# taz.de -- Klimapolitik der Bundesregierung: Herr Merz, bitte steigen Sie JETZT in Ihren Jet!
       
       > Die Erde steuert auf 2,8 Grad Erwärmung zu. Warum das ein guter Anlass
       > für den Kanzler sein sollte, die gesamte Bundesrepublik zu überfliegen.
       
 (IMG) Bild: Friedrich Merz steigt in ein Flugzeug der Flugbereitschaft der Luftwaffe, er muss dringend nach Brüssel
       
       Lieber Friedrich Merz, hiermit möchte ich Sie bitten, in Ihr Privatflugzeug
       zu steigen, eine himmlische Runde über der Bundesrepublik zu drehen, mit
       ein paar irdischen Stopps in Freiburg, in Rostock und so weiter.
       
       Entschuldigen Sie, ja, ich weiß, das ist eine ungewöhnliche Bitte. [1][Ihre
       silberne Diamond DA62] triggert ja sonst eher hart – schädlicher Luxus und
       so. Und Sie fliegen ja auch gar nicht mehr so oft selbst. Vor allem aus
       Sicherheitsgründen. Weniger, um das Klima zu schonen. Aber jetzt geht es
       genau darum – dieser eine Flug soll dem Klima sogar helfen.
       
       Es ist brenzlig. Lesen Sie die Bild? Bestimmt. Selbst die Bild, des
       ökologischen Alarms völlig unverdächtig, hat gemeldet, dass die Erde laut
       den Vereinten Nationen [2][auf 2,8 Grad Erwärmung zusteuert]. Das hat viel
       mit Trump zu tun, ja. Der findet Klimaschutz Unsinn. Nur: So viel besser
       ist Deutschland auch nicht. Ihre [3][Bundeswirtschaftsministerin Katherina
       Reiche] hat erst Anfang Oktober das Referat für Wind-, Solar- und
       Transformationsindustrien aufgelöst. Das hat viele irritiert, das haben Sie
       vielleicht mitbekommen.
       
       Natürlich, es ist so eine Sache mit Zahlen. 2,8 Grad. Irgendwie groß. Aber
       Laien wie Ihnen und mir sagt das eigentlich wenig, dem Herzen schon gar
       nichts. Das spricht nicht gegen Zahlen an sich, das nicht. Ohne
       wissenschaftliche Fundierung geht Politik auch nicht, oder? Sie sollen ja
       sachlich, analytisch sein. Also fallen Sie sicher nicht auf jene rein, die
       Forschende derzeit in Misskredit bringen wollen. Nur berühren Zahlen
       selten. Und darum geht es zurzeit ja immer. Alle fordern, die Leute
       mitzunehmen. Schwer, sicher. In diesem Fall allerdings können Sie das sogar
       wortwörtlich nehmen.
       
       Laden Sie etwa Ihre Wirtschaftsministerin ein mitzukommen. Tanken Sie voll,
       schnallen Sie sich an, und dann los! Start Flugplatz Arnsberg-Menden im
       Sauerland. Dann immer gen Süden, erstes Ziel Freiburg, Uniklinikum.
       
       Dort suchen Sie nach Thorsten Hammer, dem Katastrophenschutzbeauftragten.
       Als es in diesem Sommer brüllend heiß wurde, hat er eilig eine Taskforce
       eingerichtet, versucht, die heißesten Zimmer runterzukühlen. Er hatte auch
       einen Evakuierungsplan, betroffene Patienten wären notfalls in eine
       klimatisierte Messehalle gebracht worden. Zum Glück kam es nicht so weit,
       das wünscht man ja auch keinem Patienten. Sprechen Sie mit Hammer.
       
       Gönnen Sie sich danach gern einen Affogato, einen Espresso mit einer Kugel
       Eis. Mögen Sie doch so gern. Dann fliegen Sie weiter zum Bodensee. [4][Der
       schrumpft]. Hohe Temperaturen, hohe Verdunstung, dazu kaum Regen. Das setzt
       dem größten See Deutschlands zu. Aus den Alpen kam auch wenig nach, weil
       der Winter wenig Schnee hatte und Schmelzwasser rar war. Von oben mag es
       schön aussehen, wenn neue Strände entstehen, sich das Wasser zurückzieht.
       Aber in diesem Ausmaß?
       
       Jetzt noch ein Abstecher zur Wirtschaft, ins Saarland. Dort soll bald
       CO₂-armer Stahl produziert werden. Saarstahl investiert dafür Milliarden,
       bekommt dafür Förderung von Bund und Land. Treffen Sie sich mit Stephan
       Ahr, dem Vorsitzenden des Konzernbetriebsrats, der den ökologischen Umbau
       mit vorangetrieben hat, die Belegschaft sogar überzeugte, dafür Einschnitte
       hinzunehmen.
       
       Er aber sorgt sich, dass Sie den Emissionshandel schwächen wollen, mit dem
       sich die klimafreundlichere Produktion erst lohnen würde. Ahr und die
       14.000 Stahlarbeiter, die er vertritt, sehen sich als Klimavorreiter, die
       nun bestraft würden. Lassen Sie sich das noch mal erklären.
       
       Vom Saarland bis Rostock ist es ein Stück. Aber das dürfte für Sie
       interessant sein: In der größten Stadt Mecklenburg-Vorpommerns denken sie
       darüber nach, [5][in großem Stil Ostseewasser zu entsalzen], um damit auch
       das dürregeplagte Brandenburg und Berlin zu versorgen.
       
       Was für Folgen die Erderwärmung schon hat! Dabei steht sie heute erst bei
       1,37 Grad.
       
       Fliegen Sie also bitte zurück nach Berlin, sprechen Sie dort noch mit
       jüngeren Menschen, wie sie die Welt sehen, was sie ängstigt. Dann machen
       Sie eine Sondersitzung mit Ihrem Kabinett. Erzählen Sie, was Sie gesehen
       haben – und entscheiden Sie sich für Wind- und Solarkraft, für Grün in den
       Städten, für ein zügiges Verbrenner-Aus.
       
       Ach, das muss ich gar nicht alles auflisten. Sie sind lange genug im
       Geschäft, wissen, was zu tun ist.
       
       Danke und guten Flug!
       
       Ihre Hanna Gersmann
       
       24 Oct 2026
       
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