# taz.de -- Protesttag in Frankreich: Anspannung vor landesweiten Demonstrationen
> 70.000 Polizeibeamte, verbotene Kundgebungen und verrammelte Fenster:
> Frankreich bereitet sich auf mögliche Ausschreitungen vor. Selbst bei
> erlaubten Protestzügen gibt es Streit um den Weg.
(IMG) Bild: Emmanuel Macron vor Ort in Trappes bei Paris
afp/dpa | In Frankreich [1][liegen die Nerven blank], und die Anspannung
ist groß: An diesem Samstag werden erneut landesweite Demonstrationen
erwartet, bei denen die Behörden Ausschreitungen wie schon am vergangenen
Wochenende befürchten.
Mit einem massiven Polizeiaufgebot sollen Gewalt und Plünderungen
verhindert werden, wie Innenminister Laurent Nuñez ankündigte.
[2][Landesweit würden 70.000 Beamte] im Einsatz sein. Es gebe zahlreiche
Aufrufe zu Gewalttaten und Plünderungen, bei denen es sich offensichtlich
um [3][Botschaften der Randalierer] handele. Premierminister Sébastien
Lecornu sagte am Abend bei einem Besuch in Limoges, wo am vergangenen
Wochenende das Rathaus brannte: „Die Bedrohungslage ist nach wie vor hoch.“
Eine Reihe von Demonstrationen ist laut dem Innenminister bereits verboten
worden. Erlaubt würden Kundgebungen, die von den Organisatoren mit einem
Ordnungsdienst begleitet werden, „und unter der Voraussetzung, dass sie
natürlich nicht an Orten stattfinden, an denen es zu Plünderungen,
Störungen der öffentlichen Ordnung und Ähnlichem kommen könnte.“
## Streit um Demonstrationsrouten
In Paris wurde ein von den Gewerkschaften angemeldeter Demonstrationszug
erlaubt, die Route allerdings wurde angepasst. Darauf reagierten die
Organisatoren empört. Medienberichten zufolge wollen Gewerkschaften vor dem
Verwaltungsgericht gegen die Regelung vorgehen. Auch in anderen Städten gab
es vorab Streit um die Route von Demonstrationszügen. Unabhängig von den
Einschränkungen für Kundgebungen blieben Nuñez zufolge
Ausgangsbeschränkungen in sensiblen Bereichen der Städte in Kraft.
„Was am 17. Oktober geschehen ist, ist völlig inakzeptabel“, sagte der
Innenminister mit Blick auf die schweren Ausschreitungen mit Schäden in
Millionenhöhe am Rande von Demonstrationen am vergangenen Samstag. Die
Bilder massiver Zerstörung und Gewalt auf Frankreichs Straßen sorgten auch
im Ausland für Besorgnis und Unruhe.
Den seit Wochen für eine bessere Ausstattung von Schulen demonstrierenden
jungen Leute hatten sich am Wochenende bei Kundgebungen in zahlreichen
Städten weitere Gruppen angeschlossen, unter anderem um gegen zu hohe
Lebenshaltungskosten zu demonstrieren.
Präsident Emmanuel Macron hatte in einer Rede „ultralinken“ Gruppen einen
Umsturzversuch im Zusammenhang mit den Ausschreitungen vorgeworfen. Die
„organisierten Gruppen“ hätten „aufrührerische“ Handlungen begangen mit dem
Ziel, „die Republik zu stürzen“, sagte Macron.
## Ladenbesitzer verrammeln ihre Geschäfte
Wegen befürchteter neuer Gewalt begannen Ladenbesitzer unter anderem im
Zentrum der Hauptstadt Paris damit, Spanplatten vor ihre Schaufenster zu
montieren. Die Stadtverwaltung rief Händler, Einwohner, Gastronomen und
Firmen dazu auf, möglichst Gegenstände zu entfernen, die als Wurfgeschosse
oder Barrikaden verwendet oder in Brand gesetzt werden können.
Die angespannte Lage in Frankreich wurde am Freitag durch eine Gewalttat
weiter angeheizt, bei der ein Zusammenhang mit den Sozialprotesten und
Unruhen im Land aber nicht direkt erkennbar war. Ein Mann hatte in
Gemeinden bei Paris aus einem Auto mit einer automatischen Waffe
geschossen. Ein Mensch kam dabei ums Leben, fünf weitere wurden verletzt.
Der Mann wurde kurze Zeit später festgenommen. Präsident Macron sprach von
einem rassistischen Terroranschlag.
Vor den erneuten Demonstrationen hatte der Staatschef sich am
Freitagnachmittag erstmals mit protestierenden Schülerinnen und Schülern
zusammengesetzt. Macron habe Gymnasiasten und Vertreter ihrer
Organisationen empfangen wollen, um „sich ihre Forderungen und Sorgen
anzuhören“, teilte der Élysée-Palast mit. Als einen weiteren Schritt, um
auf die Protestierenden zuzugehen, wolle die Regierung die für Januar
geplante Erhöhung des Mindestlohns vorziehen, berichtete die Zeitung „Les
Échos“.
## Frankreich: Schüler kündigen nach Treffen mit Macron weitere Proteste an
Vertreter der seit Wochen demonstrierenden französischen Schülerinnen und
Schüler haben nach einem Treffen mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron
weitere Proteste angekündigt. Nach dem Treffen am Freitag rief der
Schülervertreter Nathanaël Combary die Demonstranten auf, „weiter zu
mobilisieren“. Demnach bot Macron den Schülervertretern eine „Reform der
Schuldemokratie“ sowie eine „vollständige Überarbeitung“ der Plattform
Parcoursup an, die Schüler für ihre Bewerbung für Studiengänge nutzen
müssen.
Combary sagte nach dem Treffen, er begrüße, dass Macron den Vertretern von
Schülerorganisationen zugehört habe. „Aber wir sind nicht zufrieden, wir
warten auf unser Treffen mit dem Premierminister“, fügte er hinzu.
Frankreichs Regierungschef Sébastien Lecornu hat angekündigt, die Vertreter
von Schülerorganisationen am Montag zu empfangen. Für das Wochenende sind
derweil neue Proteste geplant.
Macron hatte die Vertreter von Schülerorganisationen in den Elysée-Palast
eingeladen. Er erklärte, er wolle „ihre Forderungen und Sorgen anhören“.
Die rund 20 Schülervertreter verbrachten fast drei Stunden im
Präsidentenpalast. Nach dem Treffen erklärte der Schülervertreter Louis
Letoublon: „Wir bleiben sehr misstrauisch, denn Emmanuel Macron hat eine
Politik der Zerstörung des öffentlichen Bildungswesens betrieben.“
Nach dem Treffen mit den Vertretern von Schülerorganisationen wollte Macron
nach Angaben des Elysée-Palastes eine Kaserne im 19. Pariser Arrondissement
besuchen, um den „Sicherheitskräften seinen Dank auszusprechen“ und die bei
Einsätzen am Wochenende verletzten Beamten zu treffen.
## Moody's belässt Einstufung von Frankreichs Bonität unverändert
Die US-Ratingagentur Moody's belässt die Einstufung der Kreditwürdigkeit
Frankreichs unverändert – damit liegt die Bewertung weiterhin bei Aa3 mit
negativem Ausblick. Moody's erklärte am Freitag, dass „das Rating Aa3 von
der Annahme ausgeht, dass ein Haushalt für 2027 verabschiedet wird, der das
Defizit senkt, während sich die Finanzierungskosten und die sozialen
Spannungen in den kommenden Monaten in Frankreich etwas abschwächen
werden“.
Eine Herabstufung war allgemein erwartet worden, wodurch die Bewertung der
Bonität Frankreichs auf das Niveau der anderen großen Agenturen Fitch und
S&P gesunken wäre. Moody's verwies darauf, dass die Erklärung vom Freitag
keine Ratingmaßnahme darstelle „und keinen Hinweis auf die
Wahrscheinlichkeit einer Ratingmaßnahme in naher Zukunft gibt“.
Premierminister Sébastien Lecornu äußerte sich erleichtert. Die
unveränderte Bewertung der Bonität Frankreichs durch Moody's widerlege „die
pessimistischen Prognosen“.
Frankreich steht finanziell so schlecht da wie lange nicht. Die Regierung
rechnet für das kommende Jahr mit einer Gesamtverschuldung in Höhe von
121,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Gemessen an der
Wirtschaftsleistung gehört Frankreich zu den am stärksten verschuldeten
EU-Ländern. Die Zinslast beläuft sich im laufenden Jahr auf fast 80
Milliarden Euro.
Lecornu versucht derzeit, den Haushalt für 2027 im Parlament zu
verabschieden. Für die angestrebten Ausgabenkürzungen in Höhe von 43
Milliarden Euro fehlt ihm bislang aber die Mehrheit. Und auch diese
Einsparungen würden das Staatsdefizit Frankreichs nur auf fünf Prozent der
Wirtschaftsleistung senken – deutlich mehr als die für EU-Mitglieder
geltende Obergrenze von drei Prozent.
24 Oct 2026
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