# taz.de -- Sozialer Protest in Frankreich: Diagonale des Frusts
> Die Unruhen und die Gewalt in Frankreich haben eine Vorgeschichte der
> Missachtung. Die Republik muss ihre eigenen Werte wieder respektieren.
(IMG) Bild: Es sind die einfachen Menschen die aufbegeheren und unter der Regierungspolitik leiden. Und es sind auch sie, die aufräumen
Sie heißen Arthur, Joseph oder Soukeyna. Sie studieren Mathematik, Politik
oder gehen noch aufs Gymnasium. Alle drei waren am vergangenen Wochenende
auf der Straße. Nicht, um zu randalieren. Sondern um für bessere
Bedingungen an ihren Schulen und Universitäten zu demonstrieren. Die
Gewalt, die die Kundgebungen vielerorts überlagerte, lehnen sie ab. Aber
mit ihren Protesten wollen sie trotzdem weitermachen. Und das ist auch gut
so.
[1][Der Aufstand der Jugendlichen] richtet sich nicht nur gegen kaputte
Klos und den Mangel an Lehrkräften. Hinter ihm steht die Frage, was die
Republik ihren jungen Leuten überhaupt noch zu bieten hat. Ob das
Versprechen der Gleichheit überhaupt noch gilt. Zwar stehen „Liberté,
Égalité, Fraternité“ in Frankreich über jedem Schultor. Doch gerade im
Bildungsbereich sind diese Werte kaum noch zu finden. Das sieht jeder, der
sich in den Banlieues umschaut. Die Hochhaussiedlungen, die am Rand der
Großstädte hochgezogen wurden, gleichen Ghettos. In den Klassenzimmern
bröckelt der Putz.
Studien zeigen, dass Bewerbungen mit nicht französisch klingenden Namen
oder Adressen in den Problemvorstädten deutlich häufiger aussortiert
werden. Besonders spürbar wird die Diskriminierung bei Polizeikontrollen:
Schwarze oder arabisch aussehende junge Männer haben laut dem französischen
Bürgerrechtsbeauftragten innerhalb von fünf Jahren ein viermal so hohes
Risiko, kontrolliert zu werden, wie Weiße. Das Risiko, durchsucht oder auf
die Polizeiwache mitgenommen zu werden, ist sogar zwölfmal so hoch.
Wer von Gleichheit spricht, kann nicht hinnehmen, dass die Hautfarbe
darüber entscheidet, wie junge Menschen behandelt werden. Die Jugendlichen
aus der Vorstadt sind meist seit drei Generationen Franzosen. Doch
akzeptiert werden sie bis heute nicht als solche.
In diesem Kontext ist auch die Empörung [2][über den Tod des 17-jährigen
Nahel zu verstehen, der 2023 von einem Polizisten bei einer
Verkehrskontrolle erschossen wurde]. Auch damals randalierten die
Jugendlichen nächtelang, plünderten Läden und zerstörten öffentliche
Einrichtungen. Die Bilder brennender Autos erinnerten an die
Vorstadtunruhen des Jahres 2005.
Schon damals hatte Präsident Jacques Chirac die Diskriminierung der
Vorstadtjugend angeprangert. „Wir werden nichts Dauerhaftes schaffen, wenn
wir nicht dieses Gift der Diskriminierung bekämpfen“, mahnte er in einer
Rede, die nichts an Aktualität verloren hat. Vor allem, weil Chirac die
Randalierer als Französinnen und Franzosen sah, ohne Abstriche. „Ich möchte
den Kindern der Problemviertel sagen, dass sie, egal welche Herkunft sie
haben, Söhne und Töchter der Republik sind“.
Ein solches Bekenntnis wäre heute dringend nötig. Stattdessen machen
Rechtsextreme wie Éric Zemmour „Horden von Barbaren aus dem Maghreb und
Afrika“ für die Ausschreitungen verantwortlich. Marine Le Pen, die derzeit
alle Umfragen zur Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr anführt, geißelt
eine „anarchische Einwanderung“. Dabei zeigt sich bei den ersten
Schnellverfahren, dass das Bild gemischt ist. Der Justizminister selbst
sagte nun: „Es gibt alles … Menschen mit Migrationshintergund, Ausländer,
aber auch Menschen, die vollkommen integriert sind, die Franzosen sind.“
Den Schülerinnen und Schülern aus der Banlieue haben sich inzwischen viele
Altersgenossinnen und -genossen aus den besseren Vierteln der Großstädte
angeschlossen. Diese Solidarität ist neu. Sie zeigt, dass ein genereller
Unmut die 18- bis 25-Jährigen erfasst. Egal ob in Neuilly oder Saint-Denis:
Sie finden keine bezahlbaren Wohnungen, schlagen sich mit Zeitverträgen
durch und sorgen sich ums Klima. Gemeinsam sind sie gegen „La France à
Macron“, wie es auf ihren Plakaten heißt. Also ein Frankreich, in dem
Politik von oben gemacht wird und die Sorgen der Menschen nur wenig zählen.
Der herablassende Rat des Präsidenten, nur die Straße zu überqueren, um
einen Job zu finden, blieb vielen jungen Leuten im Gedächtnis haften. Wer
so regiert, darf sich nicht wundern, wenn eine Generation das Vertrauen
verliert.
Wie weit die Missachtung reicht, erleben die jungen Leute derzeit hautnah:
Die Regierung wirft der Linksaußenpartei La France insoumise vor, die
Proteste zu steuern. Eine solche Zuschreibung ist einfacher, als sich mit
den Problemen der Jugendlichen zu beschäftigen. Der Premierminister hat die
Vertreterinnen und Vertreter der Schülergewerkschaften bis heute nicht
empfangen. Kein Wunder, dass viele Jugendliche das Gefühl haben, erst ernst
genommen zu werden, wenn sie Gewalt anwenden.
## Kein Vertrauen in die Institutionen
Laut einer Umfrage des Instituts Ipsos vom Sommer glaubt nur ein Viertel
der 18- bis 29-Jährigen, dass die Politik ihre Anliegen versteht. Vier
Fünftel sind der Ansicht, dass die politischen Verantwortlichen ihre
Zukunft schlecht vorbereiten. „Diese Jugend erkennt sich in unseren
Institutionen nicht mehr wieder, in den Eliten, die sie eigentlich
repräsentieren sollen“, sagt der Soziologe Michel Maffesoli der Zeitung
Opinion.
Als 2018 die Gelbwesten protestierten, schaute ganz Frankreich auf die
Diagonale du vide – die Diagonale der Leere. Gemeint war ein 1.500
Kilometer langer Streifen zwischen Lothringen und den Pyrenäen, wo es kaum
Infrastruktur gibt. Die Arztpraxen und Schulen schließen, das Dorfbistro
macht auch zu. Die Bewohnerinnen und Bewohner fühlen sich abgehängt. Als
die Regierung die Benzinsteuer erhöhte, gingen die Gilets jaunes in ihren
gelben Warnwesten auf die Barrikaden.
Diesmal ist es keine Diagonale der Leere, die rebelliert. Es ist eine
Diagonale des Frusts, die von den Vorstädten bis in die bürgerlichen
Viertel reicht. Dass inzwischen auch Eltern mit ihren Kindern auf die
Straße gehen, zeigt, wie tief die Sorge um die Zukunft sitzt. Frankreichs
Problem ist nicht nur die Wut auf den Straßen. Es ist eine Republik, die
die eigenen Werte wieder respektieren muss – vor allem der Jugend
gegenüber.
23 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Christine Longin
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