# taz.de -- Anschlag mit Auto bei Anti-AfD-Demo: „Die Angst ist seitdem nicht weggegangen“
       
       > Viola Mabel wurde 2020 bei einer Demonstration von einem AfD-Anhänger in
       > Henstedt-Ulzburg angefahren. Bis heute kämpft sie mit den Folgen des
       > Anschlags.
       
 (IMG) Bild: Ohne ihren Hund hätte sie es nicht geschafft, sagt Viola Mabel, Überlebende eines rassistischen Anschlags
       
       taz: Frau Mabel, Sie sind Überlebende eines rassistischen Anschlags. Was
       passierte am 17. Oktober 2020? 
       
       Viola Mabel: Ich war mit meinem damaligen Partner bei einer Kundgebung
       gegen den schleswig-holsteinischen Landesparteitag der AfD in
       Henstedt-Ulzburg. Wir gingen über einen Gehweg und unterhielten uns, ich
       sah aus dem Augenwinkel, wie ein riesiger [1][Pick-up von einer Parklücke
       seitlich auf den Gehweg fuhr]. Das waren Millisekunden, in denen ich
       realisierte, der fährt auf mich zu. Gleichzeitig dachte ich, „das kann
       jetzt nicht wahr sein“. Dann drehte ich mich um und rannte los. Ich dachte:
       „Renn oder du stirbst.“
       
       taz: Aber er hat Sie erwischt. 
       
       Mabel: Ich erreichte eine Grünfläche und dachte, da kann er ausweichen,
       wenn er mich nicht treffen will. Da erwischte er mich richtig, von Kopf bis
       Fuß. Im Urteil steht, dass ich über die Motorhaube flog und mehrere Meter
       weit geschleudert wurde. Ich erinnere mich, dass ich eine komplette Ruhe in
       mir spürte, echt so klischeemäßig wie man das über Nahtoderfahrungen sagt.
       Dann bin ich panisch aufgestanden, weil ich keine Luft bekommen habe. Ich
       konnte auch nicht richtig gucken und hören. Mein Ex-Partner kam auf mich
       zugerannt und weinte, da dachte ich: „Oh Gott, dann muss es ja schlimm
       sein“, und weinte auch.
       
       taz: Was passierte dann? 
       
       Mabel: Eine Polizistin nahm meine Daten auf, aber ich war total verwirrt.
       Dann hörte ich einen lauten Knall. Im Nachhinein weiß ich, dass ein
       Polizist in die Luft geschossen hat. Und dass der Täter noch zwei andere
       Demonstrant*innen angefahren hat. Im Krankenwagen diskutierte ich noch
       mit dem Notarzt, dass er bloß nicht meine Mutter anrufen sollte, sondern
       ich das selber mache, weil sie einen Herzinfarkt bekäme, wenn sie hört, ich
       sei angefahren worden. Mir war das Ausmaß meiner Verletzungen überhaupt
       nicht klar. Der Notarzt bereitete mich darauf vor, dass wir in den
       Schockraum fahren, er sagte: „Mensch gegen PKW ist immer eine größere
       Sache.“
       
       taz: Wie lange waren Sie im Krankenhaus? 
       
       Mabel: Ich habe es dort kaum ausgehalten und mich nach der ersten Nacht
       gegen ärztlichen Rat entlassen. Ich hatte gelesen, dass der Täter nach
       wenigen Stunden freigelassen worden war. Da bekam ich Panik. Ich dachte,
       der kommt jetzt hierher und bringt das zu Ende. In gewisser Weise bin ich
       an dem Tag, bei der Tat, gestorben.
       
       taz: Wie meinen Sie das? 
       
       Mabel: Weil alles, was mich ausgemacht hat, seitdem weg ist. Vor der Tat
       war ich lustig, offen und neugierig. Ich war eine sehr präsente Person und
       oft die Lauteste im Raum. Davon ist nichts mehr da. Ich bin seitdem nie
       wieder Bus oder Bahn gefahren, bin fast nur noch zu Hause mit meinem Hund,
       meinen Kameras und Alarmanlagen.
       
       taz: Die Angst kam also sofort nach der Tat? 
       
       Mabel: Ja. Sie ist seitdem nicht weggegangen, sondern wurde immer
       schlimmer. Die ersten zwei, drei Monate nach der Tat hatte ich höllische
       Schmerzen und konnte fast nichts alleine. Als es körperlich besser wurde,
       ging es psychisch richtig los. Das war ein rasanter Weg bergab. Meine
       Therapie wurde abgebrochen, weil das [2][Opferentschädigungsgesetz] den
       Fall nicht anerkannt hat, weil [3][das Tatwerkzeug ein Auto] war.
       
       taz: Wieso wird das nicht anerkannt? 
       
       Mabel: Weil in solchen Fällen das Verkehrsrecht gilt und die
       KfZ-Versicherung zuständig ist. Inzwischen wurde das geändert, seit Juni
       2021 erkennt das Gesetz über die Entschädigung von Opfern auch Taten mit
       Autos als Tatwerkzeug an. Damals ging es mir aber so schlecht, dass ich
       mich nicht wirklich damit beschäftigen konnte. Jetzt nützt es mir nichts
       mehr, weil die Tat zu lange her ist. Trauma hat offenbar ein Ablaufdatum.
       
       taz: Wie haben Sie sich damals ohne Therapie aus der Krise herausgeholt? 
       
       Mabel: Mir geht es immer noch schlecht, ich weiß gar nicht, ob man so ein
       Trauma überhaupt überwinden kann. Aber immerhin lebe ich noch. Das verdanke
       ich zum großen Teil meinem Hund, ohne ihn wäre ich nicht mehr auf dieser
       Welt. Ich habe ihn 2021 aus dem Tierschutz geholt, er kommt aus Rumänien.
       Mein Hund war noch ängstlicher als ich, er hatte sogar Angst vor seinem
       eigenen Spiegelbild. Das finde ich so sinnbildlich, weil wir uns so ähnlich
       waren. Ich musste für uns beide stark sein. Also verdanke ich es meinem
       Hund, meiner eigenen Stärke und dem Glauben an mich selber.
       
       Warum haben Sie Kameras in Ihrer Wohnung? 
       
       Mabel: Weil ich wahnsinnige Angst habe. Davor, dass es wieder passiert oder
       der gleiche Täter oder jemand aus seinem Umfeld die Tat zu Ende bringen
       könnte. Er saß ein knappes Jahr in Haft und ist jetzt wieder frei. Man darf
       Nazis nicht unterschätzen. Sie sind gefährlich und bewaffnet. Und wenn sie
       nicht bewaffnet sind, nutzen sie Alltagsgegenstände.
       
       Haben Sie nach der Tat schlechte Erfahrungen mit Ihnen nahestehenden
       Menschen gemacht? 
       
       Mabel: Die Welt dreht sich für die meisten Menschen weiter – aber für
       Betroffene nicht. Ich verstehe, dass die Leute irgendwann nicht mehr
       fragen, wie es einem geht. Ich weiß auch nicht, ob es überhaupt möglich
       ist, die Schwere eines solchen Angriffs zu begreifen. Wie es ist, als
       Schwarze Frau Opfer von so etwas zu werden, ist, glaube ich, gerade für
       weiße Menschen unvorstellbar.
       
       taz: Auch nicht in einem sehr linken politischen Umfeld? 
       
       Mabel: Für viele Menschen, die sich damals mit mir solidarisiert haben,
       wurde die Tat schnell zu etwas Politischem. Es hieß: „Getroffen hat es
       eine, gemeint sind wir alle.“ Aber ich habe irgendwann gemerkt: Nein,
       gemeint sind eben nicht wir alle. Ich war diejenige, die danach mit den
       Folgen weiterleben musste. Und als Schwarze Frau kann ich nicht einfach
       meinen „FCK AfD“-Pulli ausziehen und aufhören, ein potenzielles Ziel
       rechter Gewalt zu sein. Ich hatte teilweise das Gefühl, dass die politische
       Symbolik meiner Geschichte wichtiger wurde als die Frage, wie es mir als
       Betroffener eigentlich geht.
       
       taz: Im Sommer 2023 begann der Prozess gegen den Täter Melvin S. Wie war
       das für Sie? 
       
       Mabel: Es war komisch, Melvin S. zu sehen. In meinem Kopf war er ein
       Monster ohne Gesicht gewesen. Als ich ihn sah, dachte ich: „Krass, der
       sieht ja aus wie ein Kind.“ Zum Tatzeitpunkt war er 19. Ich hatte im ersten
       Moment absurderweise Mitleid mit ihm. [4][Der Prozess hat mich sehr
       gestresst]. Ich habe mit der Ladung zum Prozess eine Sehnerventzündung
       bekommen, das erste Anzeichen einer Multiplen Sklerose, die dann
       diagnostiziert wurde. Ob und welchen Einfluss dieser massive Stress auf die
       Erkrankung hatte, kann man so genau nicht feststellen. Aber zeitlich fiel
       meine erste Sehnerventzündung genau in diese extrem belastende Phase.
       
       taz: Wie lautete das Urteil gegen Melvin S.? 
       
       Mabel: Drei Jahre Jugendstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung und
       schweren Eingriffs in den Straßenverkehr. Angeklagt war er auch wegen
       versuchten Totschlags, aber das Gericht sah zwar [5][einen Vorsatz, aber
       keine Tötungsabsicht] bei ihm. Die Richterin hat gesagt, ob die Tat
       rassistisch motiviert war, wolle sie nicht beurteilen, obwohl sie bei S.
       eine rechtsextreme Gesinnung festgestellt hatte. Sie gebe die Entscheidung
       „in die Hände der Zivilgesellschaft“. Meiner Meinung nach: null Rückgrat.
       Nicht überraschend, trotzdem enttäuschend.
       
       taz: Hat Melvin S. sich bei Ihnen entschuldigt? 
       
       Mabel: Er hat gesagt, dass es ihm leid tue, aber bei mir kam diese
       Entschuldigung überhaupt nicht glaubwürdig an. Er hat mich nicht mal
       angesehen. Gleichzeitig hat er behauptet, weder rechts noch links und nicht
       rassistisch, sondern höchstens ein bisschen nationalistisch angehaucht zu
       sein. Das fand ich schwer, ernst zu nehmen angesichts dessen, was im
       Verfahren über seine rechtsextreme Gesinnung bekannt wurde. Er hatte
       rassistische und nationalsozialistische Inhalte auf dem Handy, hatte mit
       Springerstiefeln und einer Flasche mit dem Etikett „Reichsbrause“ posiert.
       Nach dem Urteil hat er Revision eingelegt, die aber abgelehnt wurde.
       
       taz: Könnte es überhaupt eine Wiedergutmachung geben? Wie sähe die aus? 
       
       Mabel: Demnächst stehen die Zivilprozesse an, da geht es um eine
       finanzielle Entschädigung. Durch die Folgen der Tat habe ich in den letzten
       Jahren um die 800 Krankheitstage angesammelt. Aber das Finanzielle ist nur
       ein Aspekt. Ich glaube nicht, dass das Attentat mich jemals loslassen wird.
       Dementsprechend ist es auch nicht zu verzeihen. Was die Justiz angeht: Das
       Strafmaß empfinde ich als sehr niedrig. Aber wichtiger als die konkrete
       Höhe der Strafe ist mir eigentlich, dass die Dimension dieser Tat anerkannt
       wird. Und genau das ist nicht passiert.
       
       taz: Konnten Sie Ihre Enttäuschung in Wut umwandeln? 
       
       Mabel: Ich bin wütend auf das Gericht, wütend auf Deutschland, wütend auf
       die Gesellschaft. Aber ich bin auch unfassbar enttäuscht, dass Menschen
       überhaupt zu so etwas fähig sind. Bei Melvin S. ist bei mir vor allem
       dieses Unverständnis geblieben. Unverständnis über so eine
       Unmenschlichkeit.
       
       taz: Was würden Sie ihm sagen, wenn Sie ihn nochmal treffen würden? 
       
       Mabel: Ich glaube, ich würde ihn einfach schütteln und fragen: Warum? Ich
       möchte, dass er wirklich versteht, welchen Impact diese Tat auf mein Leben
       hatte, bis heute hat und wahrscheinlich noch sehr, sehr lange haben wird.
       
       taz: Wann haben Sie sich entschieden, offensiv mit Ihrer Geschichte in die
       Öffentlichkeit zu gehen? 
       
       Mabel: In den letzten Jahren ging es mir immer wieder so schlecht, dass ich
       mich gefragt habe: Wie soll ich so ein Leben weiterleben? Ich konnte
       wochenlang kaum aus dem Bett aufstehen, hatte Schmerzen und das Gefühl,
       dass von meinem früheren Leben kaum noch etwas übrig ist. Ich habe mich in
       dieser Zeit auch mit Sterbehilfe beschäftigt.
       
       taz: Bis zu welchem Punkt? 
       
       Mabel: Irgendwann habe ich mich daran erinnert, wer ich vor dieser Tat war.
       Wie viel Kraft und Vertrauen ich in mich hatte. Ich weiß nicht, ob ich
       irgendwann wieder die Viola von früher werde. Aber ich merke, dass ich mir
       Stück für Stück etwas zurückhole. Auch daraus ist die Entscheidung
       entstanden, in die Öffentlichkeit zu gehen. Ich will mir meine Stimme und
       meine Handlungsfähigkeit wiederholen. Und ich werde für die Anerkennung
       dessen kämpfen, was mir passiert ist, und für die Gerechtigkeit, die mir
       bisher gefehlt hat.
       
       taz: Und dann begannen Sie, auf Instagram darüber zu sprechen? 
       
       Mabel: Ja, weil die Medien zwar schon über die Tat und den Prozess
       berichtet haben, aber viel zu wenig. [6][Bei der Polizei hieß es zuerst
       sogar, es sei ein Verkehrsunfall gewesen]. Außerdem weiß ich nicht, was die
       Leute für Bilder im Kopf haben, wenn sie lesen, dass eine linke
       Demonstrantin angefahren wurde. Wahrscheinlich gar keine. Ich wollte
       zeigen, dass jemand mit einem richtigen Leben hinter dieser Geschichte
       steht. Mit einer Persönlichkeit, mit Gefühlen, Familie, Freund*innen und
       Zielen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es so viral geht.
       
       taz: Bekommen Sie auch Hassreaktionen? 
       
       Mabel: Ja, zu jedem Video, das ich mache, kommen auch Hasskommentare.
       Natürlich beschäftigt mich das, vor allem die Masse davon. Aber es gibt
       Schlimmeres.
       
       taz: Hilft Ihnen auch Ihr Kriminologiestudium dabei, die Tat und das Trauma
       zu bewältigen? 
       
       Mabel: Auf jeden Fall. Ich möchte verstehen, wie Radikalisierung
       funktioniert, welche psychologischen Mechanismen dahinterstecken und warum
       Menschen irgendwann bereit sind, anderen Gewalt anzutun. Dieses Bedürfnis
       gab es bei mir auch schon vor der Tat. Ich bin ein Mensch, der Dinge
       verstehen möchte. Und ich glaube, das ist auch die Grundlage dafür, etwas
       verändern zu können. Und natürlich hilft mir das auch bei meiner eigenen
       Geschichte. Etwas wissenschaftlich einordnen zu können, gibt mir ein Stück
       Orientierung zurück. Gleichzeitig merke ich aber auch, dass ich aufpassen
       muss, nicht alles so lange verstehen zu wollen, bis es sich irgendwann
       kontrollierbar anfühlt. Manche Dinge kann man erklären und trotzdem nicht
       ungeschehen machen.
       
       taz: Was möchten Sie zum Abschluss noch sagen? 
       
       Mabel: Fick die AfD!
       
       10 Oct 2026
       
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