# taz.de -- Militärstrategien von USA und Iran: Wie alte Mythen neue Kriege legitimieren
> Vom antiken Persien bis Kerbela: Washington und Teheran nutzen
> historische Erzählungen, um den Gegner zu dämonisieren und Unterstützung
> zu mobilisieren.
(IMG) Bild: Vor der Kulisse der Akropolis in Athen appellierte US-Außenminister Marco Rubio an die „Werte des antiken Griechenlands“
Seit Beginn des [1][Konflikts zwischen den USA und Iran] greifen politische
Entscheidungsträger in beiden Ländern immer wieder auf Geschichte und
Mythologie zurück, um ihre jeweiligen Narrative zu untermauern. Ein
Beispiel dafür ist die Rede des US-Außenministers Marco Rubio in
Griechenland. Aber auch iranische Regierungsvertreter berufen sich auf
historische Widerstandserzählungen und die religiösen Traditionen der
schiitischen Gemeinschaft.
Beide Seiten knüpfen dabei an kollektive Erinnerungen und historische
Mythen an, um emotionale Identifikation zu erzeugen und ihre politischen
sowie [2][militärischen Ziele zu legitimieren]. Die Narrative dienen nicht
nur dazu, das eigene Handeln zu rechtfertigen, sondern auch, den Gegner als
Bedrohung darzustellen.
Vor der Kulisse der Akropolis in Athen erinnerte US-Außenminister Marco
Rubio Anfang Oktober an den Feldzug des persischen Königs Xerxes im Jahr
480 v. Chr. und die anschließende Brandschatzung der Akropolis durch das
persische Heer. Der US-Außenminister warnte zugleich vor einem „Niedergang
der westlichen Zivilisation“ und appellierte an die europäischen Staaten,
zu den „Werten des antiken Griechenlands“ zurückzukehren und an der Seite
der USA zu stehen.
Bereits zuvor hatten Donald Trump und weitere Vertreter des Weißen Hauses
die „iranische Zivilisation“ ins Visier genommen und sie als
unzivilisierten Gegenpol zur westlichen Welt dargestellt. Diese Erzählung
steht in eklatantem Widerspruch zu den Narrativen vor dem Kriegsausbruch,
als die USA vorgaben, [3][die iranischen Protestierenden] im Kampf gegen
die Diktatur des Regimes zu unterstützen.
## Wandel in der US-Strategie
Damals planten die USA gemeinsam mit Israel einen Angriff auf Iran, [4][der
dann auch erfolgte]. Doch mit der Schließung der Straße von Hormus und der
Aktivierung iranischer Stellvertreterkräfte vollzog sich ein Wandel in der
US-Strategie: In der öffentlichen Rhetorik rückten nun die militärische
Bedrohung und die Mobilisierung internationaler Unterstützung stärker in
den Vordergrund, während [5][Menschenrechtsverletzungen und die
Unterdrückung von Protesten] an Bedeutung verloren.
In diesem Szenario wird dem westlichen Publikum – ähnlich wie im Skript
eines Hollywood-Blockbusters – eine fortbestehende mythische Gefahr aus
einem fernen Land präsentiert, deren Beseitigung das Erscheinen eines neuen
Alexander erfordert, um Iran erneut zu unterwerfen.
Die Anspielung auf Alexander den Großen, der das Achämenidenreich eroberte,
verleiht dieser Erzählung eine historische Dimension: Der heutige Konflikt
erscheint so als Fortsetzung eines uralten Gegensatzes zwischen
Griechenland beziehungsweise dem Westen und Persien beziehungsweise Iran.
Dabei werden zwei historisch völlig unterschiedliche politische Ordnungen
miteinander verknüpft.
Ein Vergleich mit der Rhetorik George W. Bushs während der Invasionen im
Irak und in Afghanistan verdeutlicht diese Transformation: Während Bush
nach dem 11. September 2001 mit dem Begriff der „Kreuzzüge“ explizit auf
den Gegensatz zwischen Christentum und Islam setzte, kann die
Trump-Regierung diesen Begriff heute nicht mehr nutzen, um [6][die
arabischen Bündnispartner] nicht vor den Kopf zu stoßen. Iran muss daher
rhetorisch isoliert und vom Rest der arabisch-islamischen Welt getrennt
werden.
## Ein Narrativ, das Niederlagen in Siege verwandelt
Gegenüber den Narrativen der USA setzt das iranische Regime sein eigenes
übergeordnetes Narrativ ein, das sich sowohl an die heimische Bevölkerung
als auch an die Gesellschaften der Region richtet: die Geschichte von Imam
Hussein, dem dritten Imam der Schiiten, der im Jahr 680 n. Chr. in der
Schlacht von Kerbela gegen die Truppen des Umayyadenkalifen Yazid I. fiel.
Hussein widersetzte sich Yazids Herrschaft und wurde zusammen mit einigen
seiner Angehörigen und Gefährten getötet. In der schiitischen Tradition
gilt sein Tod als Martyrium. Er wurde zu einem wichtigen Symbol für den
Widerstand gegen ungerechte Herrschaft und dafür, auch in großer Gefahr zu
den eigenen Überzeugungen zu stehen. Das Regime nutzt diese religiöse
Erinnerung seit Jahrzehnten, um Niederlagen als moralische Siege und Opfer
als Zeichen historischer Standhaftigkeit darzustellen.
Seit Beginn des [7][von den USA und Israel begonnenen Krieges] beschwören
iranische Amtsträger und Militärs kontinuierlich diese „Hussein-Bewegung“.
Mithilfe dieses Narrativs kann das Regime militärische und politische
Rückschläge als vorübergehend und letztlich als Siege umdeuten – selbst die
gezielte Tötung hochrangiger Führungsfiguren wie Ali Khamenei, der in
dieser Erzählung die Rolle des Märtyrers einnimmt.
In dieser Logik gelten nicht nur der Westen und Israel als Feinde, sondern
auch die sunnitisch geprägten arabischen Golfstaaten – entsprechend der
religiösen Zugehörigkeit jener Kalifen, die für den Tod Husseins
verantwortlich gemacht werden.
## Die Zivilbevölkerung wird zum Märtyrer im heiligen Krieg
Angriffe auf diese Staaten werden gegenüber der eigenen Anhängerschaft als
Teil eines „heiligen Krieges“ legitimiert. Zugleich sieht sich das Regime
keineswegs in der Pflicht, die Zivilbevölkerung vor US-Angriffen zu
schützen; getötete Bürger*innen werden vielmehr als Symbole des Leidens
und des Widerstands inszeniert, um kollektive Emotionen zu mobilisieren.
Selbst die [8][wirtschaftliche und militärische Belagerung] durch die USA
wird mit der historischen Abriegelung des Zugangs zu Wasser für Hussein und
seine Gefährten in Kerbela verglichen.
Dieses übergreifende Narrativ richtet sich jedoch nicht nur gegen äußere
Feinde. Trotz der blutigen Niederschlagung der Proteste im Januar 2026
[9][sieht das Regime weiterhin eine erhebliche Bedrohung] durch die eigene
Bevölkerung. Daher werden Kundgebungen von Regimeanhängern unter dem Motto
„Freiwilliges Selbstopfer“ organisiert, um den öffentlichen Raum zur Bühne
für Kampfansagen an Regierungskritiker zu machen.
Dieses Denkmuster geht mittlerweile so weit, dass zahlreiche iranische
Demonstranten berichtet haben, bei Verhören in Haft von Vernehmungsbeamten
als „Ungläubige“ oder „Mörder des Imams“ bezeichnet worden zu sein.
Mit dieser narrativen Strategie deutet das iranische Regime militärische
Niederlagen, wirtschaftlichen Druck, gesellschaftliche Unzufriedenheit und
strategische Fehlentscheidungen um. So kann es seine Anhänger mobilisieren,
seine Stellvertretermilizen im Ausland ideologisch bestärken und die
[10][Repression gegen innenpolitische Gegner] als Teil eines umfassenderen
Kampfes darstellen.
26 Oct 2026
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