# taz.de -- Vor US-Zwischenwahlen: Wappnen gegen einen Coup
> Vor den Kongresswahlen in den USA befürchten viele, Präsident Trump
> könnte erneut eine Niederlage nicht anerkennen. Unser Autor hat ein
> Wahlbeobachtertraining besucht.
(IMG) Bild: Die Kampagne „Hands Off Our Vote“ ruft die Bevölkerung New Yorks dazu auf, das Wahlrecht zu schützen. New York 1. 10. 2026
Gina geht gleich in die Vollen, die junge Frau aus Brooklyn nimmt sich
keine Zeit, die Menge sanft anzuwärmen. „Can we stop the coup?“, ruft sie
gleich zu Beginn des Abends in den Raum, der mit rund 40 freiwilligen
Wahlbeobachtern gefüllt ist. „Yes we can!“, kommt es noch etwas zaudernd
zurück. „Das geht noch lauter“, ruft Gina. „CAN WE STOP THE COUP?“ „YES WE
CAN“, schmettert es jetzt zurück. Und nochmal: „CAN WE STOP THE COUP?“ „YES
WE CAN!“
Wir sind in den Büros von „Hands Off“ an der 23ten Straße in Manhattan,
jener lose organisierten US-weiten Protestbewegung, die aus den ersten
Anti-Trump-Demos 2025 hervorgegangen ist und die beim [1][Widerstand gegen
die Abschiebepolizei ICE] eine wichtige Rolle spielt. Doch darum geht es
heute nicht. Heute geht es um die Midterm-Wahlen, die nur noch drei Wochen
entfernt sind und bei denen nicht nur Hands Off massive Manipulation durch
die Trump-Regierung befürchtet.
Zunächst einmal beginnt Gina mit einem politischen Grundkurs. Was ist
[2][Autoritarismus]? Was ist kompetitiver Autoritarismus? Und – die
rhetorische Frage – [3][befinden sich die USA bereits in einem autoritären
System?] Die Frage wird wieder in die Menge der rund 40 Freiwilligen
gerufen und mehrfach affirmativ laut mit „YES“ beantwortet.
Zum Abschluss des Segments dann noch eine Folie, die fragt, seit wenn die
USA schon ein autoritäres Regime sind. Mit der Antwort haben selbst in
dieser Gruppe New Yorker Linker verschiedenster Alters- und Berufsgruppen
einige spürbar ein Problem: „Schon immer. Die USA sind ein auf Rassismus,
Ausbeutung und Genozid aufgebautes Regime.“ Mein Nachbar, ein etwa 40 Jahre
alter Architekt, rollt mit den Augen.
## Diverse Versuche, die Wahlen zu manipulieren
Dann geht es weiter mit der politischen Schulung, die, im Gegensatz zum
sonstigen Eindruck, den man vom amerikanischen Widerstand hat, das Gefühl
einer stramm organisierten, ideologisch durchtrainierten Bewegung
vermittelt. Es geht um all die Arten und Weisen, in denen die
Trump-Regierung bereits versucht hat, das Wahlrecht einzuschränken und in
der Folge, warum Widerstand und Wachsamkeit dringend notwendig sind.
[4][Die Liste ist lang]. Es begann mit Exekutivanordnungen, die die
Kontrolle über die Wahlen von den Einzelstaaten und dem Kongress auf die
Bundesregierung übertragen sollten. Es ging weiter mit dem Versuch, unter
dem Vorwand der illegalen Einwanderungsbekämpfung auf Wählerdaten
zuzugreifen. Dann kamen mehrfache [5][Versuche, die Briefwahl
abzuschaffen], und als das nicht klappte, den Vorgang bürokratisch so zu
verkomplizieren, dass er die Menschen abschreckt. Überdies besetzte Trump
bundesweit Wahlleiterstellen mit Individuen, die das Wahlergebnis von 2020
anzweifeln.
Schließlich ließ Trump sowohl in Georgia als auch in Arizona vom FBI und
vom Justizministerium Wahlmaschinen beschlagnahmen. Dazu kamen die
[6][Gerrymandering-Anstrengungen], also der Versuch durch die Neuziehung
von Wahlbezirken Vorteile zu erzielen, und schließlich die [7][Aushöhlung
der hart errungenen Wahlrechte für Minderheiten] durch neue Urteile des
ultrakonservativen Supreme Courts.
Sollte es in dieser Runde Zweifel daran gegeben haben, dass die Freiheit
und die Fairness der anstehenden Wahlen gefährdet sind, dürften sie
spätestens jetzt ausgeräumt sein. Aber wer sich keine Sorgen macht, meldet
sich auch nicht zu einem Wahlbeobachtertraining.
## Welcher Widerstand ist der richtige?
So geht es in die nächste Runde. Gruppenarbeit. Gina stellt folgendes
hypothetisches Szenario vor. In mehreren Bezirken in Georgia und Ohio ist
der Wahlausgang knapp. Wahlleiter weigern sich, Gewinner zu benennen und
behaupten, es habe Betrug stattgefunden. Der Präsident lässt die Wahl für
ungültig erklären und weigert sich, den kommenden Kongress einzuberufen.
Experten rufen eine konstitutionelle Krise aus. Der Ernstfall also.
Die Aufgabe: Was soll man jetzt als Bürger tun? Mit wem setzt man sich in
Verbindung? Woher bezieht man Informationen? Welchen Formen des
Widerstandes schließt man sich an? Die Diskussionen in den Fokusgruppen
sind eifrig, die Freiwilligen scheinen mehr als bereit, sich in den Kampf
um die Demokratie zu stürzen.
Der Platz auf den Postern reicht kaum aus, um die Antworten aufzuschreiben.
Nachbarn und Freunde anrufen, die Feeds örtlicher Widerstandsgruppen
konsultieren. Sich bei einer möglichst großen Bandbreite an Medien
Informationen suchen – wobei klassische Medien wie die New York Times meist
zuletzt genannt werden. Mehr Vertrauen hat man in Alternativmedien wie
[8][Democracy Docket] oder [9][Common Cause]. Schließlich gehen die
gewünschten Reaktionen von Massendemonstrationen bis zum Generalstreik.
Kurzes Luftholen, ein Wasser trinken. Dann geht es in die letzte und
härteste Runde des Trainings. Ein Rollenspiel namens Hassle Line, geborgt
von der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre. Man teilt sich in Paaren auf,
eine spielt eine FBI Agentin, die Wahlzettel beschlagnahmen will. Die
andere eine Freiwillige, die zivilen Ungehorsam leisten soll. Zwei Minuten
hat man Zeit.
## Ein bisschen besser vorbereitet auf das, was da kommt
Manche Paare ergehen sich in elaborierten Diskussionen über Legalität und
Legitimität in der vermutlich irrigen Annahme, dass FBI-AgentInnen Lust zum
Diskutieren haben. Andere Pärchen sind nach 30 Sekunden an einem Punkt, von
dem aus es, bei der Vorgabe des gewaltfreien Widerstandes eigentlich nur
noch mit der Verhaftung des Freiwilligen weitergehen kann.
Zwei Stunden sind vergangen, der Widerstand ist fix und fertig. Doch bevor
man sich in einer Bar in Chelsea einen Drink genehmigen kann, werde noch
ein paar Parolen geübt. „They lose, they lie, they lash out!“ – sie
verlieren, sie lügen, sie attackieren –, schmettert es dreifach durch den
Raum. Und: „Voting is resistance.“ – Wählen ist Widerstand. Schließlich:
„Hands off our vote.“ – Hände weg von unserer Stimme.
Auf dem Nachhauseweg steht man noch eine Weile auf der 23ten Straße,
gegenüber des legendären Chelsea Hotel, es werden Zigaretten geraucht. Die
Gefühle in der Runde – definitiv kompliziert. Vielen ist erst an diesem
Abend klar geworden, wie ernst das alles werden kann. „Es fällt mir immer
noch schwer, mir vorzustellen, dass es so weit kommt“, sagt Lee, eine etwa
50 Jahre alte Akademikerin. Und fühlt sie sich darauf jetzt wirklich
vorbereitet? Nein. Aber wenigstens ein bisschen besser als vorher.
15 Oct 2026
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(DIR) [7] /Wahlkreise-in-den-USA/!6175802
(DIR) [8] https://www.democracydocket.com/
(DIR) [9] https://www.commoncause.org/
## AUTOREN
(DIR) Sebastian Moll
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