# taz.de -- Aussage zu Seenotrettung im Mittelmeer: Eigenes Ministerium widerspricht Dobrindt
       
       > Der deutsche Innenminister warf der „Sea Watch“ Nähe zu Schleppern vor.
       > Auf Nachfrage der Grünen rudert das Bundesinnenministerium nun zurück.
       
 (IMG) Bild: Äußert Vorwürfe gegen Seenotretter, hat aber keine Belege für eine Nähe zu Schleppern: Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU)
       
       Beim Munich Migration Meeting hatte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt
       (CSU) vor einigen Wochen europäische Innenminister:innen eingeladen,
       um über die Migrationspolitik der EU zu sprechen. Thema unter anderem: Der
       [1][Konflikt mit Italien über die Rücknahme von Migrant:innen], die nach
       Deutschland weiterreisen, sowie der italienische Umgang mit den
       Seenotrettungsorganisationen auf dem Mittelmeer.
       
       Über letztere äußerte sich Dobrindt im Nachgang des Gipfeltreffens
       drastisch in der Welt: Durch die „vermeintlichen Seenotretter“ hätte
       Italien „eine besondere Last zu tragen“. Die ehrenamtlichen Retter:innen
       hätten „offensichtlich eine zu große Nähe zu Schlepperbanden“. Das belaste
       Italien und „ehrlicherweise belastet das auch uns und mich, weil ich
       natürlich sehe, dass hier illegale Migration noch befördert wird“.
       
       Der innenpolitische Sprecher der Grünen, Marcel Emmerich, ärgerte sich über
       die Äußerungen und fragte bei Dobrindts Ministerium nach, ob es die steilen
       Thesen des Ministers denn belegen könne. Die Antwort liegt der taz vor –
       und sie fällt für Dobrindt ziemlich peinlich aus.
       
       Das Bundesinnenministerium schreibt als Beleg für Dobrindts Behauptungen
       lediglich: „Die Schleuser kalkulieren die im Seegebiet vor der libyschen
       Küste fahrenden Schiffe in ihren modus operandi mit ein, da alle Schiffe
       nach internationalem Seerecht verpflichtet sind, Seenothilfe zu leisten.“
       Und: „Die Rettung in Seenot geratener Menschen ist eine humanitäre und
       völkerrechtliche Verpflichtung.“
       
       ## Ministerium rudert zurück
       
       Zur Frage, inwieweit sich belegen lasse, dass [2][die
       Seenotretter:innen] Migration beförderten, wie es Dobrindt behauptete,
       schreibt sein Ministerium: „Die Ursachen von Flucht, Vertreibung und
       Migration sind vielschichtig“, und auch „die Frage von Pull- oder
       Nicht-Pull-Effekten“ sei „durch verschiedene Faktoren beeinflusst“. Das
       Konzept der sogenannten Pulleffekte, die angeblich Menschen zur Migration
       nach Europa ziehen (auf Englisch „to pull“), ist wissenschaftlich
       weitgehend widerlegt.
       
       Dieser Klarstellung müssen aber auch Taten folgen, findet Emmerich: „Es
       reicht nicht, die Bedeutung der Seenotrettung offiziell anzuerkennen,
       während gleichzeitig diejenigen, die Menschenleben retten, öffentlich in
       die Nähe krimineller Banden gerückt werden. Die Äußerungen Dobrindts seien
       „nicht hinnehmbar. Wer Menschen vor dem Ertrinken rettet, verdient
       Anerkennung und keine Verdächtigungen“, so Emmerich der taz.
       
       Dass die Vorwürfe ausgerechnet von ihm als Politiker der CSU kommen, die
       „das[3][,C' für christlich im Namen] trägt“, sei „besonders empörend“.
       Denn: „Die zivile Seenotrettung wird auch von den Kirchen und zahlreichen
       christlichen Initiativen unterstützt und ist gelebte Nächstenliebe“. Das
       ist auch bei der „Sea Watch“ so, die Hilfe von der Evangelischen Kirche in
       Deutschland bekommt.
       
       Emmmerich kommentiert: „Im Grunde distanziert sich das Haus vom eigenen
       Innenminister. Das Fluchtgeschehen über das Mittelmeer wird von
       skrupellosen Banden organisiert, nicht von zivilen
       Seenotrettungsorganisationen.“ Dobrindt müsse in Zukunft „pauschale
       Verdächtigungen“ dieser Art unterlassen.
       
       21 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Streit-um-GEAS-Reform/!6206900
 (DIR) [2] /Seenotrettung-im-Mittelmeer/!6116040
 (DIR) [3] /Bischof-zum-Weltfluechtlingstag/!6189329
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Annika Danielmeier
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Sea-Watch
 (DIR) Seenot
 (DIR) Seenotrettung
 (DIR) Schwerpunkt Flucht
 (DIR) Alexander Dobrindt
 (DIR) Innenministerium
 (DIR) Mittelmeer
 (DIR) Migration
 (DIR) Vertreibung
 (DIR) Italien
 (DIR) Social-Auswahl
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Asylpolitik in Deutschland: Hessen schiebt Eltern ohne ihre Kinder ab
       
       Deutsche Behörden nehmen die Kleinkinder einer überforderten kurdischen
       Flüchtlingsfamilie in Obhut – und zwingen die Eltern, ohne sie in die
       Türkei zurückzukehren.
       
 (DIR) Griechenland: Prozess gegen Seenotretter beginnt
       
       Die griechische Justiz wirft den Aktivisten Tommy Olsen und Panayote
       Dimitras die Gründung einer kriminellen Vereinigung vor. Amnesty
       International ist entsetzt.
       
 (DIR) Streit um GEAS-Reform: Rette sie, wer kann
       
       Italien und Deutschland streiten über die Rücknahme von Geflüchteten. Die
       Seenotretter*innen im Mittelmeer geraten zwischen die Fronten.