# taz.de -- Midterm Elections: Wer? Wann? Was? Wie?
> Die Zwischenwahlen am 3. November können entscheidend sein für die
> Zukunft der USA. Aber was passiert da genau und worauf kommt es an? Ein
> Überblick.
(IMG) Bild: Die drei Finger stehen für „Ready. Go. Vote“: Gina Hinojosa, Bobby Pulido und James Talarico von den Demokraten in Texas
Wahlen in den USA sind stets ein riesiges Unterfangen. Seit den
dramatischen Ereignissen rund um die Präsidentschaftswahl 2020 und dem
Sturm aufs Kapitol bergen sie zudem ein Risiko für massive politische
Gewalt. Nun stehen am 3. November die Midterm Elections an, also die
sogenannten Zwischenwahlen in der Mitte der Amtszeit eines Präsidenten, bei
der die beiden Kammern des US-amerikanischen Kongresses – Senat und
Repräsentantenhaus – ganz oder teilweise neu besetzt werden.
Dabei gelten eigentlich ungeschriebene Regeln: Es verliert immer die
Partei, die gerade im Weißen Haus sitzt, und die Wahlbeteiligung ist
niedrig. Zumindest die erste der beiden Regeln scheint 2026 durch die
Umfragen bestätigt zu werden: Die [1][oppositionellen Demokraten führen] in
nahezu allen Kategorien. Dass Donald Trump und sein Vize J. D. Vance
derzeit auf Wahlkampftour sind in Staaten, die eigentlich als tief
republikanisch gelten, zeigt, dass auch sie die Lage der eigenen Partei
kritisch sehen. Alles kommt darauf an, wer seine Anhängerschaft tatsächlich
zum Urnengang mobilisieren kann.
## Repräsentantenhaus: Verzerrte Wahlkreise
Eine Wahl zum US-Repräsentantenhaus findet alle zwei Jahre statt, doch sie
ist anders als eine Bundestagswahl: Es gibt keine Zweitstimme. Alle 435
Abgeordneten werden direkt in ihren Wahlkreisen gewählt, und aus welcher
Partei am Schluss die meisten kommen, bestimmt die Mehrheitsverhältnisse.
Stimmen für den unterlegenen Kandidaten zählen nicht mit, bestimmen nicht
einmal die Stärke der Opposition.
Das führt zum sogenannten Gerrymandering, also dem [2][Neuzuschnitt der
Wahlbezirke eines Bundesstaats durch den jeweiligen Gouverneur] zu teils
bizarren Formen. Denn je nach Zuschnitt der Wahlkreise können – bei exakt
gleichem Wahlverhalten der Menschen – mehr oder weniger Sitze an die eine
oder die andere Partei gehen. Insgesamt haben vor den Midterms 2026 neun
Bundesstaaten die Wahlkreisgrenzen neu gezogen, mindestens fünf davon (vier
republikanisch geführte Staaten, einer demokratisch) klar mit dem Ziel, der
eigenen Partei einen Vorteil zu verschaffen. Wäre das Stimmverhalten 2026
exakt so wie 2024, würden die Republikaner in diesem Jahr dadurch 10 Sitze
mehr in Washington gewinnen.
Doch das Stimmverhalten ist eben nicht das gleiche. Derzeit sitzen im
Repräsentantenhaus 219 Republikaner und 214 Demokraten, 2 Sitze sind
vakant. Den Umfragen zufolge werden die Demokraten im neuen
Repräsentantenhaus mindestens 220 Sitze ziemlich sicher haben, also eine
Mehrheit, und die Republikaner 196. Die übrigen 19 Sitze sind extrem
umkämpft.
Damit wäre die Zeit von Republikaner Mike Johnson als Sprecher des
Repräsentantenhauses vorbei. Der bisherige demokratische Fraktionschef
Hakeem Jeffries würde wohl zu seinem Nachfolger gewählt werden und wäre
dann der dritte Mann im Staat. Würden Präsident und Vizepräsident
gleichzeitig wegfallen, würde Jeffries zum neuen Staatsoberhaupt vereidigt.
## Senat: Vier Sitze mehr für die Demokraten?
Derzeit sind von den 100 Senator*innen – zwei pro Bundesstaat,
unabhängig von dessen Größe und Bevölkerung – 53 Republikaner und 47
Demokraten (zwei Unabhängige mitgerechnet). Zur Wahl stehen alle zwei Jahre
ein Drittel der Senator*innen, dafür sind die 100 Sitze in drei Gruppen
unterteilt: Class 1 und 2 umfassen jeweils 33, Class 3 dann 34 Senatoren.
In diesem Jahr ist Class 2 dran. Dazu kommen zwei Sonderwahlen, weil mit
dem Wechsel der Class-3-Senatoren J. D. Vance und Marco Rubio in Trumps
Regierung diese beiden Sitze nur interimsmäßig von den jeweiligen
Gouverneuren besetzt wurden.
Von den 35 zur Wahl stehenden Sitzen werden derzeit 13 von den Demokraten
und 22 von den Republikanern besetzt. Um zu einer Mehrheit im Senat zu
kommen, müssten die Demokrat*innen ihre Sitze halten und mindestens 4
neue dazu gewinnen. Stand jetzt scheint das nicht unmöglich.
Sitze hinzugewinnen könnten die Demokraten in North Carolina, Ohio, Maine,
Alaska – und Texas, wo sich der Demokrat [3][James Talarico] tatsächlich
anschickt, den Trump-Loyalisten Ken Paxton zu besiegen. Er wäre der erste
demokratische Senator aus Texas seit vier Jahrzehnten.
## Gouverneure: Entscheidend für 2028
Auch 36 der 50 Gouverneursposten werden neu gewählt. Davon sind derzeit die
Hälfte demokratisch und die andere Hälfte republikanisch besetzt.
Viele der auf beiden politischen Seiten populären Gouverneure dürfen wegen
Amtszeitbegrenzungen nicht wieder antreten, zum Beispiel Gretchen Whitmer
in Michigan, Gavin Newsom in Kalifornien oder Ron DeSantis in Florida.
Einige kandidieren von sich aus nicht erneut, wie Kamala Harris' ehemaliger
Vizekandidat [4][Tim Walz in Minnesota nach einem Betrugsskandal]. Andere
wie J. B. Pritzker in Illinois, Greg Abbott in Texas oder Josh Shapiro in
Pennsylvania sind so etabliert, dass sie sich um ihre Wiederwahl keine
Sorgen machen müssen.
Umfragen halten einen Nettozugewinn von zwei Gouverneursposten für die
Demokraten für wahrscheinlich. Wichtiger als die reine Zahl ist allerdings,
dass der Gouverneursposten auch in etlichen jener Staaten neu gewählt wird,
die bei der Präsidentschaftswahl 2028 vermutlich Swing States sein werden.
Ob dort ein Demokrat oder ein Trump-Loyalist für die Ausgestaltung der Wahl
zuständig ist und deren Ablauf überwacht, könnte entscheidend werden.
Aus den Reihen der Gouverneure rekrutieren sich in der Regel auch künftige
Präsidentschaftskandidaten. Sie haben den Vorteil exekutiver Erfahrung und
sind unbelastet vom Image Washingtoner Politklüngels. Frühere Beispiele:
Jimmy Carter, Ronald Reagan, Bill Clinton oder George W. Bush.
## Und was könnte nach der Wahl passieren?
Gehen wir von zwei keineswegs sicheren Szenarien aus: 1. Die
Demokrat*innen gewinnen eine oder gar beide Kammern des Kongresses. 2.
Die Republikaner akzeptieren die Niederlage. Was könnte daraus folgen?
Donald Trump würde keine neuen Gesetze mehr durchbringen, und die
Demokraten hätten im Repräsentantenhaus die Federführung bei der Erstellung
des Bundeshaushaltes. Nur: Seit der [5][„Big Beautiful Bill“], dem im Juli
2025 verabschiedeten 900-Seiten-Kerngesetz seiner Wirtschafts- und
Steuerpolitik, hat Trump ohnehin nicht mehr auf die Legislative gesetzt. Er
regiert per Dekreten (Executive Orders), mitunter in klarer
Kompetenzüberschreitung oder Missachtung tatsächlicher Gesetze. Das macht
er, bis ihn ein Gericht stoppt – und versucht es anschließend meist gleich
erneut.
Umgekehrt könnte eine eventuelle demokratische Mehrheit zwar Gesetze
verabschieden, etwa die landesweite Legalisierung von Abtreibung oder
Medicare für alle beschließen – wüsste aber, dass sie am Veto des
Präsidenten scheitern würde. Politisch wäre es richtig, Energie in solche
Initiativen zu stecken. Aber die demokratischen Fraktionen werden weiterhin
ideologisch divers aufgestellt sein. Dass sie die Kraftanstrengung
unternehmen, sich auf Gesetze zu einigen, die dann doch nicht Wirklichkeit
werden, scheint schwer vorstellbar.
Dennoch könnte Trump im Senat endlich Widerstand gegen seine radikalsten
und unqualifiziertesten Personalentscheidungen bekommen. Und der Kongress
könnte Trumps Entscheidungsbefugnisse, etwa zum Fortgang des Irankriegs,
stärker einschränken.
Die größte Versuchung der Demokraten läge vermutlich darin, mit diversen
Untersuchungsausschüssen bis hin zu neuen Amtsenthebungsverfahren frontal
gegen die massive Korruption der Trump-Regierung vorzugehen. Dafür hätten
sie – zumindest lassen sich derzeitige Stimmungsumfragen so lesen –
durchaus öffentlichen Rückhalt. Aber wie die Erfahrung zeigt, besteht der
genau so lange, bis Ausschüsse tatsächlich in tagelangen Anhörungen das
„Wer wusste was wann?“ zu ergründen versuchen, statt sich um die drängenden
Sorgen der Bürger*innen zu kümmern.
Insofern wäre wohl die wichtigste Konsequenz aus von den Demokraten
gewonnenen Wahlen eine Verschiebung des politischen Diskurses, womöglich
sogar in beiden Parteien. Donald Trumps Stern bei den Republikanern könnte
sinken, und bei den Demokrat*innen wird viel davon abhängen, wie die
zahlreichen progressiven Kandidat*innen, die ihre Vorwahlen gegen den
Willen der Parteiführung gewonnen hatten, tatsächlich abschneiden bei den
Midterms. Ist ein Sieg wie der von Zohran Mamdani doch kein Phänomen, das
nur in New York funktioniert?
## Weiteres Zerstörungswerk
Was sehr sicher scheint: Donald Trump selbst wird in den letzten zwei
Jahren seiner Amtszeit noch einmal alles kaputtzuschlagen versuchen, was
seine Präsidentschaft bislang überlebt hat. Und womöglich wird er weiterhin
mit einer illegalen dritten Amtszeit kokettieren. Denn Trump kann es nicht
ertragen, nicht selbst im Mittelpunkt des Interesses zu stehen – als „lame
duck“ anderen den Platz im Rampenlicht zu überlassen, das widerspricht all
seinen Wesenszügen.
Aber vor allem: Vom „Project 2025“, dem Programm zum autoritären
Staatsumbau, das die Heritage Foundation 2023 vorgelegt hatte, ist erst
rund die Hälfte umgesetzt. Es ist also nicht nur in Trumps
Aufmerksamkeitsinteresse, weiter die Abrissbirne zu schwingen.
1 Nov 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Trump-und-die-Midterms/!6216808
(DIR) [2] /US-Zwischenwahlen-Gerrymandering-Showdown-in-Texas-/!6105407
(DIR) [3] /Republikaner-Event-in-Texas/!6212485
(DIR) [4] /Rueckzug-aus-Gouverneurswahl-in-Minnesota/!6143461
(DIR) [5] /Volksentscheid-Proposition-40-in-den-USA/!6218208
## AUTOREN
(DIR) Bernd Pickert
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt USA unter Trump
(DIR) Midterms
(DIR) Donald Trump
(DIR) US-Demokraten
(DIR) GNS
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Blaue Welle bei den US-Midterms: Trumps Niederlage als Netanjahus Niederlage
Wow, ist das blau! Die Demokraten gewinnen beide Kammern des Kongresses –
und einige Gouverneursposten dazu. Die US-Midterms im Liveticker.
(DIR) Lebenshaltungskosten im US-Wahlkampf: Nur die Eier sind günstig
Ob in New York oder im ländlichen Iowa, überall in den USA leiden die
Menschen an massiver Teuerung. Doch nicht alle machen US-Präsident Trump
verantwortlich.
(DIR) Falschinformationen vor US-Zwischenwahl: „Meine größte Sorge ist die Spaltung darüber, was als Fakt gilt“
Welche Rolle spielt Desinformation vor den Midterm-Wahlen in den USA?
Social-Media-Forscherin Renée DiResta über verlorenes Vertrauen,
identitätsstiftende Influencer und KI.
(DIR) Vor den US-Midterms: Was macht Trump, falls er die Wahlen verliert?
Auch wenn die US-Demokraten die Kongresswahlen gewinnen, können die
Republikaner das sabotieren. Manche Tricks sind illegal – manche schlicht
bizarr.
(DIR) Polit-Influencer Hasan Piker: Ein „Marxist“ im Maßanzug auf Twitch
Der Polit-Influencer und Streamer Hasan Piker verschiebt die Grenze des
Sagbaren in den USA nach links. Damit trifft er vor den Midterms einen
Nerv.
(DIR) Midterms in den USA: Texas fiebert mit James Talarico
Zum ersten Mal seit 40 Jahren könnte in Texas ein Demokrat in den US-Senat
gewählt werden. James Talarico begeistert, hat aber starke Gegner.
(DIR) Vor Zwischenwahlen in den USA: Exil-Kubaner wenden sich von Republikanern ab
Der Stadtteil Little Havana in Miami gilt traditionell als Hochburg der
Republikaner. Doch bei den US-Kongresswahlen im November könnte sich das
ändern.
(DIR) Wahlkampf im US-Bundesstaat Michigan: Abdul El-Sayed auf den Spuren von Barack Obama
Ausgerechnet im Arbeiterstaat Michigan setzen die Demokraten für die
Senatswahl auf einen jungen linken Muslim. Es ist eine riskante Strategie.