# taz.de -- Regisseur über Polarisierung in den USA: „Den Leuten steht das Wasser bis zum Hals“
       
       > Filmemacher Tim Boehme zeigt in seiner Doku „Under Pressure“, wie
       > gespalten die Gesellschaft in den USA ist. Trump habe das Land nachhaltig
       > verändert.
       
 (IMG) Bild: Grundsätzlich freiheitsliebend: No-Kings-Protest in Washington D. C
       
       taz: Tim Boehme, was haben die Midterms in den USA mit uns zu tun? 
       
       Tim Boehme: Grundsätzlich hat das, was in den USA passiert, auch
       Auswirkungen auf uns. Ein Beispiel ist der Krieg im Iran. Auf der anderen
       Seite sind wir nur Zuschauer, weil wir nicht viel Einfluss auf die Wahlen
       haben. Und dann stellt sich natürlich auch die Frage, inwiefern Trump
       [1][eine eventuelle Wahlniederlage überhaupt akzeptieren würde].
       
       taz: Warum heißt [2][Ihre aktuelle Dokumentation über die Spaltung der USA]
       „Under Pressure“? 
       
       Boehme: Weil die Gesellschaft in den USA unglaublich unter Druck steht. Den
       Leuten steht das Wasser bis zum Hals. Die Leute wissen nicht, wie sie ihren
       Treibstoff bezahlen sollen, wie sie ihre Stromrechnung bezahlen sollen, die
       Gesundheitsrechnungen sowieso. Das betrifft nicht mehr nur die Armen,
       sondern ist mittlerweile auch ein Problem der Mittelschicht. Es ist nicht
       einfach, dort zu leben. Es sei denn, man ist richtig schön reich. Ich habe
       über ein Jahr Menschen aus Washington D. C. und West Virginia begleitet. An
       diesen beiden Orten lässt sich die Spaltung des Landes gut dokumentieren.
       
       taz: Wonach haben Sie die Protagonist:innen des Films ausgewählt? 
       
       Boehme: Mein erster Kontakt war ein Künstler aus Washington D. C., den habe
       ich über eine deutsche Zeitung entdeckt, so hatte ich einen Fuß in der Tür.
       Mich hat interessiert, wie weit ich von Washington D. C. fahren muss, bis
       ich die liberale Mentalität nicht mehr spüre. Nach zweieinhalb Stunden
       Autofahrt nach Westen ist man [3][in einer ehemaligen Kohleförderregion] in
       Piedmont in West Virginia. Diese ganze Macht und das Geld aus Washington D.
       C. sind da einfach nicht mehr zu erkennen.
       
       taz: Hatten die Menschen in West Virginia Lust, mitzumachen? 
       
       Boehme: Ich hatte schon telefoniert und gemailt, aber eigentlich nie was
       gehört. Vor Ort wurde ich wirklich nett empfangen und es gab eine
       Highschool, die zu einer Kirche umgebaut worden war. Das war sehr
       interessant.
       
       taz: Gab es während der Dreharbeiten Schwierigkeiten? 
       
       Boehme: Es war gar nicht so einfach, Experten zu gewinnen. Viele sind sehr
       beschäftigt und wollen sich zum Thema Trump nicht äußern. Noch schwieriger
       war es, mit Leuten zu sprechen, die ihren Job beim Staat verloren hatten.
       Viele hoffen, ihre Arbeit doch noch wiederzubekommen. Bei der Einreise
       hatte ich am Anfang auch ein ungutes Gefühl. Ich hatte mich mental darauf
       vorbereitet, nicht hereingelassen zu werden. Als Journalist, und gerade
       wenn man Kameraequipment mitbringt, wird man immer genaustens befragt. Am
       Ende gab es aber keine Probleme.
       
       taz: Warum wollten Sie einen Film in den USA machen? 
       
       Boehme: Ich bin in den USA groß geworden. Mit 11 sind wir von Deutschland
       nach Wisconsin ausgewandert, meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich. Bis
       ich 25 war, habe ich dort gelebt, insofern ist mir das Land sehr nah. Ich
       habe 2024 schon einmal einen Film zur Wahl in Wisconsin gemacht, „Under
       Pressure“ ist das Nachfolgeprojekt. Vielleicht mache ich zur
       Präsidentschaftswahl 2028 noch einen dritten.
       
       taz: Was hat Sie in Ihrer Zeit in den USA besonders zum Nachdenken
       gebracht? 
       
       Boehme: Wie freiheitsliebend die Menschen im Grunde sind. Die sind sich
       wirklich irgendwie alle einig, dass der Staat sie am liebsten in Ruhe
       lassen soll, damit sie das machen können, was sie wollen. Was mich zum
       Nachdenken bewegt, ist die Frage, wie es weitergeht. Wie kommen wir wieder
       auf einen gemeinsamen Nenner? Ich glaube nicht, dass das mit Trump einfach
       vorbei ist.
       
       taz: Was hat Ihnen Hoffnung gegeben? 
       
       Boehme: Trotz der Härte in der Diskussion sind die Menschen wahnsinnig
       hilfsbereit. Die haben viel schlechte Presse über sich und die Republikaner
       gelesen. Trotzdem wurde ich sehr herzlich aufgenommen, und ich glaube, am
       Ende wird die Freundlichkeit wieder die Oberhand bekommen.
       
       27 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Vor-Zwischenwahlen-in-USA/!6221819
 (DIR) [2] https://tobfilm.de/index.html#films
 (DIR) [3] /Buch-ueber-Politik-und-Gefuehle/!6114973
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Antonia David
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Donald Trump
 (DIR) Midterms
 (DIR) Filme
 (DIR) Washington D.C.
 (DIR) Dokumentarfilm
 (DIR) Soziale Spaltung
 (DIR) Dokumentation
 (DIR) USA
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Politikwissenschaftler über Midterms: „Der Wahlkampf fühlt sich wie eine Zeitreise an“
       
       Das Feindbild der Republikaner bei den Midterms ist der Kommunismus.
       Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller bezweifelt, dass die Strategie
       aufgeht.
       
 (DIR) Zwischenwahlen in den USA: Magier ohne Zauber
       
       Bei den Midterms haben die Demokraten gute Chancen, die
       Republikaner-Mehrheit zu brechen. Auch Trump scheint daran nichts ändern zu
       können. Woran liegt das?
       
 (DIR) Midterms in den USA: Texas fiebert mit James Talarico
       
       Zum ersten Mal seit 40 Jahren könnte in Texas ein Demokrat in den US-Senat
       gewählt werden. James Talarico begeistert, hat aber starke Gegner.
       
 (DIR) Audi-Chef hilft US-Präsident: Marionette in Trumps Propaganda-Show
       
       Die Kritik am Auftritt des Audi-Chefs beim US-Präsidenten ist vernichtend.
       Dass der schwächelnde Konzern ein Werk in den USA bauen will, verständlich.
       
 (DIR) Wahlkampf im US-Bundesstaat Michigan: Abdul El-Sayed auf den Spuren von Barack Obama
       
       Ausgerechnet im Arbeiterstaat Michigan setzen die Demokraten für die
       Senatswahl auf einen jungen linken Muslim. Es ist eine riskante Strategie.