# taz.de -- Überlebender des ersten NSU-Anschlags: Er redete mit den Wänden darüber, was passiert war
       
       > Am 4. November 2011 enttarnte sich der „NSU“ selbst, nachdem er bereits
       > viele Morde begangen hatte. Das erste Opfer bekam kaum Aufmerksamkeit:
       > Serkan Yıldırım.
       
 (IMG) Bild: „Die Gesellschaft muss wissen, was uns passiert ist“, sagt Serkan Yıldırım 27 Jahre nach dem Anschlag auf ihn
       
       Dass Serkan Yıldırım das erste Opfer des [1][NSU-Terrors] war, wusste er
       sehr lange nicht. Es dauerte viele Jahre, bis er erfuhr, dass die
       Explosion, die er 1999 überlebte, ein rechtsextremistischer Anschlag war.
       Die Behörden, Rechtsanwält*innen und Journalist*innen wussten es
       vor ihm, während Yıldırım mit seinen offenen Fragen allein blieb.
       
       „Jahrelang habe ich zu Hause mit den Wänden darüber geredet, was 1999
       passiert ist“, sagt Serkan Yıldırım. Kurz vor dem 15. Jahrestag der
       Selbstenttarnung des NSU sitzt er in einem Café am Herrenberger
       Hauptbahnhof. Immer wieder greift er zu einer kleinen Metallbox, holt eine
       Zigarette heraus und zündet sie an. „Wollen Sie auch?“, fragt er. Die
       Zigaretten hat er aus seinem Urlaub in der Türkei mitgebracht. Lächelnd
       erzählt er von der Reise und seinen „vier Babys“, die zu Hause auf ihn
       warten – den Katzen Rüzgar, Rüya, Pamuk und Gölge. „Wind, Traum, Baumwolle
       und Schatten.“ Dass Yıldırım heute wieder von Momenten der Geborgenheit und
       Freude in seinem Leben berichten kann, musste er sich hart erkämpfen.
       
       Yıldırım wuchs in Nürnberg als Kind einer alleinstehenden Mutter auf. Seine
       Eltern waren Arbeiter*innen. „Mit meinen zwei Geschwistern hatten wir
       alles, was wir brauchten.“ Als Baby wird bei ihm Leukämie diagnostiziert,
       einen Teil seiner Kindheit verbringt er in Krankenhäusern mit
       Chemotherapien. Erst mit neun Jahren besiegt er die Krankheit.
       
       Im Juni 1999 ist er 18. „Ich habe es geschafft“, denkt er. Er will in die
       Selbstständigkeit starten, etwas Eigenes aufbauen, das sei sein Traum
       gewesen. Mit seinen Eltern übernimmt er das Café Sonnenschein in der Nähe
       des Nürnberger Hauptbahnhofs. „Das war kein Luxusladen“, erzählt er. „Reich
       geworden wäre ich dort nicht, aber für mich, in dem Alter, war es ein
       Erfolg.“
       
       ## Die schwarze Taschenlampe
       
       Die Eröffnung des Cafés Sonnenschein am 22. Juni feiern sie mit vielen
       Menschen. Am nächsten Morgen kommt Yıldırım mit seiner Mutter zurück. Er
       will aufräumen, bevor die ersten Gäste kommen. Die Gläser und das Geschirr
       stehen noch herum. Seine Mutter überredet er, einkaufen zu gehen. „Gott sei
       Dank“, sagt Yıldırım. „Was hätte ich gemacht, wenn meiner Mutter das
       passiert wäre?“
       
       Auf der Toilette findet Yıldırım eine etwa 30 Zentimeter lange schwarze
       Taschenlampe, die er zuvor nie gesehen hat. Als er sie in die Hand nimmt,
       explodiert die Taschenlampe. Die Bundesanwaltschaft stellt später fest: Es
       handelte sich um ein langes Metallrohr, das an beiden Enden mit
       Verschlusskappen verschraubt und mit Schwarzpulver gefüllt war. Yıldırım
       hat Glück: Die Bombe war fehlerhaft zusammengebaut und explodierte deshalb
       nicht so stark wie erwartet. „Sonst wäre ich heute nicht am Leben“, sagt
       er.
       
       Die Explosion schleudert ihn bis zur Tür. Nachbar*innen hören den Knall
       und kommen zu ihm. Kurz darauf verliert Yıldırım das Bewusstsein. Mehrere
       Wochen verbringt er mit schweren Verletzungen im Krankenhaus, bis heute
       zeugen Narben von diesem Tag. Noch am Abend des Anschlags beginnt die
       Kriminalpolizei Nürnberg mit den Ermittlungen, später übernimmt das
       Bayerische Landeskriminalamt.
       
       Yıldırım erlebt bei den Ermittlungen, was viele Angehörige von NSU-Opfern
       später auch durchmachen mussten: eine Täter-Opfer-Umkehr. Ermittelt wird in
       seinem Umfeld und Bekanntenkreis und nicht in der rechten Szene.
       Drogenhandel, Prostitution und Verschleierungsbetrug seien als mögliche
       Ermittlungsansätze genannt worden, erinnert er sich. „Das war armselig“,
       sagt Yıldırım. Er zieht an seiner Zigarette. 27 Jahre später klingt noch
       immer die Wut in seiner Stimme mit.
       
       ## Ermittlungen bald eingestellt
       
       Wenige Monate nach dem Anschlag werden die Ermittlungen eingestellt, ein
       politischer Hintergrund wird ausgeschlossen. Dabei hatte die Polizei erst
       ein Jahr zuvor in einer als Bombenwerkstatt genutzten Garage des NSU-Trios
       in Jena Sprengstoff, Rohrbomben und rechtsextremes Propagandamaterial
       gefunden. Danach tauchten [2][Beate Zschäpe], Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos
       unter. Ob man den Rohrbombenanschlag in Nürnberg mit dem Fund in Jena hätte
       in Verbindung bringen können? Das schließen die Behörden heute aus.
       
       Ermittelt wird wegen fahrlässiger Körperverletzung. Als sei es kein
       gezielter Anschlag gewesen. Ein Zeuge aus dem Bereich der
       Generalbundesanwaltschaft 2022 beim zweiten NSU-Untersuchungsausschuss im
       Bayerischen Landtag sagt, dass er „fahrlässige Körperverletzung jetzt nicht
       so naheliegend“ fand. Auch ein weiterer Ermittler findet, den Fall hätte
       man hochstufen müssen – als Mordversuch. Dadurch habe der Fall bei der
       Polizei auch längere Zeit keine hohe Priorität gehabt. Im Abschlussbericht
       des zweiten Untersuchungsausschusses des Landtags wird zudem festgehalten,
       das Verfahren hätte „etwa im Falle einer Suche nach weiteren unaufgeklärten
       Sprengstoff- oder Mordanschlägen bei den Staatsanwaltschaften überhaupt
       nicht gefunden werden können“.
       
       Die Angst prägt Yıldırıms Alltag. „Ich konnte nicht mehr auf die Straße
       gehen“, sagt er. Lange fällt es ihm sogar schwer, allein auf die Toilette
       zu gehen. Er entschließt sich, Nürnberg zu verlassen, die Stadt, in der er
       geboren und aufgewachsen ist, in der seine Familie und seine Freunde leben.
       
       Im Jahr 2004 zieht er in eine ländlichere Umgebung in die Nähe von
       Herrenberg in Baden-Württemberg. „Ich musste von null anfangen“, sagt er.
       Yıldırım muss Insolvenz beantragen. „Ich hatte in meiner Wohnung nur eine
       Matratze, einen Fernseher“, sagt der heute 46-Jährige. Er litt in diesen
       Jahren unter Depressionen und Angstzuständen. In Herrenberg fängt er an,
       wieder zu arbeiten, mal in einem Dönerladen, mal als Aushilfe. Einen
       eigenen Laden will er nicht mehr. Auch Vertrauen aufzubauen fällt ihm
       schwer. Als er seine jetzige Partnerin kennenlernt, kann er ihr zunächst
       nicht von dem Anschlag erzählen. „Ich hatte Angst, sie zu verlieren und ihr
       auch Angst zu machen.“
       
       ## Aufklärung viele Jahre später
       
       Im November 2011 enttarnt sich der NSU selbst. 2012 wird Carsten S. als
       Waffenlieferant des NSU-Trios festgenommen. Im Jahr darauf berichtet er vor
       dem Oberlandesgericht, von einem fehlgeschlagenen Anschlag von Mundlos und
       Böhnhardt mittels einer Taschenlampe in Nürnberg zu wissen. Noch am selben
       Tag stellen Journalist*innen fest: Das „Taschenlampenattentat“ war in
       Yıldırıms Café Sonnenschein. Die Generalbundesanwaltschaft leitet auch
       bezüglich dieser Tat ein weiteres Ermittlungsverfahren gegen Beate Zschäpe
       ein.
       
       Im Jahr 2013 laden Kriminalbeamte Yıldırım zu einem Termin ein. Der dauert
       mehrere Stunden, er muss mehrere Bilder aus den vielen Akten anschauen.
       Eine Person erkennt er dabei direkt: Susann Eminger. Er hat sie schon mal
       gesehen, weiß aber nicht, wo. Sie und ihr Ehemann André Eminger gehörten
       zum engsten Unterstützerkreis des NSU-Kerntrios. Sie gilt zudem als die
       engste Vertrauensperson und beste Freundin der verurteilten
       Rechtsextremistin Beate Zschäpe. Wen er auf dem Foto gesehen hat, das
       hätten ihm die Beamten damals nicht gesagt, sagt Yıldırım.
       
       Bis er wirklich realisiert, dass er das erste Opfer des NSU-Terrors war,
       dauert es noch Jahre. 2018 erreicht ihn ein Brief von einem Journalisten
       des Bayerischen Rundfunks und einem Rechtsanwalt, der die Nebenklage im
       NSU-Prozess vertritt. Sie finden Yıldırım nach sehr langer Suche in
       Herrenberg. „Wissen Sie, wen Sie damals erkannt haben?“, fragen sie
       Yıldırım.
       
       Erst jetzt wird ihm klar, dass er Opfer rechtsextremen Terrors geworden
       ist. Einerseits ist er erleichtert, endlich zu wissen, was damals geschehen
       ist. Andererseits stellen sich ihm neue Fragen: „Warum ich? Was habe ich
       getan?“ Aus Angst bleibt er zunächst anonym und nennt sich Mehmet O., wenn
       er mit Medien spricht.
       
       ## Als Nebenkläger ausgeschlossen
       
       Später wird Yıldırım als Nebenkläger aus dem NSU-Prozess ausgeschlossen.
       Als Begründung werden „verfahrensökonomische Gründe“ angeführt: Beate
       Zschäpe war bereits zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden, die
       besondere Schwere der Schuld war festgestellt worden.
       
       Zuletzt gab es vor dem Oberlandesgericht Dresden das Verfahren gegen die
       NSU-Unterstützerin Eminger. Wieder wird Yıldırım nicht als Nebenkläger
       zugelassen. Damit konnte Yıldırım bis heute bei keinem Prozess aussagen,
       außer im zweiten Untersuchungsausschuss in Bayern 2022. „Ich bin einfach
       auf die Seite geschoben worden, als ob ich nichts wert bin“, sagt Yıldırım.
       Es würde ihm auch nichts nützen, wenn man ihn jetzt als Opfer anerkennt und
       Mitleid zeigt. „Die haben meine Psyche kaputt gemacht“, sagt Yıldırım.
       Ärztliche Hilfe musste er sich selbst suchen. Bis auf die 13.000 Euro
       Entschädigung habe er keine weitere Unterstützung erhalten.
       
       Erst seit 2025 geht Yıldırım mit seinem Namen an die Öffentlichkeit. Er
       arbeitet heute im Bereich Lebensmittelverpackung als Helfer. Yıldırım
       kämpft weiterhin mit seiner Gesundheit, denn er hatte neben den psychischen
       Problemen auch zweimal einen Gehirntumor, einer ist noch da. Trotz allem
       sagt Yıldırım: „Çok şükür“. Gott sei Dank. Es hätte alles schlimmer kommen
       können. Heute erzählt er in Schulen seine Geschichte, das mache ihm Mut.
       [3][„Die Gesellschaft muss wissen, was uns passiert ist“, sagt er].
       
       Am meisten hilft ihm der Kontakt zu Hinterbliebenen. Vor wenigen Jahren
       lernt Yıldırım bei einer Veranstaltung in Nürnberg Hinterbliebene der
       Familien Şimşek und Taşköprü kennen. Sie beschließen spontan, noch einmal
       ins Café Sonnenschein zu gehen, gemeinsam mit vielen anderen. Es ist das
       erste Mal, das Serkan Yıldırım wieder dort ist. Es habe ihn Überwindung
       gekostet, aber umso größer sei die Erleichterung gewesen.
       
       „Alle sind mitgekommen, gemeinsam haben wir einen schönen Abend gehabt und
       gefeiert“, sagt Yıldırım. „Diesen Abend werde ich nie vergessen.“ Die
       Hinterbliebenenfamilien hätten ihm geholfen, wieder Vertrauen zu anderen zu
       fassen. Aber zum deutschen Staat? „Wie soll man dem Staat dann noch weiter
       glauben?“, fragt er.
       
       Vor wenigen Monaten hat Yıldırım in der Türkei geheiratet, erzählt er
       stolz. Nun hofft er, irgendwann mit seiner Frau in die Türkei ziehen zu
       können. „Vielleicht machen wir dann dort einen kleinen Laden auf.“
       
       31 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Yağmur Ekim Çay
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)
 (DIR) Rechtsextremismus
 (DIR) Anschlag
 (DIR) Schwerpunkt Rassismus
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 (DIR) GNS
 (DIR) Schwerpunkt Rechter Terror
       
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