# taz.de -- Frankreich: Ausgehverbote und Einsatz der Armee
> Die französische Regierung mobilisiert für Samstag alle verfügbaren
> Kräfte, inklusive Soldaten. In Orléans droht eine direkte Konfrontation
> zwischen Rechtsextremisten und der Antifa.
(IMG) Bild: Befürchtet neue Gewalt und setzt massiv Ordnungskräfte ein: Frankreichs Innenminister Laurent Nuñez
Der französische Innenminister Laurent Nuñez befürchtet, dass es am Samstag
speziell in Orléans zu sehr schweren Konfrontationen kommen könnte.
„Mehrere Zehntausend“ Antifademonstranten wollten gemäß den Informationen
seiner Nachrichtendienste gegen Marine Le Pen protestieren.
Bei einem Kongress in Orléans wird sich die Rechtspopulistin Le Pen von
ihrer Partei Rassemblement National (RN) offiziell als
Präsidentschaftskandidatin nominieren lassen. Sie gilt bei den Wahlen
Anfang Mai laut Umfragen als haushohe Favoritin für die Nachfolge von
Staatspräsident Emmanuel Macron.
Nuñez kündigt ein „außerordentlich“ starkes Aufgebot von Ordnungskräften
und präventive Personenkontrollen in Orléans an. Er möchte damit unbedingt
verhindern, dass es zu direkten gewaltsamen Konfrontationen zwischen
„ultralinken“ Aktivisten und Rechtsextremisten kommt.
Die Situation in Frankreich ist dermaßen angespannt, dass derartige, schon
fast bürgerkriegsähnliche Handgreiflichkeiten zwischen gegnerischen Kräften
auf der Straße nicht auszuschließen sind. Vorsorglich sind nun „alle
Kundgebungen in Orléans“ – nicht aber der RN-Kongress! – verboten worden.
## Angst vor neuer Gewalt am Wochenende
Orléans ist längst nicht die einzige Sorge des Ministers. Auch viele andere
Städte könnten an diesem weiteren gemeinsamen Aktionstag von Gelbwesten und
Jugendlichen wieder zu „Brennpunkten“ für die Ordnungskräfte werden. Die
Regierung geht davon aus, dass es am Rande der Kundgebungen für bessere
Studien- und Lebensbedingungen, gegen die Polizeigewalt, die Regierung oder
das System überhaupt [1][wie am 17. Oktober erneut schwere Ausschreitungen
mit Sachbeschädigungen und Plünderungen geben kann].
Aus diesem Grund bietet Nuñez alles auf, was er an Ordnungseinheiten zur
Verfügung hat. Zum Einsatz kommen dieses Mal zudem Soldaten der Armee, die
aber nicht direkt bei Demonstrationen oder gegen Randalierer intervenieren,
sondern hauptsächlich öffentliche Gebäude schützen sollen.
Im Verlauf der Woche wurden auch bereits Armeehubschrauber eingesetzt, um
in Paris und anderswo zu kontrollieren, dass die nächtlichen Ausgehverbote
respektiert wurden. Auch tagsüber sind [2][jegliche Demonstrationen und
Ansammlungen in mehreren Vierteln und vor allem in der Nähe des
Elysée-Präsidentenpalasts, mehrerer Ministerien und der Nationalversammlung
untersagt].
## Ladenbesitzer rüsten auf, Demos werden verboten
Eine wachsende Sorge für den Innenminister ist die private „Aufrüstung“ von
Ladenbesitzern und Gewerbetreibenden, die entweder schon Opfer von
Vandalismus und Plünderungen wurden oder dies befürchten müssen, weil sie
sich von der überforderten Polizei und Gendarmerie nicht mehr beschützt
fühlen.
Französische Medien berichten, dass in den letzten Tagen die Verkäufe von
Abwehrsprays, Elektroschockpistolen und Gummiknüppeln in Waffengeschäften
um das Zehnfache zugenommen hätten. Im selben Ausmaß hätten sich auch Leute
neu bei Sportschießklubs eingeschrieben, um so an Waffenscheine zu kommen.
Wie der von seiner Rundreise in den Golfstaaten heimgekehrte
Staatspräsident Emmanuel Macron nach der Ministerratssitzung am Donnerstag
im Fernsehen angekündigt hat, werden nun zahlreiche geplante
Demonstrationen kurzerhand für illegal erklärt. Das betrifft ganz Marseille
und Umgebung, Lyon, Metz sowie die Zentren von Toulon und Le Havre, wo
keinerlei Kundgebungen geduldet werden. In Paris hingegen wurde auf Antrag
der Gewerkschaft CGT ein Marsch am Samstag bewilligt.
## Nicht mit dem Grundgesetz vereinbar
Präsident Macron hatte gesagt, nur „legitime Organisationen“ wie
Gewerkschaften könnten eine amtliche Genehmigung für Demonstrationen bei
der Polizeipräfektur einholen. Einige Verfassungsrechtler halten ein
solches, das Demonstrationsrecht einschränkendes Kriterium für nicht mit
dem Grundgesetz vereinbar. Die Aussicht, [3][dass ihre Protestmärsche für
illegal erklärt] und daher alle Ansammlungen von den Ordnungskräften
notfalls gewaltsam aufgelöst werden, schürt noch die Wut der Gelbwesten,
die für den Samstag erneut zu Aktionen aufgerufen haben.
Die Krise färbt auf Frankreichs Image im Ausland ab. Viele Touristen waren
schockiert von den chaotischen Bildern, die sie entweder im Fernsehen oder
direkt bei ihren Besuchen in Paris, Lyon oder Marseille gesehen haben. Vor
allem [4][das brennende Rathaus von Limoges] wurde am letzten Samstag zum
Symbol der Straßengewalt und sinnlosen Zerstörungen. Außerdem werden zur
Sicherheit Museen, wie namentlich der Louvre in Paris und andere für den
Fremdenverkehr wichtige Sehenswürdigkeiten geschlossen. Laut dem Verband
der Hotelbetreiber UMIH wurden bereits „mehr als 10 Prozent“ der
Zimmerreservierungen annulliert.
23 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Rudolf Balmer
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