# taz.de -- Eskalation in Frankreich: Quittung für einen verweigerten Dialog
> Die Regierung hat durch die Polizeigewalt Öl ins Feuer gegossen. Sie
> wusste, dass sie damit ins Risiko geht – angesichts der Geschichte
> Frankreichs.
(IMG) Bild: Touristen finden Frankreich schön. Die Gesellschaft ist aber tief zerrüttet, und der Staat agiert im Konfliktfall autoritär
Noch am Freitag meinte der französische Premierminister Sébastien Lecornu
zum angekündigten Protesttag, es handle sich da nicht mehr um eine
Jugendbewegung, sondern um „gewaltsame Unruhen“. Damit wollte er wohl
[1][die Schülerbewegung samt ihrer legitimen Forderungen] pauschal in die
Ecke ultralinker Extremisten verbannen. Er hoffte, dass die Perspektive von
Krawallen viele Jugendliche, aber auch die ehemaligen Gelbwesten und andere
Unzufriedene einschüchtern und von einer Teilnahme an Demonstrationen
abhalten würde.
Das ist dem Regierungschef nicht gelungen. In Sachen Gewalt aber wurde er
weit über Bedarf erhört. Die gewaltsame Eskalation des Konflikts auf den
Straßen übertraf seine schlimmsten Erwartungen. Ist diese Regierung in
Paris „taub (für die Proteste), schlecht informiert oder total daneben“
fragt das Online-Magazin Mediapart. Die Regierung muss sich am Tag nach den
Krawallen Vorwürfe in alle Richtungen gefallen lassen.
Plünderungen sind wie die gewaltsamen Provokationen auf Seiten
demonstrierender Jugendlicher inakzeptabel. Nicht zuletzt, weil sie ihrem
Anliegen schaden. Doch die Regierung ist an diesem Ausbruch der Gewalt
nicht unschuldig. Sie hat den Dialog mit den Jugendlichen verweigert und
deren Forderungen nicht für voll genommen. Stattdessen antwortete sie mit
der in Frankreich üblich gewordenen Polizeigewalt.
Sie hat dadurch Öl ins Feuer gegossen – womöglich auch, um eine soziale
Bewegung als Werk von professionellen Unruhestiftern zu diskreditieren. Vor
dem Hintergrund geplünderter Geschäfte und [2][den Brandruinen von
Rathäusern] spielt der Innenminister den Betroffenen. Wie der
Regierungschef macht er „Ultralinke“ verantwortlich. Nur: Das ist zu
simpel, um zu überzeugen.
Denn nicht nur war die Regierung unfähig, einen geordneten Verlauf der
Demonstrationen zu garantieren, wie dies ihre Aufgabe wäre. Sie hat mit
ihrer Polizeitaktik selbst die Eskalation provoziert. Sie ging dabei
leichtfertig mit einem Risiko um.
## Tradition der Gewalt
Denn in Frankreich müsste sie aus der Geschichte wissen, dass es nicht erst
seit den Revolutionen von 1789, 1830, 1848 und 1870 im Land eine lange
Tradition der gewaltsamen Konflikte gibt. Und wenn Landwirte mit ihren
Traktoren den Verkehr blockieren oder öffentliche Gebäude attackieren, üben
sich Frankreichs Regierungen durchaus in Nachsicht.
Ja, Frankreich hat – gerade im Vergleich mit seinen Nachbarländern – ein
spezielles Problem mit Straßengewalt. Überrascht das? Bei sämtlichen
Anlässen wird die Nationalhymne angestimmt, mit dem Refrain „Aux armes,
citoyens!“ (Zu den Waffen, Bürger), der wie ein unverhohlener Aufruf zu
Gewalt klingt. Schuld wären an allem für Lecornu dann wohl die
Revolutionäre Danton und Robespierre und Co.
18 Oct 2026
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