# taz.de -- 15. Jahrestag der NSU-Terrorserie: Wie die NSU-Helfer davonkamen
> Vor 15 Jahren flog der NSU-Terror auf. Verurteilte Helfer sind wieder auf
> freiem Fuß, andere kamen ohne Strafe davon. Einer wird weiter in der
> Szene gefeiert.
(IMG) Bild: Erinnerung an die zehn Mordopfer des NSU vor dem Kiosk von Habil Kılıç, der 2001 in München vom NSU erschossen wurde
Der frühere Zwickauer Ralf M. soll zuletzt auf einem Konzert im Schweizer
Tuggen, einer kleinen Gemeinde am Zürichsee, gewesen sein – als dort ein
Gast totgeprügelt wurde. Die saarländische Oi-Band Krawallbrüder trat dort
auf und zog auch Rechtsextreme an. Mit Hitler-Grüßen sollen diese
provoziert haben, so berichtete es der Blick. Nach ihrem Rauswurf seien sie
zurückgekehrt und hätten eine Schlägerei provoziert. Ein 27-jähriger
Thüringer wurde dann von einem Neonazi mit einem Faustschlag
niedergestreckt, starb im Krankenhaus. Konzertgast Ralf M. schrieb dennoch
später online: „War gestern eine fette Party.“
Das Pikante: Jener Ralf M. war einst verdächtigt, ein Helfer des
Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) gewesen zu sein. Die einstige
sächsische Neonazigröße [1][soll den abgetauchten NSU-Terroristen Uwe
Mundlos in seiner damaligen Abrissfirma beschäftigt haben]. Beate Zschäpe
wiederum soll in seinem Modeladen aufgetaucht sein. Das Trio lebte damals
abgetaucht in Zwickau. Zugleich war Ralf M. auch V-Mann des Bundesamts für
Verfassungsschutz, Tarnname „Primus“ – und der Geheimdienst will dennoch
nichts über das Zwickauer NSU-Versteck gewusst haben.
Ermittler konnten Kontakte von Ralf M. zu Mundlos und Zschäpe letztlich
nicht nachweisen. Der Neonazi verließ 2007 Zwickau, zog in die Schweiz und
betreibt nun einen Antiquitätenladen – ganz in der Nähe der
Konzertlocation, in der es zur tödlichen Gewalt kam. Sein dortiger Besuch
zeigt: Zumindest Berührungsängste mit der rechtsextremen Szene hat Ralf M.
bis heute nicht. Auf telefonische Nachfrage der taz wollte sich der
54-Jährige nicht äußern, legte direkt auf.
Der Fall Ralf M. ist symptomatisch: Bis heute kamen viele Helfer des NSU
straffrei davon. Die Terrorgruppe ermordete nach dem Abtauchen 1999 neun
migrantische Gewerbetreibende und eine Polizistin, [2][verübte drei
Anschläge] und 15 Raubüberfälle. Bis sich vor genau 15 Jahren, am 4.
November 2011, die Mitglieder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach einem
gescheiterten Banküberfall erschossen und Beate Zschäpe mit dem Versand der
Bekenner-DVDs die Gruppe enttarnte.
## Alle Verfahren eingestellt
Zschäpe wurde 2018 zu lebenslanger Haft verurteilt, [3][die sie bis
mindestens 2035 absitzen muss] – und mit ihr vier Helfer zu Haftstrafen bis
zu zehn Jahren. Zuletzt wurde dann im Juli nur noch eine NSU-Helferin
verurteilt und das sehr mild: Susann Eminger, Zschäpes engste Freundin im
Untergrund, [4][zu zwei Jahren Haft auf Bewährung]. Sie hatte Zschäpe
Papiere und Alibis verschafft. Ihr Mann André Eminger gehörte zu den
Mitverurteilten im Münchner NSU-Prozess, erhielt dort ebenso die mildeste
Strafe, zweieinhalb Jahre Haft.
Opferangehörige zeigten sich über die Urteile gegen die Emingers
enttäuscht. Von einem Skandal sprach Michalina Boulgarides, Tochter des
NSU-Mordopfers Theodoros Boulgarides, nach dem Urteil gegen Susann Eminger.
Dieses komme einem Freispruch gleich, wieder gebe es keine Gerechtigkeit
für die Opfer. Und nicht nur Boulgarides ist überzeugt, dass es weit mehr
NSU-Helfer gab als die bisher Verurteilten.
Auch die Bundesanwaltschaft hatte ursprünglich noch gegen acht weitere
NSU-Helfer ermittelt. Der Zwickauer Ralf M. war nicht dabei, dafür aber
Rechtsextreme, [5][die dem Trio Wohnungen anmieteten, ihm Papiere liehen
oder Waffen geliefert haben sollen] – was teils auch Zschäpe einräumte. All
diese Verfahren sind inzwischen eingestellt. Nur ein Strukturverfahren ist
bei der Bundesanwaltschaft noch offen, falls noch neue Hinweise zum NSU
auftauchen. Verurteilt werden könnte dabei aber nur noch Beteiligungen an
Morden und Anschlägen – alles andere ist verjährt.
## Wohlleben posierte zuletzt mit Rechtsrocker
Und auch die 2018 in München Mitverurteilten sind alle wieder frei. Als
Letzter wurde [6][in diesem Mai Ralf Wohlleben aus der Haft entlassen], zog
zurück nach Sachsen-Anhalt auf einen Hof im Burgenlandkreis, zeigte sich
zuletzt bei einer größeren privaten Feier. Wohlleben hatte dem NSU-Trio die
Waffe für neun der Morde organisiert, eine Ceska 83. Im Prozess hatte er
das bestritten, kein Wort der Reue kundgetan. Noch in der Haft lehnte er
angebotene Teilnahmen an Aussteigerprogrammen ab. Heute hat er etwa als
Auflage, keinen Kontakt zu Zschäpe aufzunehmen.
Dass er der rechtsextremen Szene die Treue hält, machte Wohlleben erst
zuletzt wieder klar. Auf einem Foto posierte er mit dem Rechtsrocksänger
Michael „Lunikoff“ Regener und dem sächsischen Neonazi Benjamin Moses. Dann
gab er dem Neonazi-Magazin „NS Heute“ ein Interview. Dort behauptete er,
dass es kein Helfernetzwerk um das NSU-Trio gab und betonte, dass er
zuletzt „im Hintergrund“ an „bekannten Projekten“ der Szene mitwirkte. Und
er bedankte sich für den „großen Rückhalt“ dieser Szene. Die hatte für ihn
in der Haftzeit Spenden gesammelt und demonstriert. Seine Entlassung
feierte die rechtsextreme „Gefangenenhilfe“: Wo andere in Haft „versagten“,
könne man auf Wohlleben „mit Stolz“ blicken.
## Emingers leben zurückgezogen in Sachsen
Zurückgezogener leben aktuell [7][die NSU-Helfer Susann und André Eminger
im kleinen sächsischen Kirchberg]. Susann Eminger verlor durch den Prozess
ihren Job als Altenpflegerin. Sie behauptet, mit der rechtsextremen Szene
nichts mehr zu tun haben. Auch André Eminger gibt sich nun als Aussteiger,
arbeitet als Kranfahrer und Transporter. Es gab andere Zeiten: Noch im
Münchner NSU-Prozess wurde er von seinem Anwalt als „[8][Nationalsozialist
mit Haut und Haaren]“ bezeichnet oder hielt Kontakt zu einer
Rechtsterroristin des III. Weg – ebenso wie Ralf Wohlleben.
Gamze Kubaşık, deren Vater Mehmet Kubaşık vom NSU ermordet wurde,
kritisiert, dass bis heute nicht das Helfernetzwerk um den NSU aufgedeckt
und verfolgt ist. „Der Terror hat unsere Familien zerstört und da draußen
laufen Helfer der Mörder unbehelligt herum – das ist unerträglich.“ Auch 15
Jahren nach dem NSU-Auffliegen forderten die Familien die volle Wahrheit
über den Terror, so Kubaşık. Und wirkliche Konsequenzen, die bis heute
ebenso fehlten. „Wir werden uns nicht mit halber Aufklärung
zufriedengeben.“
4 Nov 2026
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## AUTOREN
(DIR) Konrad Litschko
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