# taz.de -- Linker gewinnt Parteiwahl in Michigan: Gegen die Macht der Lobbys
> Abdul El Sayed verkauft sich als Mann des Volkes und hat Erfolg damit.
> Sein Wahlsieg im US-Bundesstaat Michigan lässt progressive Demokraten
> hoffen.
(IMG) Bild: Abdul El Sayed musste am Mittwoch viele Hände schütteln
Als Bernie Sanders begann, sich politisch zu engagieren, demonstrierten an
den US-Universitäten noch Studenten gegen den Vietnamkrieg. Wenn Sanders
also etwas sagt wie: „Dies war der bedeutsamste politische Sieg, so lange
ich denken kann“, dann hat das Gewicht.
Sanders sagte diesen Satz vergangene Woche nach einer Wahl, die im großen
historischen Zusammenhang vergleichsweise unbedeutend war. Es ging um die
interne Vorwahl der demokratischen Partei für einen der beiden Senatssitze
des Staates Michigan. Doch Sanders machte diese Wahl Hoffnung auf einen
Neuanfang.
Zuvörderst freute sich Sanders beim Triumph von Abdul El Sayed gegen die
Abgeordnete Haley Stevens darüber, dass es ein Sieg der einfachen Wähler
über die Lobbyisten war. Haley Stevens hatte über 70 Millionen Dollar an
Wahlkampfspenden verfügt, mehr als zehnmal so viel wie ihr Herausforderer
El Sayed. Trotz dieser Mittel konnte sie den Epidemiologen und ehemaligen
Gesundheitsdezernenten der Stadt Detroit nicht bezwingen.
Die Übermacht des Geldes in der US-amerikanischen Politik beschäftigt
Sanders, seit er 1991 in das Abgeordnetenhaus gewählt wurde. Sie war
zusammen mit der immer extremeren sozialen Ungleichheit in den USA und
einer sich verfestigenden Oligarchie das zentrale Thema seiner
Präsidentschaftswahlkämpfe 2016 und 2020. Der Sieg von El Sayed in Michigan
bestätigt Sanders nun, in Verbindung mit vorangegangenen Vorwahlsiegen
progressiver Kandidaten in Pennsylvania, New York und Colorado, dass
Lobbyismus und Korruption in Washington zunehmend zu wahlentscheidenden
Themen werden.
## Schnauze voll von Filz und Korruption
Dazu hat mit Sicherheit der schamlose Ausverkauf der US-Politik durch
Präsident Donald Trump beigetragen. Hinzu kam in der ersten Hälfte der
zweiten Trump-Amtszeit die Zahnlosigkeit des demokratischen Establishments,
das immer mehr Wähler mit Sonderinteressen in Verbindung bringen. Besonders
ist dabei mit Beginn des Gazakriegs die amerikanische proisraelische
Lobbyorganisation Aipac ins Bewusstsein der Öffentlich getreten.
Aipac hat bislang insgesamt 67 Millionen US-Dollar in alle Wahlkämpfe
dieser Vorwahlsaison gesteckt. Das Gesamtbudget für die Midterms dürfte ein
Mehrfaches davon betragen.
Der Sieg von Abdul El Sayed, so knapp er auch war, bestätigt nun, dass die
Basis der demokratischen Partei auch außerhalb der progressiven Großstädte
an den Küsten die Korruption und den Filz in Washington satthaben und eine
neue Art von Politik wollen. Es hat sich ein Raum für Politiker wie El
Sayed eröffnet, die in der Tradition ihres linken Vorreiters Sanders neue
Wege beschreiten und sich trauen, bislang als extrem empfundene Positionen
zu vertreten.
Sayed verkauft sich glaubhaft als ein Mann des Volkes. Sein Vater, der in
armen Verhältnissen in Ägypten aufwuchs, erfüllte sich seinen
amerikanischen Traum, als er mit einem Stipendium an die Wayne State
University kam und sich zum Automobilingenieur ausbilden ließ. Sein Sohn
erlebte als Arzt an vorderster Front die Härte des US-amerikanischen
Gesundheitswesens und ging in die Politik, um solche Unzumutbarkeiten zu
korrigieren.
## Womöglich unterschätzt Trump den Überdruss
Man nimmt es Sayed deshalb ab, wenn er, obwohl Akademiker, im Arbeiterstaat
Michigan die Sprache der Straße spricht. Er redet direkt und hart und
scheut sich nicht vor Kraftausdrücken. Er bezeichnet den Krieg gegen die
palästinensische Bevölkerung als [1][Genozid] und möchte die
US-Deportationsbehörde ICE abschaffen. Über Trump sagt er, dieser würde
sich mehr um die Vorhänge seines Ballsaals sorgen, als um das Wohl der
Bevölkerung.
Für Bernie Sanders und andere im progressiven Flügel der Demokraten ist die
Wahl von El Sayed nun der definitive Beleg dafür, dass die Partei bereit
ist, einen neuen Weg zu gehen. Man traut sich, die zuvor selbst angelegten
Fesseln abzustreifen.
Trump und dessen Anhänger, etwa Sayeds republikanischer Gegner in der
Senatswahl, Mike Rogers, glauben derweil noch immer, dass diese Kehre nach
hinten losgeht. Trump hat Sayed als Kommunisten geschmäht und prophezeit,
dass Michigan den Bach runtergehen werde, wenn es Sayed wählt. Doch
womöglich unterschätzt Trump auch den Überdruss mit dem Filz, der Lähmung
und Korruption in Washington. Denn der ist auch in seiner eigenen
Anhängerschaft ziemlich groß.
8 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Krieg-im-Gazastreifen/!6101568
## AUTOREN
(DIR) Sebastian Moll
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt USA unter Trump
(DIR) Bernie Sanders
(DIR) US-Demokraten
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Schwerpunkt USA unter Trump
(DIR) Zohran Mamdani
(DIR) Zohran Mamdani
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Trotz Urteil des Obersten Gerichts: Trump will Geburtsrecht in den USA weiter einschränken
Sein erster Versuch, das Recht auf Staatsbürgerschaft bei Geburt in den USA
abzuschaffen, scheiterte am Obersten Gericht. Trump versucht es erneut.
(DIR) Linker gewinnt Vorwahlen in Michigan: Mit wenig Geld und viel Bürgernähe
Der progressive Demokrat Abdul El-Sayed hat sich die Kandidatur der
Demokraten für die Senatswahlen im November gesichert. So geht gewinnen von
links.
(DIR) Den Haager Haftbefehl gegen Netanjahu: Mamdani will, darf aber nicht
New Yorks Bürgermeister würde Israels Ministerpräsidenten Netanjahu gern
verhaften lassen, wenn er zur UN-Generalversammlung reist. Doch er hat dazu
keine Befugnis.