# taz.de -- Proteste in Frankreich: Marseille bangt und hofft
> In der zweitgrößten Stadt Frankreichs haben die Proteste vom Samstag eine
> Spur der Verwüstung hinterlassen. Am Wochenende stehen erneut
> Demonstrationen an.
(IMG) Bild: Die letzten Scherben sind weggefegt und die nächste Runde steht vor der Tür: Marseille bleibt rebellisch auf Kosten der Reichen
Das per Schablone aufgesprühte rote Emblem von Hammer und Sichel auf einem
Fenster der Börse in Marseille ist klein, aber sichtbar. Die Splitter der
zu Bruch gegangenen Fensterscheiben sind zusammengekehrt, die Fassaden mit
Spanplatten zugenagelt. „Sie sollen endlich mit diesem Mist aufhören“,
schreit eine Frau, als sie an einer Apotheke vorbeikommt. Die hat, wie
viele Geschäfte, zwar geöffnet, aber keine einzige heile Scheibe mehr.
[1][Die Spuren der Verwüstung in der Innenstadt infolge der Demonstration
vom vergangenen Samstag] sind noch nicht wieder alle beseitigt.
Es hat nicht nur die Luxusboutiquen getroffen, sondern auch viele Läden des
täglichen Bedarfs. Anspannung ist in der Stadt spürbar, seit es am
vergangenen Samstag rund um den „Tag der Mobilisierung gegen das teure
Leben“ zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, brennenden Autos und
Plünderungen gekommen war.
Die Tür des alten Rathauses an der Hafenmeile wurde brachial aufgebrochen,
die „Marianne“, die französische Symbolfigur, im Foyer vom Sockel gestoßen.
Am Dienstag steht mittags ein Polizeiauto vor dem verbarrikadierten
Eingang. Zwei Polizisten halten Wache. In den Nächten haben Minderjährige
Ausgangssperre.
## Wie im Krieg
Es sei das erste Mal in ihrem Leben, sagt die 55-jährige Julie, die als
alternative Stadtführerin arbeitet, dass sie eine Ausgangssperre erlebe.
„Als befänden wir uns im Krieg.“ Schon am Samstag habe sie sich so gefühlt,
als die verschiedenen Gruppen, die zur Mobilisierung aufgerufen hatten, von
ihren Sammelpunkten – „zu Beginn friedlich und sehr viel bunter und
lebendiger als sonst“ – losgezogen seien.
Was Julie dann erlebte, war ein Desaster, eine „Ungleichzeitigkeit“ und
eine völlig „fehlgegangene Koordination der Staatsgewalt, um der Situation
wieder Herr zu werden“. In Marseille brannte die städtische Polizeiwache an
der Einkaufsstraße Canebière, sie bleibt vorerst geschlossen.
Nebenan befindet sich das Warenhaus Monoprix – ebenfalls bis auf Weiteres
dicht. Davor steht ein großer Container, in dem sich viele weiße Müllsäcke
stapeln. Hüfthoch steht eine Frau mittendrin. Sie öffnet einen Müllbeutel
nach dem anderen und wirft die heil gebliebenen und nun unverkäuflichen
Kosmetikprodukte, die aus dem leer geräumten Monoprix stammen, in die
geöffneten Taschen am Container wartenden Kinder.
„Die Soziologie der Stadt lässt sich gut ablesen“, sagt Julie später bei
einem Kaffee. „Sie ergreifen schlicht die Gelegenheit zum Plündern.“ In
Marseille ist die Armut auch in der Innenstadt sichtbar, wo Arm und Reich
dicht an dicht koexistieren. An die 30.000 Plünderungen sollen in
Frankreichs zweitgrößter Stadt stattgefunden haben, verkündete die
Präfektur der Metropolregion Bouches de Rhône am Montag.
## Nach unten korrigiert
Eine Zahl, die Bürgermeister Benoît Payan später abwegig nennt und die
Staatsanwalt Nicolas Bessone massiv nach unten korrigiert. Bessone schätzt
die Zahl der Plünderer auf etwa 1.800 bis 3.000, an die 8.000 Randalierer
sollen es gewesen sein, bestätigt er.
Wie viele Menschen tatsächlich am vergangenen Samstag an den Aktionen
teilgenommen haben, ist schwer zu sagen. Es gab 101 Festnahmen, bereits am
Dienstag wurden die ersten Personen vor Gericht gestellt. Es handele sich
ausschließlich um junge Erwachsene, nicht vom Typ schwarzer Block und
Randalierer, sondern eher um Mitläufer und Gelegenheitsdiebe, berichtet das
Marseiller Online-Magazin Marsactu. Von den echten Gewalttätern scheine man
kaum jemanden erwischt zu haben, stellt die Reporterin fest. 8.000
Randalierern sollen nur 800 Einsatzkräfte der Polizei gegenübergestanden
haben.
Wie konnte es dazu kommen? Bürgermeister Benoît Payan, der mit einem
Mitte-links-Bündnis regiert, beklagte am Montag in einem gemeinsamen
Statement mit den Bürgermeistern der Städte [2][Limoges] und Paris, dass
man sich von der Regierung im Stich gelassen fühle. Man habe die Präfektur
vorgewarnt, schreibt Payan, doch die Leute hätten unbehelligt agieren
können.
Es gehen viele Theorien um, warum alles so gekommen ist. Die Rechten und
Konservativen versuchen, die Gewaltexzesse den linkspopulistischen
„Insoumis“ von Jean-Luc Mélenchon in die Schuhe zu schieben. Die sozialen
Medien dürften die Mobilisierung junger Leute aus den Vorstädten rasant
beschleunigt haben.
## Zeit zum Auftanken
Auch Rechtsextreme sollen beteiligt gewesen sein. In Lyon defilierten
Neonazis am Montagabend offen durch die Stadt – im eher links gestrickten
Marseille undenkbar. „Wohl eine Mischung aus allem“, vermutet Simon, ein
Buchhändler, der ebenfalls am vergangenen Samstag demonstrieren war. Es ist
sein freier Tag. „Es ging friedlich und fröhlich los, doch irgendwann wurde
es wirklich kompliziert.“ Für ihn ist klar: „Das war Strategie: Man hat die
Gewalttäter gewähren lassen.“
In der Innenstadt werden am kommenden Samstag viele Geschäfte geschlossen
haben. „Nicht noch mal“ und „Wir haben es satt – die Krawalle wie die
Regierung Macron“ ist die vorherrschende Stimmung. Die Ausgangssperre für
Minderjährige wird vorerst aufrechterhalten. Außer den Schulen haben auch
die Universitäten in der nächsten Woche Ferien.
Zeit zum Auftanken, Kräftesammeln. Die zwei Polizisten vor dem Rathaus
werden Verstärkung brauchen. Sie fürchten neue Krawalle, sagen sie. Die
Sonne an diesem Tag hat die Straßen getrocknet, aber nicht die Gemüter
besänftigt. Die städtischen Museen bleiben diese Woche vorsorglich
geschlossen.
Für Samstag, den 24. Oktober, ist wieder ein landesweiter Aktionstag
angekündigt. Präsident Emmanuel Macron kündigte an, dass nur von
Gewerkschaften organisierte Demonstrationen erlaubt sein sollen. „Wir
hoffen auf einen friedlichen Verlauf“, sagen die Polizisten. Julie und
Simon werden mit der gleichen Hoffnung und gemischten Gefühlen wieder auf
die Straße gehen.
22 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Nach-der-Krawallnacht-in-Frankreich/!6222419
(DIR) [2] /Krawalle-statt-Demos-in-Frankreich/!6222308
## AUTOREN
(DIR) Sabine Seifert
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Frankreich
(DIR) Massenproteste
(DIR) Emmanuel Macron
(DIR) Sozialproteste
(DIR) GNS
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Proteste in Frankreich: Jugend ohne Jugend
Warum gehen Französ*innen auf die Straße? Wogegen sind sie? Was wollen
sie erreichen? Wir haben mit einer Schülerin und einer Studentin
gesprochen.
(DIR) Frankreich: Ausgehverbote und Einsatz der Armee
Die französische Regierung mobilisiert für Samstag alle verfügbaren Kräfte,
inklusive Soldaten. In Orléans droht eine direkte Konfrontation zwischen
Rechtsextremisten und der Antifa.
(DIR) Krawalle in Frankreich: Die verheimlichten Toten der Pariser Unruhen
Während der Gewalteskalation in Paris am Samstag starben zwei Menschen, ein
dritter hat seinen Tod dementiert. Frankreichs Regierung agiert ratlos.
(DIR) Ausschreitungen in Frankreich: Le Pens nützliche Idioten
Rechte und Konservative erklären die Krawalle in Frankreich zum
Kulturkampf. Derlei rassistische Ferndiagnosen sind wenig hilfreich.
(DIR) Proteste in Frankreich: Macrons Regierung wankt
Nach den Ausschreitungen am Wochenende ist Frankreich entsetzt. Die
politischen Lager streiten über die Schuld an der Eskalation.