# taz.de -- Naturschutzkonferenz in Jerewan: Den Korallen und ihren Verbündeten wird es zu warm
       
       > Korallen sind wahre Ökosystemingenieure und erschaffen ganze Welten: Die
       > Weltnaturschutzunion warnt nun vor einem Massensterben ganzer Ökosysteme.
       
 (IMG) Bild: Korallenriff der Insel Porquerolles an der französischen Mittelmeerküste
       
       Das war es dann: Die Weltnaturschutzunion (IUCN) hat an diesem Donnerstag
       am Rande des großen Naturschutzgipfels in Jerewan die Überlebenschancen der
       Korallen beurteilt. Demnach werden wegen der zunehmenden Erderhitzung 96
       Prozent der Flachwasser-Korallenriffe in den Weltmeeren bis 2075 absterben,
       wie [1][eine IUCN-Analyse] ergab. „Korallenriffe bieten Lebensraum für ein
       Viertel aller Meeresarten und dienen als Frühwarnsystem für den Zustand der
       Meere“, erklärte IUCN-Generaldirektorin Grethel Aguilar: „Wir wissen, was
       notwendig ist: ambitionierte Emissionsreduktionen.“
       
       Nach den Gesetzen der Physik gelangt Wärmestrahlung der Sonne viel
       einfacher in die Ozeane als etwa in Sand oder Beton. Bis 2019,
       [2][ermittelte ein Forscherteam] um den Atmosphärenphysiker Lijing Cheng,
       haben die Weltmeere die unvorstellbare Menge von 228 Zettajoule
       aufgenommen: Die Vorsilbe „Zetta“ steht für eine 1 mit 21 Nullen. Um diese
       Energiemenge auch den Laien anschaulich zu machen, rechnete das Team diese
       in jene Energie der Hiroshima-Bombe um. Ergebnis: Im letzten
       Vierteljahrhundert ging so viel Energie in die Weltmeere, wie 3,6
       Milliarden Hiroshima-Atombomben besitzen. Das entspricht statistisch etwa
       vier Atombomben pro Sekunde.
       
       Dass dies nicht ohne Folgen bleibt, davor warnt die Wissenschaft seit
       Langem. Beispielsweise gehen [3][nach Erkenntnis des Weltklimarates IPCC]
       bei einem Anstieg der globalen Temperatur um 1,5 Grad Celsius zwischen 70
       und 90 Prozent aller Korallenriffe verloren. Im vergangenen Jahr lag diese
       Temperatur [4][laut Weltmeteorologie-Organisation WMO] 1,55 Grad über der
       vorindustriellen Zeit, die Konzentration von Treibhausgasen stieg 2024 so
       stark wie nie zuvor. Der [5][„Global Tipping Points Report“] kam 2025 zu
       dem Schluss, dass die Erde ihren ersten Klima-Kipppunkt erreicht hat: Alle
       Korallen dieser Welt werden sterben. Der Bericht war an die
       Weltklimakonferenz COP30 im brasilianischen Belém gerichtet. Erreicht die
       menschengemachte Klimaerhitzung demnach durchschnittlich 2 Grad, werden
       sogar 99 Prozent der Korallen weg sein. Aktuell ist die Menschheit auf
       einem 2,8-Grad-Kurs.
       
       Korallen sind keine bunten Unterwasserpflanzen, sondern Nesseltiere, die
       zumeist in Symbiose mit Mikroalgen leben. Seit rund 500 Millionen Jahren
       ist dieses Zusammenleben ihr Erfolgsrezept. Denn die Algen betreiben
       intensiv Fotosynthese und liefern so den Korallen jene Energie, die sie zum
       Wachstum und zur Kalkskelettbildung benötigen. Wird von Korallen
       gesprochen, sind umgangssprachlich zumeist Steinkorallen gemeint. Von ihnen
       gibt es ungefähr 2.500 verschiedene Arten, sie sind wahre
       Ökosystemingenieure, die ganze Welten aufbauen. Ihre Kalkschalen schufen
       vor Millionen Jahren Kalksteinformationen, die größten von Tieren
       geschaffenen Strukturen auf der Erde. Das Thüringer Becken zwischen
       Hainleite und Erfurt ist zum Beispiel solch eine Landschaft, ebenso die
       Hohenloher Ebene in Baden-Württemberg oder der Kalbenstein im fränkischen
       Maintal.
       
       ## Korallen können sich erholen
       
       Bei hohen Wassertemperaturen kommt es aber zum Abbruch dieser Symbiose, die
       Mikroalgen können einfach nicht mehr. Das führt zur sogenannten
       Korallenbleiche, aus den bunten Unterwasserwelten werden dann eintönige
       Skelettlandschaften. Zwar sind die Korallen damit noch nicht tot, sondern
       nur sehr stark geschwächt. Bleibt die Temperatur aber länger zu hoch,
       kommen die Algen nicht mehr zurück, der Tod der Korallen ist dann
       unausweichlich. Und die menschengemachten Treibhausemissionen steigen immer
       weiter, weshalb nicht mit einem Rückgang der Wassertemperaturen gerechnet
       werden kann.
       
       Ein Drittel aller Riffe sind nach Erhebung der Wissenschaft bereits tot.
       „Weitere 40 Prozent sind stark gefährdet, und nur ungefähr das letzte
       verbleibende Drittel ist noch in einem vergleichsweise guten Zustand“,
       erklärt Christian Wild von der Universität Bremen. Mancherorts verfolgen
       die Wissenschaftler das Korallensterben in Echtzeit, etwa im Great Barrier
       Reef vor der Ostküste Australiens: Dort zeichnen Wissenschaftler [6][das
       Massensterben mit Drohnenüberwachung auf]. Korallen gibt es nicht nur in
       tropischen Gewässern, sie sind auch in kälteren Meeresregionen heimisch, in
       der Irischen See etwa zwischen England und Dublin oder im Meer vor
       Norwegen.
       
       Für ihre nun vorgelegte Analyse untersuchte die IUCN weltweit
       Riff-Ökosysteme in warmen, flachen Gewässern auf einer Fläche so groß wie
       Syrien: Die zunehmenden Hitzewellen würden Massenbleiche verursachen, die
       immer häufiger zu einem großflächigen Korallensterben führten. Zudem würden
       Ozeanversauerung und Überfischung den Ökosystemen schaden. „Das Risiko
       eines Korallenriff-Zusammenbruchs nimmt zu“, erklärte Mishal Gudka,
       wissenschaftlicher Leiter des Projekts. „Doch dies sollte uns wachrütteln
       und nicht zur Verzweiflung verleiten: Korallenriffe haben eine
       bemerkenswerte Fähigkeit, sich von der Bleiche zu erholen.“
       
       22 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://iucn.org/press-release/202610/virtually-all-coral-reef-ecosystems-face-high-risk-collapse-50-years-iucn-red
 (DIR) [2] https://link.springer.com/article/10.1007/s00376-023-2385-2
 (DIR) [3] https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg2/chapter/chapter-3/
 (DIR) [4] https://wmo.int/files/greenhouse-gas-bulletin-no-21
 (DIR) [5] https://global-tipping-points.org/
 (DIR) [6] https://link.springer.com/article/10.1007/s00338-025-02695-w
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nick Reimer
       
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