlbach: Die Stimmung in der Wirtschaft wird deutlich besser. Bei den
       Exporten stehen wir am Anfang eines sanften Aufschwungs. Wir hatten in den
       letzten Jahren enorm viel Pech mit zahlreichen Krisen, aber wenn da nicht
       wieder etwas Unvorhergesehenes passiert, erwarte ich, dass die Konjunktur
       anzieht. Dann werden die Einnahmen wachsen, und das Aufstellen guter
       Haushalte wird leichter fallen. Das heißt natürlich nicht, dass kein
       Handlungsbedarf bestünde, gerade auf der Einnahmenseite.
       
       taz: Welchen Spielraum sehen Sie da? Immerhin lassen sich viele Steuern nur
       auf Bundesebene erhöhen.
       
       Mühlbach: Steuerlich gibt es durchaus einige Möglichkeiten: Man könnte den
       Gewerbesteuersatz erhöhen, man könnte die Grunderwerbsteuer von 6 Prozent
       auf 6,5 Prozent wie in Brandenburg erhöhen. Es wäre auch denkbar, Villen
       und Luxusimmobilien zu besteuern. Es ist unwahrscheinlich, dass Villen von
       Berlin in andere Bundesländer abwandern.
       
       taz: Besonders die Linke prescht im Wahlkampf vor und verspricht Berlin
       „wieder bezahlbar zu machen“: Mietendeckel für landeseigene
       Wohnungsunternehmen, Einfrieren der ÖPNV-Tarife. Das ist alles sinnvoll,
       kostet aber Geld. Sind solche Versprechen realistisch? 
       
       Mühlbach: Die genannten Maßnahmen zielen darauf ab, den Berliner:innen
       ein bezahlbares Leben zu ermöglichen. Das finde ich als Ziel richtig und
       sinnvoll. Es wird nicht möglich sein, alle dieser Maßnahmen umzusetzen,
       aber dann wird die Linke halt priorisieren müssen.
       
       taz: Es gibt auch Stimmen, die sagen, die Linke sollte lieber in der
       Opposition bleiben, als durch Sparpolitik die Wähler:innen zu
       enttäuschen und am Ende nur die AfD zu stärken. Wie sehen Sie das?
       
       Mühlbach: Es ist deutlich leichter, die Herzen der Menschen zu erreichen,
       wenn man in der Opposition ist und frei fordern kann. Wenn man in der
       Verantwortung ist, werden Sachen deutlich komplizierter. Nichtsdestotrotz
       erwarte ich von einer Partei, die ein Wahlprogramm mit Forderungen
       aufstellt, dass sie versucht, diese auch in einer Regierung umzusetzen.
       
       taz: Sind die Parteien da ehrlich im Wahlkampf? Wäre es nicht besser, die
       finanziellen Herausforderungen besser zu kommunizieren? 
       
       Mühlbach: Ich hoffe sehr, dass am Ende alle klug genug sind, nicht zu viele
       Versprechungen zu machen, die sie nicht einhalten können.
       
       taz: Bei Diskussionen über die Erhöhung der Einnahmeseite stößt man schnell
       auf die Grenzen, die dem Land durch Bundeskompetenzen gesetzt werden. Wie
       müssten sich die Rahmenbedingungen auf Bundesebene ändern, um eine
       zukunftsfähige Finanzpolitik zu gestalten? 
       
       Mühlbach: Wir haben in Deutschland das Problem, dass Vermögen einen extrem
       kleinen Beitrag an der Finanzierung des Gemeinwohls leisten. Im
       internationalen Vergleich ist Deutschland fast schon eine Steueroase für
       Vermögen. Dagegen belegen wir Arbeitseinkommen relativ hoch mit Steuern und
       Abgaben. Wir haben zum Beispiel extreme Gerechtigkeitslücken in der
       Erbschaftsteuer. Obwohl sie vom Bund festgesetzt wird, ist die
       Erbschaftssteuer eine Ländersteuer und würde die Finanzlage der Länder
       deutlich verbessern.
       
       taz: Berlin setzt viel auf Schulden, insbesondere über landeseigene
       Unternehmen, die am Haushalt vorbei Kredite aufnehmen. Ist das eine gute
       Entwicklung oder hat das auch Gefahren? 
       
       Mühlbach: Aus ökonomischer Sicht ist es sinnvoll, Schulden aufzunehmen, um
       Investitionen zu tätigen. Das rentiert sich, weil diese Investitionen
       wieder Wachstum erzeugen. Deshalb finde ich es gut, wenn das Land Berlin
       Investitionen organisiert, unabhängig davon, ob das aus dem Kernhaushalt
       stattfindet, mit den Mitteln des Sondervermögens oder über
       Landesunternehmen und öffentliche Investitionsgesellschaften.
       
       taz: Der Berliner Unternehmerverband hat errechnet, dass Berlin bis 2035
       einen Investitionsbedarf von 105 Milliarden hat. Um das zu finanzieren,
       schlug der Verband vor, auf private Investitionen in Infrastruktur zu
       setzen. Was halten Sie von dieser Idee? 
       
       Mühlbach: Daseinsvorsorge und Infrastruktur sind öffentliche Aufgaben, die
       öffentlich finanziert werden sollten. Unterm Strich ist das deutlich
       günstiger, schließlich muss keine Rendite aus diesen Investitionen
       herausgepresst werden. Deshalb empfehle ich, den Investitionsbedarf so
       stark wie möglich mit öffentlichen Mitteln zu decken. Sollte es keine
       Möglichkeit geben, einzelne Investitionen öffentlich zu finanzieren, wäre
       es natürlich trotzdem sinnvoller, diese Investitionen mit privatem Kapital
       zu tätigen als überhaupt nicht.
       
       taz: Wie sinnvoll ist die Enteignung großer Wohnungsunternehmen aus
       finanzpolitischer Sicht? [3][Ein großes Argument der Gegner ist, dass
       Berlin sich das nicht leisten kann.]
       
       Mühlbach: Wenn man große Wohnungsunternehmen enteignet, müsste man ihnen
       eine Entschädigung zahlen. Das kostet Geld. Gleichzeitig würde man die
       enteigneten Immobilien erwerben und hätte also einen Gegenwert. Trotzdem
       wäre eine solche Enteignung in unserer Zeit beispiellos. Das geht mit
       vielen Risiken einher. Wie stark dadurch etwa die private
       Investitionstätigkeit im Bausektor einbricht, kann man leider nicht
       prognostizieren.
       
       1 Sep 2026
       
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