# taz.de -- Wahlkampf im US-Bundesstaat Michigan: Abdul El-Sayed auf den Spuren von Barack Obama
       
       > Ausgerechnet im Arbeiterstaat Michigan setzen die Demokraten für die
       > Senatswahl auf einen jungen linken Muslim. Es ist eine riskante
       > Strategie.
       
 (IMG) Bild: Abdul El-Sayed mit Ex-Präsident Barack Obama und Jocelyn Benson, der demokratische Kandidatin bei der Gouverneurswahl in Michigan in Detroit
       
       Zu den Klängen von Tupac Shakurs „Changes“ läuft [1][Abdul El-Sayed] in das
       prall gefüllte Auditorium der Cass Technical High School in Detroit ein.
       Gleich zu Beginn der Rally an diesem sonnigen Samstag wirft der 41-jährige
       Kandidat der US-Demokraten [2][für den Bundesstaat Michigan] sein dunkles
       Jackett beiseite und krempelt die Hemdsärmel hoch. „Geld raus aus der
       Politik, Geld in eure Taschen, Medicare für alle“ – seinen Slogan skandiert
       er gemeinsam mit der jubelnden Menge.
       
       „Es sollte im reichsten und mächtigsten Land der Weltgeschichte nicht so
       schwer sein, sich eine zweite Tüte Lebensmittel zu leisten, den Tank zu
       füllen, seine Miete oder Hypothek zu bezahlen oder einen Arzt zu sehen“, so
       El-Sayed. „Und es sollte nicht so schwer sein, deine Steuern zu bezahlen
       und zu wissen, dass sie für dich und deine Kinder ausgegeben werden und
       nicht dafür, Bomben über anderen und deren Kindern abzuwerfen.“
       
       Als Abdul El-Sayed Anfang August [3][die Vorwahl der US-Demokraten zur
       Senatswahl in Michigan für sich entschied], ging ein Raunen durch das
       Parteiestablishment. Lange galt, dass in dem Arbeiterstaat, Herz der
       Autoindustrie, der zwei Mal für Donald Trump gestimmt hat, die Demokraten
       nur mit konservativen Kandidaten gewinnen können.
       
       Doch El-Sayed, geboren in einem Vorort von Michigans größter Stadt Detroit
       als Sohn ägyptischer Eltern, konnte mit seiner scharfen Opposition zu
       Trump, dessen unpopulärem Krieg in Iran und den damit verbundenen hohen
       Benzinpreisen punkten. Der 41-jährige Mediziner mit Abschlüssen von Oxford
       und Columbia, der die Gesundheitsministerien in Detroit und Wayne County
       geleitet hat, will die gesetzliche Krankenversicherung Medicare, die bisher
       nur Senioren und Menschen mit Behinderung erhalten, auf alle
       Amerikaner:innen ausweiten.
       
       ## Der erste muslimische Senator der USA?
       
       Michigan ist als Swing State besonders wichtig für den Ausgang der
       US-Midterms. Sollte El-Sayed [4][die Senatswahl am 3. November] gewinnen,
       wäre er der erste muslimische Senator in der Geschichte der USA – und
       zusammen mit der Demokratin [5][Elissa Slotkin] säßen dann für Michigan
       eine jüdische Frau und ein muslimischer Mann im Senat.
       
       „Ich liebe den Typen“, sagt Kameramann Abbas über El-Sayed. Der 23-Jährige
       steht vor seinem SUV auf dem Parkplatz des Islamic Center of America in
       Dearborn, der größten Moschee der USA. Hinter ihm ragt eine goldene Kuppel
       mit Halbmond und zwei Minaretten in den blauen Himmel. Davor weht die
       amerikanische Flagge. „Die Benzinpreise sind gerade sehr hoch, Lebensmittel
       sind teuer. Wenn er die Preise senken könnte, fände ich das großartig.“
       
       Dass El-Sayed wie er Muslim ist, spielt für Abbas keine besondere Rolle.
       Michigan ist der Staat mit der größten arabischen Minderheit in den USA. In
       Dearborn ist jede zweite Person muslimischen Glaubens. 2019 wurde hier
       Rashida Tlaib, eine Tochter palästinensischer Eltern, als eine der ersten
       beiden weiblichen muslimischen US-Kongressabgeordneten gewählt.
       
       ## Wie Mamdani, aber nicht ganz
       
       Abdul El-Sayed geht offensiv mit seiner Herkunft um. Er kann gut reden,
       tritt selbstsicher auf und hat immer einen Witz auf den Lippen. Anders als
       die meisten US-Politiker nimmt er keine direkten Spenden aus der Wirtschaft
       an, sondern setzt auf viele Kleinspenden. Ein bisschen erinnert er an den
       [6][New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani]. Doch es gelingt ihm
       anscheinend weniger, ein echtes Wir-Gefühl zu schaffen.
       
       Schwarze Wähler:innen spielen in Michigan eine wichtige Rolle. Etwa drei
       Viertel der Bevölkerung von Detroit sind Schwarz. Auch in kleineren Städten
       wie Flint, dem Geburtsort des Automobilriesen General Motors, stellen
       Afroamerikaner:innen die Mehrheit. El-Sayed nennt sie aber nur selten
       beim Namen. Er spricht von „diesen Communities“ oder „jenen Leuten“. Auch
       in den Forderungen nach Gleichbehandlung und Antirassismus auf der Website
       seiner Kampagne werden Schwarze kaum direkt genannt.
       
       Stattdessen scheint der Nahostkonflikt zu einem entscheidenden Schauplatz
       des Wahlkampfes zu werden. El-Sayed kritisiert Israels Vorgehen in Gaza
       scharf und will Waffenlieferungen an den US-Verbündeten einstellen. Diese
       Positionen haben ihm in linken Kreisen, viel Sympathie eingebracht. Doch
       sie liefern auch Angriffsfläche.
       
       ## „Fuck Palestine“
       
       Vor der Rally in Detroit hat sich eine kleine Gruppe Demonstranten mit
       US-Flaggen versammelt. „Fuck Palestine“, brüllt ein Mann mit verspiegelter
       Sonnenbrille und schusssicherer Weste immer wieder. „Fuck you Muslims, go
       home“, schreit ein anderer über ein Mikrofon.
       
       Für Kontroversen sorgten El-Sayeds Kontakte zum antizionistischen Streamer
       Hasan Piker und dessen Aussage, die USA hätten den 11. September
       „verdient“. El-Sayeds republikanischer Gegner im Rennen um den Senatssitz,
       der ehemalige FBI-Agent und Multimillionär [7][Mike Rogers], lässt keine
       Gelegenheit aus, um den Demokraten in die Nähe von Terroristen und der
       islamistischen Muslimbrüderschaft zu rücken. Die Israel-Lobbyorganisation
       AIPAC (American Israel Public Affairs Committee) investierte beispiellose
       30 Millionen Dollar in den Primary-Wahlkampf von [8][Haley Stevens], die
       bei den Vorwahlen der Demokraten gegen El-Sayed unterlag.
       
       Auch Präsident Trump persönlich nannte El-Sayed mehrfach einen
       Dschihadisten und machte Witze über seinen zweiten Namen: Mohamed.
       Hintergrund ist ein offener Brief an den ehemaligen ägyptischen Präsidenten
       [9][Mohamed Mursi] von den Muslimbrüdern, den El-Sayed 2012 als Student
       unterzeichnet hatte. Außerdem hat seine Mutter, bei der er allerdings nicht
       aufwuchs, in der Vergangenheit für eine inzwischen in den USA als
       terroristisch eingestufte NGO gearbeitet.
       
       Solche Vorwürfe verfangen in der Bevölkerung. Fragt man die Menschen auf
       den Straßen von Detroit oder Flint, hört man neben viel Zustimmung für
       El-Sayed immer wieder, man habe „schlimme Dinge“ über den Kandidaten
       gehört.
       
       ## Ein Ass hat El-Sayed noch im Ärmel
       
       El-Sayeds Vorsprung in den Umfragen, zeitweise satte sieben Prozentpunkte,
       ist zuletzt geschrumpft. An diesem vorletzten Wochenende vor der Wahl
       zaubert Team Abdul noch ein Ass aus dem Ärmel – den ehemaligen Präsidenten
       Barack Obama.
       
       El-Sayed hatte Obama in der Vergangenheit immer wieder kritisiert, unter
       anderem wegen seiner Drohnenangriffe auf Pakistan und Jemen. Bei der Rally
       in Detroit aber signalisieren beide Einigkeit. Obama spricht lange über
       Korruption, über Donald Trump, der sich als Präsident bereichere, und
       darüber, wie sich Durchschnittsamerikaner:innen keine Häuser und
       Krankenversicherung mehr leisten können.
       
       „Wann immer sich eine Bewegung formiert, die dieses kaputte System infrage
       stellt, werden die Menschen, die vom Status quo profitieren, alles sagen
       und tun, um sie aufzuhalten“, ruft der Ex-Präsident. „Sie werden Lügen
       nutzen, sie werden Angst nutzen und manchmal nutzen sie sogar deinen
       Namen.“ Er selbst kenne das nur zu gut. „Das hat bei mir nicht
       funktioniert, nicht in Michigan, und bei Abdul wird es auch nicht
       funktionieren!“ Die Menge skandiert: „Abdul, Abdul, Abdul!“
       
       Die Recherche wurde durch ein Daniel-Haufler-Stipendium der taz
       panterstiftung ermöglicht.
       
       25 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://en.wikipedia.org/wiki/Abdul_El-Sayed
 (DIR) [2] https://en.wikipedia.org/wiki/2026_United_States_Senate_election_in_Michigan
 (DIR) [3] /Linker-gewinnt-Parteiwahl-in-Michigan/!6198887
 (DIR) [4] https://en.wikipedia.org/wiki/2026_United_States_Senate_election_in_Michigan
 (DIR) [5] https://en.wikipedia.org/wiki/Elissa_Slotkin
 (DIR) [6] /Buergermeisterwahl-in-New-York/!6138516
 (DIR) [7] https://en.wikipedia.org/wiki/Mike_Rogers_(Michigan_politician)
 (DIR) [8] https://en.wikipedia.org/wiki/Haley_Stevens
 (DIR) [9] /Mohammed-Mursi/!t5007475
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fabian Schroer
       
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